Kirche und Welt

Mittwoch, 26. Juli 2017

Lebenszeichen und letzter Gruß

Zwei Tage vor ihrem Tod berührte der Lebensweg Edith Steins in Schifferstadt nochmals das Bistum Speyer

Auf dem Bahnhof von Schifferstadt erinnert eine Gedenktafel an Edith Stein und an den 7. August, als es hier ein letztes Lebenszeichen von ihr gab. Foto: pilger

Wie Pius XI. in seiner Enzyklika „Mit brennender Sorge“ (1937) hatten die niederländischen Bischöfe zu den Greueltaten der Nationalsozialisten nicht geschwiegen. „Wir erleben eine Zeit großer Not, sowohl auf dem geistlichen wie auf dem materiellen Gebiet.“ Das war der erste Satz eines Hirtenbriefes, der am 26. Juli 1942 in den niederländischen Kirchen verlesen wurde. Bereits im ersten Absatz  kommt die „Not der Juden“ zur Sprache. Die Kirchen zeigen ihre tiefe Erschütterung und beklagen das Leid der Zehntausenden sowie das Bewusstsein, dass die Verordnung gegen die Juden im Gegensatz zum „tiefsten sittlichen Empfinden“ des niederländischen Volkes stehe. Nur Gott allein könne die Not noch lindern, schreiben die Bischöfe in ihrem Hirtenbrief. „Alle menschlichen Mittel sind umsonst gewesen“, heißt es. Schließlich stellen sie die Frage: „Sind wir denn selber nicht auch mitschuldig an den Katastrophen, die uns heimsuchen?“ Den Bischöfen ging es mit dem Hirtenbrief darum, ein Zeichen zu setzen. Sie wollten Christen aller Konfessionen wachrütteln. Denn die Verbrechen gegen die Juden sollten Christen weder bejahen, noch dulden.

Als Gegenschlag auf den Hirtenbrief der niederländischen Bischöfe wurden am darauffolgenden Sonntag alle katholisch getauften Juden von der Gestapo verhaftet, nach Polizeiberichten 244. Die meisten von ihnen wurden über das KZ Amersfoort zum Lager Westerbork gebracht. In der Frühe des Freitagmorgens, am 7. August, ging dann ein verschlossener Eisenbahntransport mit 987 Menschen quer durch Deutschland direkt in das Vernichtungslager Auschwitz. 464 Häftlinge wurden gleich nach der Ankunft für Zwangsarbeiten selektiert. Die verbliebenen 523 Männer, Frauen und Kinder wurden sofort in den Tod durch Vergasung getrieben, unter ihnen Edith Stein. Am 9. August 1942 starb sie in den Gaskammern von Auschwitz.

Begegnung mit Edith Stein am 7. August 1942

Am 7. August 1942 berührte der Lebensweg von Edith Stein auf dem Bahnhof von Schifferstadt noch ein letztes Mal das Bistum Speyer – auf dem Weg ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Am 25. Juni 1986 gab Pfarrer i.R. Ferdinand Meckes (Rodalben) über die kurze Begegnung mit Edith Stein Folgendes zu Protokoll:

Von Speyer kommend, musste ich auf dem Bahnhof in Schifferstadt auf den Anschluss nach Ludwigshafen warten, wo ich in St. Bonifaz Kaplan war. Nur noch zwei Damen standen auf dem gleichen Bahnsteig, etwa 30 Meter von mir entfernt. Auf dem äußersten Bahnsteig Gleis fünf fuhr ein Güterzug ein, Richtung: von Neustadt/W. nach Ludwigshafen – das Ausfahrtssignal stand auf  „Halt“. Es fiel mir auf, dass nach einigen Güterwagen ein Personenwagen mit Soldaten sich befand und, da in den haltenden Wagen sich etwas regte, dachte ich an einen militärischen Viehtransport.

Aus dem vergitterten Lukeloch schauten mich zwei Augen – Menschenaugen – an und eine Männerstimme fragte: „Sie, wo halten wir?“ Meine Antwort: „In Schifferstadt.“ Darauf gab es in diesem Wagen, der also gerade da hielt, wo ich stand, eine Bewegung. Ich machte noch die Bemerkung: „Arme Menschen. Gott helfe euch.“ Eine Frauenstimme spricht mich an: „Waren Sie nicht im Konvikt? Ich kenne Sie.“ Ich gab zurück:  „Doch – wer sind Sie?“ Es kam die Antwort: „Ich bin Schwester Teresia Benedicta a cruce – wissen Sie: Edith Stein.“ Meine Antwort: „Ich kenne Sie!“ Darauf bat sie: „Bestellen Sie bitte liebe Grüße an Prälat Lauer und die Schwestern von St. Magdalena.“

Ich wollte schnell nachsehen, wohin der Transport laufen sollte und wollte zum Zettelkasten an der linken Ecke des Wagens gehen. Drei Soldaten waren aus dem Personenwagen gesprungen – einer rief mich an: „Was ist dahinten los?“ Ich konnte den Zettel nicht entziffern: russische Schreibweise! Ich  drehte mich um und ging wieder bis auf die Mitte des Bahnsteiges zurück.

Einige Sekunden später sah ich vor dem Bahnhof am Gleis eins den Fahrdienstleiter – einen älteren Mann mit roter Mütze – der Zug hatte Ausfahrt und setzte sich langsam in Bewegung. Die drei Soldaten stiegen ein. Edith Stein rief: „Achtung“ und ließ ein kleines Zettelchen (Größe vielleicht 6 mal 8 cm)  herausfallen, das flatternd am hohen Bahnsteig vorbei neben die Schiene fiel.
Ich stellte mich hart an die Bahnsteinkante, behielt den Zettel im Auge und ließ den Zug, den langen Zug mit seinen wohl 50 Wagen – immer schneller  werdend – vorbeirollen. Der Fahrdienstleiter schaute dem wegfahrenden Zug nach, bis der letzte Wagen über die Weichen war und ging in seine Stube. Jetzt sprang ich in die Schienenanlage und hob den Zettel auf, ging sofort auf die beiden Damen zu und sprach sie an: Bitte entschuldigen Sie, dass ich Sie anspreche – sind Sie Lehrerinnen?“ „Ja, warum“,  war ihre Antwort. Ich fuhr fort: „Sie waren in St. Magdalena – dann kennen Sie auch Edith Stein. Schauen Sie, dort, die Schlußlichter – in diesem Güterzug wird sie wegtransportiert. Sie hat diesen Zettel herausgeworfen.“ Sie öffneten den gefalteten Zettel und eine der Damen sagte: „Ja, das ist ihre Schrift.“ Und ich sagte weiter: „Sie hat mir liebe Grüße aufgetragen an Herrn Prälat Lauer und die Schwestern von St. Magdalena.“ Wie aus einem Mund kam zurück: „Das tun wir sofort“, und die beiden eilten davon.
Später, ich meine auf der Beerdigung von Pfarrer und Geistlichem Rat Jakob Ernst in Mundenheim, traf ich Herrn Prälaten Lauer und fragte ihn, ob er die Grüße von Edith Stein überbracht bekommen habe. Auf die Bejahung gab ich ihm zu verstehen, dass ich es war, der mit Edith Stein zuletzt gesprochen habe. (red)

Schwestern vom Kloster St. Magdalena gedenken der heiligen Edith Stein

Anlässlich des 75. Todestages der heiligen Edith Stein, Schwester Teresia Benedicta vom Kreuz, lädt das Kloster St. Magdalena in Speyer am Mittwoch, 9. August (18 Uhr), zu einer Eucharistiefeier ein. Den Gottesdienst hält Prälat Gerhard Fischer.
Die Schwestern von St. Magdalena, wo Edith Stein von 1923 bis 1931 als Lehrerin wirkte und wichtige wissenschafliche Arbeiten verfasste, gedenken bei der Feier nicht nur Edith Steins, sondern  beispielhaft auch anderer deportierter und ermordeter katholisch gewordener Juden; darunter waren viele Ordensleute.

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