Kultur

Mittwoch, 19. September 2018

Das Baltikum: Drei Hauptstädte, drei Kulturen

Papst Franziskus besucht ab 22. September Litauen, Lettland und Estland

Lettlands Metropole Riga war 2014 Kulturhauptstadt Europas. Bei den Letten spielt Musik eine große Rolle. Foto: Shutterstock

Wenn Papst Franziskus Ende September das Baltikum besucht, findet er dort drei verwandte, aber keineswegs identische Kulturen vor. So wie die „Drei Schwestern“ in Tallinn oder die „Drei Brüder“ in Riga: hübsche historische Handelshäuser in direkter Nachbarschaft. Litauen ist durch seine Nähe zu Polen sehr viel stärker katholisch geprägt (nominell 80 Prozent) als Lettland (22 Prozent) und erst recht als Estland (0,4 Prozent). Die südliche der drei Republiken ist die erste und längste Station der Papstreise.

Vilnius, das Jerusalem des Nordens
Deren Hauptstadt Vilnius, deutsch Wilna, ist vor allem für seine Barockarchitektur berühmt. Neben der wuchtigen katholischen Stanislaus-Kathedrale liegt heute wieder das Großfürstliche Schloss. Unter Russlands Zaren zerstört, wurde es seit 2002 wiederaufgebaut; es spiegelt damit auch ein neues nationales Selbstbewusstsein.

Die 1579 gegründete Universität von Vilnius sorgte für ein Klima der Toleranz. So bot Europas Kulturhauptstadt 2009 in früheren Jahrhunderten den verfolgten Juden aus Mitteleuropa und Russland Schutz und wurde zu einem Zentrum der jüdischen Kultur: das „Jerusalem des Nordens“.

Um 1900 stellten Litauer nur zwei Prozent der Bevölkerung, Juden dagegen 40 Prozent. Im Zweiten Weltkrieg wurden alle Polen vertrieben, die Juden flüchteten oder wurden ermordet. Vilnius wurde danach von Litauern und Russen quasi komplett neu besiedelt; heute hat es 575 000 Einwohner.

Riga erinnert ein bisschen an Lübeck
Das lettische Riga ist eine deutsche Gründung. Die Deutschbalten prägten auch die Geschicke der größten Stadt der Region (640 000 Einwohner) bis ins 20. Jahrhundert mit. Rigas Ähnlichkeit mit Lübeck kommt nicht von ungefähr: Mit dessen Gründung 1159 war ein verkehrsgünstiger Ausgangspunkt für den deutschen Ostseehandel entstanden. Albert von Bokeshovede, Bischof von Livland, landete 1201 mit einem Kreuzfahrerheer nahe dem Ufer der Daugava (Düna). Vom 14. Jahrhundert an zählte Riga zu den bedeutendsten Handelsstädten der Ostsee.

Nach dem Eindringen der Reformation folgten Jahrhunderte der Fremdherrschaft: Polen, Schweden und Russland hießen die neuen Herren. Die Deutschbalten stellten in Riga aber noch bis Ende des 18. Jahrhunderts die Bevölkerungsmehrheit. Bis zur Russischen Revolution 1917 spielten sie im gesamten Zarenreich eine  wichtige kulturelle und politische Rolle. Ganz nebenbei ist Riga eine Metropole des europäischen Jugendstils.

Die Jahrhunderte der Fremdherrschaft gipfelten in der Erniedrigung unter dem Sowjetstern. Doch mit enormer Energie haben Rigas Bürger das unerbittliche Grau und Braun der Sowjetzeit in die Vorstädte zurückgedrängt. Lettlands Metropole leuchtet wieder, war 2014 Europas Kulturhauptstadt.

Bei den Letten spielt die Musik eine besondere Rolle. Dass es in Lettland mehr Lieder als Menschen gibt und dass all diese Lieder dennoch gesungen werden wollen, das wird nicht nur in der Mittsommernacht unter Beweis gestellt. Diese Sangesfreude übrigens ist eine der großen Gemeinsamkeiten der drei baltischen Staaten. Ihre traditionellen Sängerfeste wurden in der Sowjetzeit zähneknirschend geduldet. Am Ende waren sie dann nicht mehr einzudämmen. Die Volkslieder wurden zum Fanal, das das Ende der Fremdherrschaft einläutete.

Tallinn, der Musterknabe der EU
Reval ist der jahrhundertealte deutsche Name von Tallinn, Europas Kulturhauptstadt 2011. Wie Riga auferstanden aus Ruinen, präsentiert sich die Schöne im Norden heute als einer der intaktesten mittelalterlichen Stadtkerne des Kontinents: jung, kreativ und anziehend. Auch die estnische Hauptstadt (430 000 Einwohner) blickt auf eine wechselhafte Geschichte zurück: mal dänisch, mal deutsch, schwedisch, russisch, mal finnisch geprägt. Im Spätmittelalter war Tallinn eine wichtige Hansestadt mit einer deutschen Bürgerschaft – die sich von der jeweiligen Obrigkeit ihre weitreichenden Handelsrechte verbriefen ließ. Verwinkelte Straßen, die kleinen und großen Plätze in der voll erhaltenen Stadtbefestigung; und vor allem die alten Bürger-, Handels- und Lagerhäuser aus dem 14. und 15. Jahrhundert zeigen, wie die Warenströme und die Konjunkturkurve damals verliefen: nach oben. Viele Fassaden weisen die typische Dachlukentür auf, in die über eine Rolle Salz, Tee und andere Handelswaren in die Speicher gehievt wurden.

Trotz seines strategisch eminent wichtigen Ostseehafens brachte die Sowjetzeit Tallinn einen tiefen Niedergang. Mit der „Singenden Revolution“ gab es zwar wieder einen Aufbruch in die lang ersehnte Freiheit. Doch zunächst folgte arge Ernüchterung: Die Implosion der Sowjetunion zog zuallererst einen Zusammenbruch der Versorgung nach sich.

Erst die Einführung der estnischen Krone 1993 und auch die Nähe zu Finnland sorgten dafür, dass sich Estland berappelte und zum Musterknaben der EU-Reformstaaten wurde. Die jüngste Regierung Europas, der erste virtuelle Kabinettssaal per Online-Schaltung: Mit solchen Schlagzeilen sorgte die Wiege von WLAN und Skype für Erstaunen. Zugleich klafft auch hier die Schere zwischen Wendegewinnern und -verlierern, zwischen Dabei- und Abgehängtsein. Das Tempo der neuen Zeit können viele nicht mehr mitgehen. (A. Brüggemann, KNA)

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