Kirche und Welt

Mittwoch, 05. Februar 2020

Klare Kante gegen rechts

Ein evangelischer Pastor wehrt sich gegen Neonazis in seinem Dorf

Versteckt sich nicht hinter dem Schreibtisch: Pastor

Steffen Paar kann die Rechtsextremen nicht bekehren, aber er will Klarheit
schaffen und helfen, Ängste zu überwinden.

Im Oktober 2019 prangen in dem 3000-Einwohner-Dorf Sülfeld in Schleswig-Holstein plötzlich Aufkleber mit rechtsextremen Parolen an Schildern. Dahinter
steckt eine Gruppe um den Neonazi Bernd T., der versucht, ein rechtsextremes
Netzwerk zu gründen. Drei seiner Anhänger leben in Sülfeld. Als Dorfbewohner die Aufkleber abkratzen, sprüht ein Neonazi einem Mann Reizgas ins Gesicht und schlägt eine Frau nieder. Das Dorf verfällt in eine Schockstarre. Als Pastor Steffen Paar davon erfährt, verurteilt er die Taten auf der Facebook-Seite seiner
Kirchengemeinde. Er schreibt an die Neonazis und bietet ein Gespräch an. Am Reformationstag plädiert er in seiner Predigt für eine tolerante und offene Gesellschaft. Im Anschluss unternehmen rund 250 Sülfelder einen öffentlichen Spaziergang durch ihr Dorf, um zu zeigen, dass sie sich nicht einschüchtern
lassen. Als sie zur Kirche zurückkehren, sind an vier Autos die Reifen aufgeschlitzt. Paar lässt sich nicht entmutigen. Er spricht auf einer Demo in Bad
Segeberg und schenkt unter dem Motto „Brauner Kaffee statt braune Gesinnung“ Heißgetränke aus. Zugleich führt er Gespräche mit verängstigten
Dorfbewohnern.

Rückendeckung und Kritik

Für sein Engagement gegen Rechts bekommt er von vielen Sülfeldern, aber auch von seiner Landeskirche Rückendeckung. Vereinzelt erntet Paar aber auch Kritik aus dem Dorf. „Manche haben mir gesagt: Du lehnst dich da zu weit aus dem Fenster.“ Den Pastor schreckt das nicht ab. „Ich sehe als Kirchenvertreter
für mich die Verantwortung, ganz klare Kante zu zeigen“, sagt er. Zwar könne er die Rechtsextremen nicht bekehren. „Aber ich kann Klarheit schaffen, indem
ich die Dinge beim Namen nenne, und helfen, Ängste zu überwinden.“ Zu einem Gespräch mit den Neonazis kommt es nicht. Stattdessen chattet er mit anderen Rechtsextremen im Internet. „Das hat mir geholfen, ihre Einstellung zu verstehen“, sagt er. „Ich teile diese Ideologie nicht, aber diese Menschen haben dieselben Sorgen wie wir: die Familie, die Kinder, das eigene Wohlergehen.“ Inzwischen lebt nur noch ein Neonazi in dem Dorf. Es sei eine „gesunde Gelassenheit“ eingekehrt, sagt Paar. Ein Grund, sich zur Ruhe zu setzen, sei das aber nicht. Er möchte regelmäßige Gesprächstreffen organisieren. „Im Dorf ist durch die Auseinandersetzung mit dem Thema Rechtsextremismus ganz viel entstanden. Menschen, die sich vorher nicht kannten, reden plötzlich miteinander. Das möchte ich fortsetzen.“

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