Kultur

Donnerstag, 15. November 2018

„Ab mit Euch auf den Wörterfriedhof“

Sprache lebt – Wörter werden geboren und sterben und werden letztendlich vom Duden aussortiert

Als „Überschwupper“ würde heute niemand mehr einen Pullover bezeichnen. Foto: The Ligthwriter/Adobe Stock

Zum Totenmonat November lädt der Duden-Verlag zum Besuch auf dem Wortfriedhof ein: Im Buch „Was nicht mehr im Duden steht“ erinnert Lektor Peter Graf an Wörter, die an Altersschwäche gestorben oder auf der Wortmüllkippe gelandet sind. Alle drei bis fünf Jahre wird das Rechtschreibewerk aktualisiert, erläutert Autor Graf. Grundlage ist eine elektronische Textsammlung, der „Dudencorpus“, der mittlerweile mehr als 4,5 Milliarden Wortformen umfasst, geerntet aus literarischen Texten, Zeitungsartikeln bis hin zu Bastel- und Gebrauchsanleitungen.

Ein riesiger Wortschatz, der ständig wächst. So enthielt der „Urduden“ von 1880 gerade mal rund 27 000 Einträge. 145 000 Stichwörter verzeichnet die jüngste, 2017 erschienene Auflage des Rechtschreibe-Dudens. Darunter 5 000 neue Worte von Bierdusche bis Livestream. Doch immer wieder verschwinden Begriffe, weil sie in der Umgangssprache nicht mehr verwendet werden. Die „Sommerfrische“ beispielsweise hat längst den Stempel „veraltend“ aufgedrückt bekommen. „Urlaub“ klingt cooler.

Dabei versprühen viele der Begriffe, die auf dem Wortfriedhof landen, immer noch Charme: Im „Honigseim“ (ungeläuterter Honig, wie er aus den Waben abfließt) klingt das Schmeichlerische („Seine Rede war süß wie Honigseim“) noch mit. Auch Verben wie „fuchsschwänzeln“ („nach dem Mund reden“) oder „verschimpfieren“ („beschimpfen“) lassen Bilder im Kopf entstehen.

Manches verbannte Wort allerdings klingt für heutige Ohren nur noch altbacken. Der „Überschwupper“ (Verdeutschung von „Pullover“) wurde 1941 aus dem Duden getilgt. Der „Schwitzer“ (Verdeutschung von „Sweater“) verschwand erst in den 60er Jahren. Der „Nuditätenschnüffler“ (1934 gestrichen) verweist auf eine andere Zeit, auch wenn die Sittlichkeitswächter noch nicht ausgestorben sind: Diese schrägen Typen entstammten dem prüden Kaiserreich und durchkämmten die Museen, Parks und Bibliotheken, um alles Nackte und Anzügliche auszumerzen.

Wörter werden auch aussortiert, weil sie durch Konkurrenten verdrängt werden: Die „Hundswut“ (gestrichen 1991) wurde von der „Tollwut“ ersetzt, der „Angstmann“ 1961 gestrichen, weil der „Henker“ sich durchsetzte. Der altertümliche „Mohammedanismus“ überlebte noch bis 2013, seitdem gibt es nur noch den Islam. Seit 1929 gestrichen sind auch die „Kodaker“ – jene Amateurfotografen und Paparazzi der ersten Stunde. 1888 hatte Kodak eine erste tragbare Kamera auf den Markt gebracht, mit der man Schnappschüsse auch außerhalb von Fotostudios machen konnte. Vor allem Frauen fühlten sich von „Kodakteufeln“ verfolgt.

Der Duden-Wortfriedhof erzählt auch politische Geschichte. Weil Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg seine Kolonien verlor, verschwanden Ortsnamen wie „Lüderitzland“ (1947) oder abwertende Begriffe wie „Zulukaffer“ (1934) oder „Afrikaander“ (2000).

Bezeichnend dann, dass 1934 neue, ideologisch vergiftete Nazi-Worte für kurze Zeit in den Duden Eingang fanden. Gestrichen wurden sie dann ab der 13. Duden-Auflage von 1947: Betroffen davon waren laut Autor rund fünf Prozent aller Begriffe – darunter die „Blutfahne“, der „Volksschädling“ und der „Volksverräter“. Weitere Streichungen folgten in späteren Auflagen – etwa „Rassenkampf“, „Zinsknechtschaft“ oder „Entvolkung“. Dass mancher AfD-Politiker solches Vokabular wieder aufgreift, hat bislang noch keinen Niederschlag im Duden gefunden.

Auch die deutsche Teilung schlug sich im Rechtschreibewerk nieder: Mit der 14. Auflage – in der DDR 1951 und in der Bundesrepublik 1954 erschienen – begann die Teilung in einen West- und einen Ost-Duden. „Kollektiv“ stand gegen „Team“ und „Kaufhalle“ gegen „Supermarkt“. Bereits 1991 lag wieder ein Einheitsduden vor. Nur wenige DDR-Spezifika schafften es nicht in das gemeinsame Werk, darunter „Thälmannpionier“, „Hausfrauenbrigade“ und „Kaderakte“. (C. Arens, KNA)

Peter Graf, „Was nicht mehr im Duden steht“, Duden-Verlag, Berlin 2018, ISBN: 978-3-411-70384-5, 15 Euro. 

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