Kirche und Welt

Mittwoch, 19. April 2017

Peter Kohlgraf neuer Bischof von Mainz

Auf Kardinal Lehmann folgt wieder ein Theologie-Professor – Glückwünsche von Staat und Kirche

Peter Kohlgraf – der neue Bischof von Mainz. Foto: KNA

Der Theologieprofessor Peter Kohlgraf (50) wird neuer Bischof von Mainz. Die Ernennung durch Papst Franziskus wurde am 19. April zeitgleich im Vatikan und in Mainz bekanntgegeben. Dabei läuteten am Dom alle Glocken. Ein Termin für die Amtseinführung steht noch nicht fest. Im Bistum Mainz beginnt jetzt die Zeit nach Kardinal Karl Lehmann. Der hatte die Diözese fast 33 Jahre geleitet und hinterlässt als früherer Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz und international anerkannter Theologe große Fußstapfen.

In die steigt mit Peter Kohlgraf wieder ein Professor. Und doch wirken Biografie und Veröffentlichungen der beiden so ganz anders. Während Lehmann Dogmatik und damit systematische Theologie dozierte, lehrt der 50-jährige Kohlgraf an der Katholischen Hochschule Mainz eine andere Seite der Medaille: praktische Theologie. Gemeint sind damit vereinfacht gesagt die Theorien über die Umsetzung der christlichen Lehre vor Ort.

Experte für praktische Theologie
Die Themen, mit denen sich Kohlgraf befasst, spiegeln ein breites Spektrum der Fragen wider, die moderne Menschen stellen: Es geht etwa um Vergeben und Verzeihen in Paarbeziehungen, Notfallseelsorge oder die Zukunft christlicher Gemeinden vor dem Hintergrund von Priestermangel und XXL-Pfarreien. Eine Problematik, die in Mainz wie in allen anderen deutschen Diözesen eine Menge an Brisanz birgt.
Denn Handlungsbedarf bestand und besteht fort. „Es wird Aufgabe des neuen Bischofs sein, sich dieses Themas anzunehmen“, heißt es im Bischöflichen Ordinariat. In einer ersten Ansprache im Mainzer Dom – unmittelbar nach der Ernennung – ging Kohlgraf indirekt auch auf dieses Thema ein. Er sprach von seinem Vater, einem Maurer, und der Erfahrung, wie ein Haus entsteht: „langsam, geduldig, Stein auf Stein, und am Ende solide gebaut“. Es brauche dafür „Geduld, einen Plan, Sorgfalt“. Dabei will er Wissenschaft und die Praxis vor Ort verbinden, „damit wir nicht schöne Pläne machen, die ohne Bodenhaftung sind und abstrakt bleiben“.

Dienende Kirche in der Welt
Kohlgrafs Grundüberzeugung ist gleichzeitig der Titel seines Buchs: „Nur eine dienende Kirche dient der Welt“. Der designierte Bischof will eine Kirche, die sich der gesellschaftlichen Realität stellt – „mehr verkündigend als belehrend“. Er warnt davor, sich in einer katholischen Nische zu verstecken. Wer sich abschotten will, muss sich von ihm sagen lassen: „Die Augen vor der Wirklichkeit zu verschließen, war nie katholisch.“ Kohlgraf möchte wie Papst Franziskus an die Ränder. Bis in die Wortwahl hinein ähneln sich seine Ansätze und die des Papstes: Barmherzigkeit, Versöhnung und Vergebung heißen beider Schlüsselbegriffe.
Vor Journalisten bezeichnete Kohlgraf  Ökumene als ein zentrales Thema. Christen könnten heute vor der Welt nur gemeinsam Zeugnis ablegen. Er will künftig auch zu gesellschaftlichen Fragen Stellung nehmen, allerdings „in dosierter Form“.
Kohlgraf stammt aus Köln, wo er auch Abitur machte. Nach dem Theologiestudium in Bonn und Salzburg und der Priesterweihe, die er 1993 gemeinsam mit dem heutigen Hamburger Erzbischof Stefan Heße und dem Kölner Weihbischof Dominikus Schwaderlapp im Kölner Dom erhielt, arbeitete er an mehreren Gymnasien und in der Priesterausbildung.
Parallel begann er eine wissenschaftliche Karriere, die 2012 in einen Lehrstuhl für praktische Theologie in Mainz mündete. Im Dom sagte Kohlgraf, dass ihm Mainz wegen der rheinischen Lebensart sympathisch sei: „Vor Fasse-nacht und Fußball ist mir grundsätzlich nicht bange!“ Er gilt als freundlich und kommunikativ, als Mensch, der auch über sich selbst lachen kann.
Das alles passt zu den Erwartungen, die sein Vorgänger Lehmann für einen Nachfolger formuliert hatte: Er müsse die Bereitschaft zur Offenheit besitzen gegenüber allen Menschen, auch gegenüber denen außerhalb der Kirche. Und er müsse einen „Sinn haben für die Lebensart der Region, speziell auch in Mainz“.   

Gratulationen zur Ernennung
Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) zeigte sich in einem Grußwort überzeugt, dass die Menschen im Bistum Kohlgraf „sehr schnell mit großer Sympathie und Wertschätzung aufnehmen werden“. Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) betonte, Kohlgrafs Erfahrung trage dazu bei, dass „eines der traditionsreichsten Bistümer Deutschlands wieder eine starke Führung“ habe.
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, nannte es bereichernd, „einen Lehrstuhlinhaber in ihren Reihen zu wissen“. Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki sprach von einem „würdigen Nachfolger“ für Lehmann. Kohlgraf sei ein „ausgewiesener intellektueller Geist und überzeugender Priester“.

Wahl aus Dreierliste
Nach fast 33 Jahren im Amt war Lehmann im Vorjahr zurückgetreten. Danach gingen verschiedene Listen mit Kandidatenvorschlägen nach Rom, aus denen der Vatikan seinerseits eine Dreierliste erstellte. Daraus wählte das Mainzer Domkapitel in geheimer Abstimmung Kohlgraf zum Bischof. Nach der Wahl und vor der öffentlichen Ernennung mussten die Landesregierungen von Hessen und Rheinland-Pfalz erklären, dass sie gegen den Gewählten keine Bedenken allgemein-politischer Art haben. (Michael Jacquemain)

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