Kirche und Welt

Donnerstag, 10. Januar 2019

Spaltung ist bereits Wirklichkeit

Religionssoziologe Roman Lunkin zur Krise der orthodoxen Kirche

Weihnachtsgottesdienst in der Sophia-Kathedrale in Kiew. Seit 5. Januar gibt es in der Ukraine eine eigenständige othodoxe Landeskirche. Foto: actionpress

Der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Bartholomaios I., hat in den ersten Januartagen trotz des heftigen Widerstands der russisch-orthodoxen Kirche die neue ukrainisch-orthodoxe Kirche offiziell anerkannt. Der Direktor des Zentrums für Religionswissenschaften des Europainstituts der Russischen Akademie der Wissenschaften, Roman Lunkin (42), spricht im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur über die Risiken und Chancen für den Moskauer Patriarchen Kyrill I. in der orthodoxen Kirchenkrise.

Herr Lunkin, wie wichtig ist die Ukraine für die russisch-orthodoxe Kirche?
Die russische Kirche ist mit der Ukraine durch die gemeinsame kirchliche und ethnische Geschichte verbunden. Ihr Kirchenzentrum lag die Hälfte der russischen Geschichte in Kiew. Ein erheblicher Teil ihrer Pfarreien und Gläubigen und vielleicht der aktivste Teil der russisch-orthodoxen Kirche befindet sich in der Ukraine. Dort hat sie mehr als 12 000 Pfarreien, in Russland sind es 16 000. Auf politischem Feld ist die Ukraine für die russische Kirche ein Kernland der früheren russischen Welt. Der Verlust der Ukraine schwächt die russische Kirche.

Welche Strategie ist für den Moskauer Patriarchen Kyrill I. am besten geeignet, um den Verlust ukrainischer Gläubiger und Geistlicher abzuwenden?
Der Patriarch von Konstantinopel, Bartholomaios I., hat den Erlass über die kirchliche Eigenständigkeit der vor drei Wochen gegründeten ukrainischen Kirche unterzeichnet. Der russische Patriarch kann jetzt beten und hoffen, dass der Geist der Kleriker der ukrainischen Kirche des Moskauer Patriarchats standhaft ist und sie nicht in die neue unabhängige Kirche wechseln. Patriarch Kyrill I. ist erstens zu empfehlen, dass er keinen Grund für die Aussage liefert, dass sich das Moskauer Patriarchat in die inneren Angelegenheiten der ukrainischen Orthodoxie einmischt – auf irgendeiner Seite und irgendeiner Ebene. Zweitens sollte er nicht die Parolen der offiziellen Außenpolitik und der Medienkampagnen Russlands nachsprechen. Drittens sollte der Patriarch in Russland für die Kirchen in den Nachbarländern ein gutes Vorbild sein bei der Missions- und Sozialarbeit.

Ist ein orthodoxes Schisma, also eine Spaltung, eine echte Option für die russisch-orthodoxe Kirche?

Die einfache Antwort ist: Ja, weil das Schisma bereits Wirklichkeit ist.

Welche Vorteile kann die russische Kirche aus einem orthodoxen Schisma ziehen?
Es gibt zwei Möglichkeiten, Vorteile aus einem Schisma zu ziehen. Zum einen kann es in der politischen Situation, der russisch-ukrainischen Krise, nützlich sein. Zum anderen wird dadurch die Haltung der ukrainischen Regierung gegenüber der Kirche beeinflusst. Die russische Kirche muss sich auf die russische Gesellschaft konzentrieren. Die ist weniger religiös als die ukrainische oder die moldauische. Und am wichtigsten heute: Die russische Kirche muss sich um die Republik Moldau und Weißrussland kümmern.

Was ist das schlimmste denkbare Szenario für den Moskauer Patriarchen im Kampf um die Ukraine?
Die schwere Spaltung der ukrainischen Kirche. Dass ihr Hauptteil zur unabhängigen Kirche von Präsident Poroschenko geht und nur einige Pfarreien und wenige Klöster dem Moskauer Patriarchen treu bleiben. Das kann eine Kettenreaktion auslösen: Der Riss in der Republik Moldau vertieft sich. Das rumänische Patriarchat hat dort bereits ein Bistum gegründet. Und dem weißrussischen Präsidenten Lukaschenko oder seinem Nachfolger könnte die Idee einer unabhängigen Kirche gefallen. Das Ergebnis wäre eine Krise der russischen Kirche.  (Oliver Hinz)

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