Kirche und Welt

Mittwoch, 24. Juni 2020

Macht und Ohnmacht

Priester Michael Wüstenberg über Rassismus und die Rolle der Kirche

Der ehemalige Bischof Michael Wüstenberg freut sich, wenn er wie hier in Hannover Menschen mit afrikanischen Wurzeln trifft. (Foto: Michael Wüstenberg/privat)

25 Jahre hat der Hildesheimer Michael Wüstenberg in Südafrika gearbeitet, von 2008 bis 2017 als Bischof.

Bischof Wüstenberg, was haben Sie empfunden, als Sie die Bilder vom Fall George Floyd gesehen haben?
Das hat mich angekotzt. Das ist ja kein Einzelfall, dass Schwarze von der Polizei angegriffen werden. Mir kamen viele Erinnerungen hoch. In Südafrika habe ich einen sehr systematischen Rassismus kennengelernt.

Was sind das für Erinnerungen?
Als ich 1992 in Aliwal ankam, fielen mir die Hunde der Polizei auf. Die bellten die Leute an und zogen an den Ketten. Als ich an den Hunden vorbeimusste, wurden die ruhig. Sobald Schwarze vorbeigingen, schlugen sie wieder an. Die Hunde waren auf schwarze Menschen trainiert. Das war eine der Methoden, den Leuten Angst zu machen.

Haben Sie Rassismus auch in den Kirchengemeinden in Südafrika erlebt?
Eher von europäischen Priestern oder Ordensleuten ausgehend. Ich habe wunderbare Europäer kennengelernt, die nach Südafrika gekommen waren. Aber es gab auch andere. Eine schwarze Gemeinde hat mir von einem weißen Priester erzählt, der meinte, dass das Erlernen der lokalen Sprache nicht seine Priorität sei. Die Aufgabe der Kirche ist, Menschlichkeit zu verkünden. Wenn jemand das nicht können will in der Sprache, die die Leute verstehen, ist das ein Problem.

Wie schätzen Sie die Lage in Deutschland ein, wenn es um Rassismus geht?
Die Lage ist anders als in Südafrika. Aber Fremdenfeindlichkeit gibt es überall. Nachdem im hessischen Wächtersbach vor einem Jahr ein Eritreer angeschossen wurde, hielt ich am Wochenende darauf einen Gottesdienst in der Nachbargemeinde. Da kann man dieses Thema ja nicht auslassen. Die Reaktion war, dass eine Person aufstand und ging. Mir wurde später gesagt, das sei wegen der Predigt gewesen. Ich habe manchmal den Eindruck, dass rassistische Einstellungen in Deutschland viel mit der gefühlten Macht und der Ohnmacht zu tun haben. Das ging schon mit der Wende los, dass sich Menschen benachteiligt fühlen gegenüber anderen. Da haben sie ja vermutlich sogar recht. Die Frage ist nur, wie man mit diesem Unwohlsein umgeht.

Was könnte die Kirche hier tun?
Mit Blick auf die katholische Soziallehre würde ich mir mehr Einsatz wünschen. Für mich lautet zudem die Frage: Wie kommen Rassismus und Diskriminierung in unserer Verkündigung vor? Wie sind wir als Kirche ein Ort von interkultureller Kompetenz?

Kommen diese Themen ausreichend vor?
Ich habe nicht den Eindruck. Manchmal frage ich mich, wo bei uns diese Lebensthemen bleiben.

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Gespräch: A. Hirschbeck

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