Kirche und Welt

Mittwoch, 06. November 2019

Motoren und Moderatoren

Die Rolle der Kirchen vor und nach dem Mauerfall

Die Kirchen boten Freiräume auch für Gruppen der Friedensbewegung in der damaligen DDR. Foto: KNA

Ohne die Kirchen – vor allem die evangelische – hätte es die friedliche Revolution in der DDR so nicht gegeben. Sie boten Freiräume, schützten die Oppositionellen und waren wichtige Moderatoren in der Übergangsphase. Brandenburgs früherer Ministerpräsident Matthias Platzeck wertete die Ereignisse im Herbst 1989 kürzlich als eine im Kern „evangelische Revolution“. Damit ist die wichtige Rolle der Christen in der Opposition angesprochen wie auch die unterschiedliche Positionierung der Kirchen.

Bilder von überfüllten Gotteshäusern – etwa der Gethsemanekirche oder der Zionskirche in Ost-Berlin oder der Nikolaikirche in Leipzig, aus der die großen Demonstrationen hervorgingen – sind prägend für diese Sicht. In der zweiten Hälfte der 80er Jahre hatten sich zahlreiche evangelische Kirchengemeinden zum schützenden Dach für oppositionelle Gruppen unterschiedlicher Art entwickelt – nicht gerade zur Freude der Kirchenleitungen, die oft mäßigend Einfluss zu nehmen versuchten.
Damals wurde die Zahl der evangelischen Christen in der DDR – bei 16,6 Millionen Einwohnern – auf etwa fünf Millionen und die der Katholiken auf rund eine Million geschätzt; tatsächlich waren es wohl weniger, wie sich später herausstellte. Auf alle Fälle waren die Kirchen die einzigen Organisationen in der DDR, die eine Unabhängigkeit vom Staat behaupten konnten und für viele ihrer Mitglieder nicht nur Räume für freies Denken, sondern auch für das Einüben demokratischer Beteiligung waren.
Die einst staatstragenden evangelischen Kirchen hatten – nach dem „Kirchenkampf“ der SED in den 50er Jahren – in den 70er Jahren ein Selbstverständnis entwickelt, das mit der oft missverstandenen Formel „Kirche im Sozialismus“ umschrieben wurde. Gemeint war damit eine spezifische Form, wie sich Christen in die Gesellschaft einbringen könnten: „Wir wollen Kirche nicht neben, nicht gegen, sondern Kirche im Sozialismus sein“, wie es Bischof Albrecht Schönherr, der Vorsitzende des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR, ausdrückte. Ein Bild, das nicht erst durch die Selbstverbrennung des Zeitzer Pfarrers Oskar Brüsewitz 1976 Risse bekam.
Für die Katholiken als Minderheit in der Minderheit und zugleich sehr bewusster Teil der weltweiten katholischen Kirche kam ein solcher Ansatz nicht in Frage. Prägend war das Konzept des 1979 gestorbenen Berliner Kardinals Alfred Bengsch einer weitgehenden politischen Distanz der Kirche. Unter den damals jungen Bischöfen Joachim Meisner (Berlin) und Joachim Wanke (Erfurt) kam es in den 80er Jahren zu einer gewissen Öffnung der katholischen Kirche, die im großen Katholikentreffen 1987 in Dresden ihren sichtbaren Ausdruck fand. Eine Folge war die Beteiligung der Katholiken an der Ökumenischen Versammlung 1988/89, einer „Auftaktveranstaltung für die Herbstrevolution“, wie sie der spätere „Pax Christi“-Generalsekretär Joachim Garstecki im Rückblick einordnete.
Während sich in den evangelischen Gemeinden mit den politischen „Friedensgebeten“ eine eigene Protestkultur entwickelte, waren die Katholiken mit ihrem stärker liturgisch geprägten Denken zurückhaltender. Hinzu kam, dass mit der Berufung Meisners nach Köln in der katholischen Kirche im Sommer 1989 eine entscheidende Position unbesetzt war, was größere Kurskorrekturen erschwerte. So wirkten sie zaghafter als die Protestanten.
Nichtsdestoweniger arbeiteten auch viele Katholiken in den neu entstehenden oppositionellen Gruppen und Parteien mit. Dabei zeigten sich unterschiedliche Präferenzen: Während zahlreiche Protestanten mehr mit der – in einem evangelischen Pfarrhaus gegründeten – sozialdemokratischen SDP sympathisierten (ab 1990 SPD), zog es viele Katholiken eher in die vormalige „Blockpartei“ CDU. So fanden sich 1990 in den neuen Länderparlamenten viele Katholiken in führenden Positionen und stellten alle Ministerpräsidenten außer in Brandenburg. Dort gewann der evangelische Kirchenjurist Manfred Stolpe für die SPD die Mehrheit.
Besonders in der Übergangszeit vor der Wiedervereinigung spielten die Kirchen gemeinsam eine wichtige öffentliche Rolle: Als überall „Runde Tische“ zusammentraten, an denen Vertreter des alten Regimes und der neuen Kräfte den Wandel friedlich gestalten wollten, fiel den Kirchen fast automatisch die Moderatoren-Rolle zu. Danach zogen sie sich wieder aus dem politischen Geschäft zurück.

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Norbert Zonker

Deutsche Bischofskonferenz

Anzeige

13. November 2019

Debatte um Zölibat geht weiter

Nach der Amazonien-Synode: Unterschiedliche Erwartungen


06. November 2019

Motoren und Moderatoren

Die Rolle der Kirchen vor und nach dem Mauerfall


Anzeige

Abo der Pilger

Bestellen Sie bequem online Ihre persönliche Ausgabe der Kirchenzeitung.

Anmeldung im Benutzerbereich

Passwort vergessen?
neu registrieren