Kirche und Welt

Donnerstag, 22. Juni 2017

„Trauer, und mehr noch Dankbarkeit“

Bischof em. Anton Schlembach zum Tod von Bundeskanzler Helmut Kohl

Viele offizielle und private Begegnungen: Bundeskanzler Helmut Kohl und Bischof Anton Schlembach. Foto: Pilger-Archiv/is

Die gesamte Zeit von Dr. Anton Schlembach als Bischof von Speyer hat Dr. Helmut Kohl – die meisten Jahre als amtierender Bundeskanzler – begleitet. Der frühere Speyerer Bischof erinnert sich im folgenden Beitrag an den Verstorbenen. – Redaktion

Der Tod von Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl löst auch bei mir Trauer aus. Noch mehr aber Dankbarkeit.

Schon bei meiner Bischofsweihe im Speyerer Dom am 16. Oktober 1983 war er dabei und begrüßte mich am Ende des Gottesdienstes mit herzlichen Worten. Er bot mir gute Zusammenarbeit an. Ich spürte: Er akzeptiert mich als seinen Bischof, er vesteht sich als Angehöriger des Bistums Speyer, er liebt den Dom, der für ihn religiöse Heimat und politische Inspiration bedeutet.

Bundespräsident Karl Carstens sagte einmal: „Wir müssen als Christen identifizierbar sein, egal ob als Arzt oder Politiker.“ Helmut Kohl war identifizierbar als Christ, als katholischer Christ. Die religiös-kirchliche Sozialisation in seinem Elternhaus und in der Pfarrei blieben sein geistliches Fundament. Wie „das Vaterland“ gehörte auch „der Herrrgott“ zu seinem selbstverständlichen Sprachschatz. Die Teilnahme an der sonntäglichen Eucharistiefeier ein seiner Heimatpfarrei St. Josef in Ludwigshafen, in der Jesuitenkirche in Mannheim, im Speyerer Dom, war für ihn immer neue Verankerung in Gott und Quelle von Kraft und Ermutigung. Wenn er zum Sonntagsgottesdienst in den Dom kam – meistens ohne Voranmeldung und ohne jeden Begleitschutz – verweilte er anschließend oft noch betend und meditierend in der Bank. „Ich wünsche dem deutschen Vaterland Glück und Gottes Segen.“ Das waren 1998 die Schlussworte seiner Ansprache beim Großen Zapfenstreich zu seiner Verabschiedung neben dem hell erleuchteten Speyerer Dom.

Bundeskanzler Kohl glaubte an die Kraft des Gebetes. Bei persönlichen Begegnungen verabschiedete er sich oft mit den Worten: „Ihnen alles Gute, und gedenkten Sie meiner aput altare.“ Sooft er seine Staatsgäste in den Speyerer Dom führte, erklärte er ihnen in der Afrakapelle, wie dieser Ort allen Besuchern, auch ihm persönlich, seelische Ruhe und Erholung schenkt, Selbstfindung und Gottesbegegnung ermöglicht.

Helmut Kohl glaubte an Gott als den Herrn der Geschichte, an Gott als die eigentliche Geschichtsmacht. Bei allem Machtstreben war er sich seiner Letztverantwortung vor ihm tief bewusst. Behutsam, aber deutlich brachte er dies immer wieder auch zum Ausdruck. Bei der entscheidenden Begegnung mit Michail Gorbatschow zur Wiedervereinigung Deutschlands am 15. Juli 1990 sagte er zur Begrüßung: „Wir erleben historisch bedeutsame Jahre. Solche Jahre kommen und gehen. Man nuss die Chance nutzen. Wenn man nicht handelt, sind sie vorbei.“ Er führte Bismarck an mit dem Satz: „Man kann nicht selber etwas schaffen. Man kann nur abwarten, bis man den Schritt Gottes durch die Ereignisse hallen hört, dann vorspringen und den Zipfel seines Mantels fassen – das ist alles.“ Kohl fügte hinzu: „Und die Medien machen daraus dann den vielzitierten Mantel der Geschichte” (Helmut Kohl, Erinnerungen 1990-1994, S. 116).

Unmittelbar vor der Feier der Wiedervereinigung Deutschlands am 1. Oktober 1990 in Berlin frage ein Journalist den Bundeskanzler: Auf was führen Sie dieses große Ereignis zurück? Seine Antwort: „Auf Leistung, auf Fortune, auf Gnade“.

Rückblickend schreibt Helmut Kohl 2007 (in seinen Erinnerungen 1990-1994, S. 656): „Wenn ich heute manchmal die Jahre von 1989 und danach überdenke, kann ich nur mit einem alten deutschen Spruch sagen: Mit Gottes Hilfe sind wir am anderen Ufer angelangt.“

In den zahllosen Nachrufen im In- und Ausland auf den verstorbenen Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl werden dessen Persönlichkeit und politische Lebensleistung für Deutschland, Europa und die Welt umfassend gewürdigt. Die religiöse, christlich-katholische Fundierung darf dabei nicht übersehen oder ausgeblendet werden. Nicht zuletzt sie ist Grund zu Dankbarkeit und verpflichtendem Vermächtnis. (red)

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