Kirche und Welt

Mittwoch, 05. Juni 2019

Rundreise: Der Papst in Rumänien

Franziskus wirbt für kulturelle Identität und solidarisches Miteinander

Papst Franziskus Hand in Hand mit Kindern in Landestracht. Foto: actionpress

Bei seiner Rumänienreise (31. Mai bis 2. Juni) wirbt Franziskus mehrfach für kulturelle Identität und solidarisches Miteinander. Und er leistet eine ungewöhnliche Vergebungsbitte. Geistliche Appelle, die allesamt auch politisch bedeutsam sind.

Vom Papst erwartet Razaila Vasile Dorin nichts Besonderes. „Ich finde ihn toll und bin gekommen, um ihn mal zu sehen“, sagt der 16-Jährige in der Roma-Siedlung im siebenbürgischen Blaj – auf Deutsch Blasendorf. Es mache ihn schon stolz, dass das Kirchenoberhaupt in ihren Stadtteil kommt, fügt der Jugendliche hinzu. Dass Franziskus auf der letzten Station seiner dreitägigen Rumänien-Reise, ein kleines Stück Kirchengeschichte schreiben wird, ahnen weder Razaila noch die übrigen gut 300 Roma vor der kleinen Kirche im ältesten Stadtteil von Blaj.

Vergebungsbitte an Roma
Er komme mit einer „Last im Herzen“, gesteht Franziskus. An den „Diskriminierungen, der Segregation und den Misshandlungen“, welche die Roma erlitten haben, seien auch „Christen, Katholiken nicht unbeteiligt“. Und er fährt fort: „Im Namen der Kirche bitte ich den Herrn und euch um Vergebung dafür, wenn wir euch im Laufe der Geschichte diskriminiert, misshandelt oder falsch angeschaut haben.“

Eine Tafel erinnert an den Papstbesuch in der erst Mitte Mai geweihten Kapelle. Erbaut wurde sie auch mit Hilfe der deutschen Privatinitiative „Kirchen für den Osten“. „Ein Akt der Wiedergutmachung in Erinnerung an die Vernichtung unserer Roma-Geschwister während des Zweiten Weltkriegs“, ist dort zu lesen.

Kommunistische Zeit im Blick
Roma sind nur eine von mehreren Bevölkerungsgruppen Rumäniens, denen der Papst in diesen Tagen seine Aufwartung macht. Am Sonntagmorgen würdigt er die griechisch-katholischen Christen und spricht in einer Liturgie nach byzantinischem Ritus sieben Märtyrerbischöfe aus der Zeit des Kommunismus selig.

Blaj gilt als Symbolort rumänischen Nationalbewusstseins. Das „Feld der Freiheit“, auf dem der Papst mit rund 60 000 Gläubigen feiert, ist umrahmt von Büsten rumänischer Nationalhelden, über allem wallt eine riesige blaub-gelb-rote Nationalflagge im warmen Frühsommerwind. Franziskus ist aber nicht gekommen, um überbordenden Nationalstolz zu würdigen. In seinen Ansprachen tut er das Gegenteil, wirbt zugleich für Erhalt und Pflege der unterschiedlichen Kulturen.

Der Papst ist nach Blaj gekommen, weil genau hier die Kommunisten 1948 die griechisch-katholisch Kirche verboten hatten und die Verfolgung ihrer Geistlichen und Gläubigen begann. Er würdigt das Martyrium der sieben Bischöfe, das „ohne Worte des Hasses auf ihre Verfolger“ ausgekommen sei. Eine „prophetische Botschaft“ für heute: „den Hass mit Liebe und Vergebung zu besiegen“. Zugleich warnt er vor neuen „atheistischen Ideologien“, die kulturelle und religiöse Überlieferungen schwächen und die menschliche Person, Ehe und Familie verachten.

Wallfahrt als Symbol der Einheit
Tags zuvor am Samstagmittag setzt er ähnliche Akzente – auf einem regennassen, wolkenverhangenen Berghang in den Ostkarpaten, auf dem etliche grün-weiß-rot gestreifte Fahnen flattern. Sumuleu Ciuc ist der Wallfahrtsort von Rumäniens ungarischer Minderheit. Unter den Kommunisten verboten, wurde die 1990 wiederbelebte Wallfahrt zur Madonna von Sumuleu Ciuc zuletzt auch zu einer Demonstration ungarischen Nationalgefühls. Der Papst hält dagegen.

Die Wallfahrt ehre „zugleich die rumänische wie die ungarische Tradition“, sei „ein Symbol des Dialogs, der Einheit und der Brüderlichkeit“, sagt er vor gut 80 000 Gläubigen. Die Menschen sollten sich durch spaltendes Gerede nicht ihre „gelebte Brüderlichkeit rauben lassen“.

Auch die Regierung in Bukarest, deren Umgang mit Minderheiten international als gut bewertet wird, schaut mit etwas Sorge auf die Ungarn im Land, die wiederum sich hier und da trotzdem diskriminiert fühlen. Gleichwohl stimmten die Rumänen bei der jüngsten Europawahl gegen nationalistische Tendenzen – und gegen die Korruption in den etablierten Parteien.

Rumänien und Europa
Staatspräsident Klaus Johannis, selber lutherischer Christ, und der Papst äußern sich am Freitag zu Beginn des Besuchs sehr ähnlich zu den Herausforderungen für Rumänien und Europa. Wie besorgt Franziskus wegen des Kontinents ist, zeigt er auf dem Rückflug am Sonntagabend. „Betet für Europa!“, bittet er mitreisende Journalisten. Man möge an 1914 oder die 1930er Jahre denken. „Lasst uns nicht dahin zurückkehren“, warnt er.
Ein weiteres Thema der Papstreise, die Ökumene, gestaltet sich in Rumänien weniger heikel als in Bulgarien. Franziskus‘ Verhältnis zum rumänisch-orthodoxen Patriarchen Daniel scheint besser als zum Bulgaren Neofit und dessen Synode. Gleichwohl meinen katholische Stimmen im Land zuletzt eine gewisse Abkühlung auszumachen.

Begegnung mit Orthodoxie
Anders als in Sofia wird Franziskus aber vom rumänischen Patriarchen in die neue orthodoxe Kathedrale, die noch eine Baustelle ist, begleitet. Vor der im Scheinwerferlicht gleißenden vergoldeten Altarwand beten beide vor und mit rund 2 000 Menschen das Vaterunser. Umrahmt von katholischen und orthodoxen Gesängen und jeweils einer kurzen Ansprache, in der insbesondere der Papst für mehr Gemeinsamkeit wirbt.

Daniel nennt die Einladung einen Dank für die Unterstützung seiner orthodoxen Landsleute im Westen. Gleichwohl muss den Regeln der Gastgeberkirche entsprechend das Vaterunser nacheinander gebetet werden. Erst mit dem Papst auf Latein, dann mit dem Patriarchen auf Rumänisch.

(Roland Juchem, kna)

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