Kirche und Welt

Donnerstag, 08. August 2019

Papst Franziskus mahnt und macht Mut

Ein Brief an die mehr als 400 000 Priester weltweit – Resignation als „schlimmste aller Versuchungen"

Papst Franziskus – Mahner, Mutmacher, Hirte der Priester. Foto: actionpress

Als Priester hat man es nicht leicht. Zumal angesichts des Missbrauchsskandals mancher rechtschaffene Pastor seine Berufswahl in Frage gestellt sehen mag, sei es durch die Ungeheuerlichkeiten, die in der Kirche geschehen sind, sei es durch ungerechtfertigte Angriffe gegen die eigene Person oder einfach nur wegen mangelnder Anerkennung für die täglichen Mühen. So sieht es jedenfalls Papst Franziskus. Jetzt hat sich der oberste Hirt in einem Ermutigungsbrief an seine 414 600 priesterlichen Mitarbeiter gewandt – ausdrücklich zum 160. Todestags des Pfarrers von Ars, der im für Kleriker an sich rüstigen Alter von 73 Jahren an Erschöpfung starb.

Das Schreiben des Papstes beansprucht Bedeutung, formal allein durch seinen Umfang von gut acht Skriptseiten und den Umstand, dass es zeitgleich in acht Sprachen publiziert wurde. Es zeichnet sich auch durch inhaltliche Grundsätzlichkeit aus, indem es von den Konsequenzen des Missbrauchs, von Dank und Zuspruch an die Priester zu einer Verhältnisbestimmung von Klerus und Volk hinleitet. Damit macht der Brief auch eine ekklesiologische Aussage.

Thema Missbrauch im Blick
Franziskus eröffnet unter der Kapitelüberschrift „Schmerz“ mit einem Blick auf den großen Skandal: Es ist „eine Zeit des Leidens“ für Missbrauchsopfer, deren Familien und die ganze Kirche. Das Gebot der Stunde sind aus Sicht des Papstes Reformen, um die „Kultur des Missbrauchs“ mit der Wurzel auszurotten. Ohne etwas aufzurechnen, stellt er fest, dass neben den Tätern unter den Klerikern viele andere „beständig und tadellos alles, was sie sind und haben, zum Wohl der anderen aufwenden“. Manche sehen sich nun zu unrecht Anschuldigungen, Misstrauen oder auch nur inneren Zweifeln ausgesetzt.

Eigene Grenzen anerkennen
Franziskus versucht die „schlimmste aller Versuchungen“ von den Seelsorgern abzuwehren, nämlich sich in Resignation zu verfangen. „Die Dankbarkeit ist immer eine ‚mächtige Waffe‘“, schreibt der Papst – und führt über zwei Seiten auf, was Priester in der Regel ohne großes Lob alltäglich leisten. Dabei fehlt jedoch nicht ein dankender Hinweis auf das einfache Gottesvolk, „durch das der Herr auch uns weidet und für uns sorgt“ – Hirten und Herde bilden eine Symbiose.
Priester sollen ihre Grenzen anerkennen: das verwundete Herz, die eigene Schwäche – Franziskus nennt sie eine „gesegnete Unsicherheit“, weil sie von der Neigung derer befreit, die sich „auf die eigenen Kräfte verlassen und sich den anderen überlegen fühlen, weil sie bestimmte Normen einhalten“. Die entscheidende Kraft muss aus Sicht des Papstes aus der Bitte an den Heiligen Geist kommen, „uns in unserer Schläfrigkeit einen Ruck zu versetzen“; zugleich das Gegengift gegen die „süßliche Traurigkeit“, jene innere Trägheit, vor der die Wüstenväter warnten.
Neben Christus – „unser Herr und Hirte“ – empfiehlt der Papst den Geistlichen normale Christenmenschen als Stütze. Priester sollen sich als „lebendiger und gesunder Teil des Volkes Gottes“ fühlen, schreibt er. „Isoliert euch nicht von den Menschen und den Priestern oder den Gemeinden. Und noch weniger dürft ihr euch in geschlossene und elitäre Gruppen zurückziehen. Das erstickt oder vergiftet am Ende den Geist.“

Teil einer verwundeten Kirche
Es ist nicht das erste Mal, dass sich Franziskus motivierend an Priester wendet. Im Januar 2018 in Chile, als die Eiterbeule des Missbrauchs noch nicht richtig geplatzt war, erinnerte er die Geistlichen, sie seien „keine Superhelden“, sondern selbst Teil einer „verwundeten Kirche“. Erst im folgenden Mai räumte er in seinem Brief an die Katholiken Chiles ein, dass sich die kirchliche Hierarchie ohne Hilfe der gläubigen Basis nicht werde erneuern lassen.
Zeitweise schien Franziskus auch gegen eine eigene Frustration ankämpfen zu müssen – so beim Weltjugendtag in Panama vergangenen Januar, als das Wort „Hoffnungsmüdigkeit“ seine Rede an Priester und Ordensleute durchzog. Damals mahnte er mit dem Bild der Samaritanerin am Brunnen zur Rückkehr an die Quelle lebendigen Wassers, Christus, um sich zu stärken und zu reinigen.

Gott und Volk als Bezugsgrößen
Jetzt führt er Gott und Volk als notwendige Bezugsgrößen des Priesters zusammen. „Wir alle brauchen in schwierigen Zeiten den Trost und die Kraft von Gott und von den Brüdern und Schwestern“, schreibt Franziskus. Den Hirten rät er, nicht nur inmitten ihrer Herde oder vorneweg zu gehen, sondern auch einmal hinter ihr: Damit niemand zurückbleibt, aber „noch aus einem anderen Grund: weil das Volk ‚Spürsinn‘ hat! Spürsinn dafür, neue Wege zu finden.“ (Burkhard Jürgens)

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