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Kirche und Welt

Donnerstag, 12. November 2020

„Tendenz zur Selbstzensur“

Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide sagt, was Deutschland gegen den politischen Islam tun muss

Trauer in Wien: Vertreter verschiedener Religionsgemeinschaften gedenken der Opfer des islamistischen Terroranschlages. (Foto: imago images/Eibner Europa)

Die jüngsten islamistischen Terroranschläge haben Europa erschüttert. Auch Deutschland ist in Gefahr. Mouhanad Khorchide fordert, dass die Politik sich endlich intensiv mit diesem Problem beschäftigen muss. Paris, Dresden, Nizza, Wien. Nach einer Phase relativer Ruhe ziehen islamistische Terroristen wieder eine blutige Spur durch Europa. In Paris wurde ein Geschichtslehrer auf offener Straße enthauptet. In Dresden griff ein Islamist zwei Homosexuelle an und tötete einen von ihnen. In einer katholischen Kirche in Nizza wurden zwei betenden Frauen und einem Küster die Kehlen durchtrennt. In Wien schoss ein Terrorist in der Nähe einer Synagoge um sich, tötete vier Menschen und verletzte 22 weitere teils schwer. Stets riefen die Täter „Allahu Akbar“. „Diese bestialischen Morde werfen unweigerlich auch die Frage nach dem Verhältnis des Islams zur Gewalt neu auf“, sagt der Islamwissenschaftler und Religionspädagoge Mouhanad Khorchide im Gespräch mit dieser Zeitung.

„Extremismus beginnt nicht erst bei Mord“
Der Professor der Uni Münster steht wie der Rest der Mehrheitsgesellschaft erschrocken und wütend vor den sich häufenden Attentaten. Zwar sei bei dem Anschlag in Paris eine Karikatur des Propheten Mohammed Anlass für die Tat gewesen, sagt er. Doch die Ursachen lägen tiefer. „Der politische Islam verbreitet bewusst antiwestliche Ideologien und verhindert, dass sich muslimische Jugendliche mit den europäischen Gesellschaften, in denen sie leben, identifizieren“, sagt Khorchide. Der Religionssoziologe hat beobachtet, wie eine fundamentalistische Lesart des Islams in den vergangenen Jahren tiefe Wurzeln in zahlreichen muslimischen Gemeinden Europas geschlagen hat. In den jungen Männern, die zu Terroristen wurden und werden, sieht Khorchide nur „das letzte Glied einer gefährlichen Kette“. Mit dem CDU-Politiker Carsten Linnemann, Migrationsforscher Ruud Koopmans, dem Extremismus-Experten Ahmad Mansour, der Rechtsanwältin Seyran Ates und anderen Islam-Kennern hat Khorchide vor wenigen Tagen ein Positionspapier veröffentlicht. Darin machen sich die Unterzeichner für die schnellstmögliche Einrichtung einer Dokumentationsstelle „Politischer Islam“ in Deutschland stark. In der Stelle sollen Strukturen, Strategien und Finanzwege fundamentalistischer Muslime recherchiert, offengelegt werden. „Religiöser Extremismus beginnt nicht erst bei Mord, er gedeiht in abgeschottet lebenden Milieus, die sich unseren Werten verschließen“, heißt es in dem Papier. Im Bundesinnenministerium müsse darüber hinaus ein Expertenkreis eingerichtet werden, der auf Grundlage der Erkenntnisse von Wissenschaft und Verfassungsschützern Empfehlungen für den Kampf gegen den Islamismus erarbeitet. Auch die Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass sich die Terrorgefahr in Deutschland stark erhöht hat. Für Khorchide hat die Politik in Deutschland beim Thema Islamismus zu lange weggeschaut. „Es gibt hier eine starke Tendenz zur Selbstzensur. Viele Politiker haben Angst als islamophob abgestempelt zu werden, wenn sie sich mal kritisch äußern“, sagt Khorchide. Das sieht auch Seyran Ates, die Geschäftsführerin der liberalen Berliner Ibn-Rushd-Goethe-Moschee, ähnlich. Die Reaktionen auf den Angriff in Dresden auf die zwei Homosexuellen seien in Deutschland – im Gegensatz zu dem berechtigten und lauten Echo auf rechten Terror – „erschreckend leise und auffallend still“ gewesen, sagt sie. Ates hat zudem beobachtet, dass muslimischen Kindern an einigen deutschen Schulen im Religionsunterricht „ein sehr distanzierter, vielleicht sogar feindlicher Islam anerzogen wird“. Da für den Islamunterricht meist muslimische Verbände zuständig sind, sollten die Bundesländer alle Kooperationsvereinbarungen mit Organisationen aufkündigen, die einen politischen Islam propagieren, fordern Ates und Khorchide. Gute Ansätze für einen besseren Weg sieht Khorchide dagegen in Nordrhein-Westfalen. Dort würden neuerdings gezielt liberale Muslime für den Islamunterricht herangezogen.

„Die Verbände müssen sich endlich öffnen“
Khorchide nimmt auch manch konservativen Islamverband die zudem oft nur leise Verurteilung von Gewalt und Terror nicht so recht ab. „Distanzierung allein reicht nicht. Wenn in den Reden dieselbe Ideologie der Fundamentalisten verbreitet wird“, sagt er. Zudem müssten die Moscheegemeinden künftig aktiv auf Jugendliche zugehen, die sich im Internet radikalisieren. Hier fehlten generationsspezifische Angebote oft ganz. Der wichtigste Schlüssel zu einer Abkehr vom Fundamentalismus aber sei ein anderes, neues Islamverständnis. Der Religionspädagoge spricht sich seit Jahren für eine historisch-kritische Koranauslegung aus. Der Koran dürfe nicht länger nur wortwörtlich ausgelegt werden, wie dies die Fundamentalisten tun. „Um den Islam von Gewaltpotenzialen zu befreien, braucht er eine Reform und dafür müssen sich auch die Verbände endlich öffnen“, sagt Khorchide.

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