Kultur

Freitag, 20. April 2018

Wilhelm Molitors Domlieder neu aufgelegt

Bernhard Adamy stellt Nachforschungen über den Domkapitular, Schriftsteller und Dichter an

Bernhard Adamy im Archiv des „pilger“. Foto: Kraus

„Wilhelm Molitor. Domlieder“ – Diese kleine Notiz in der Bibliographie eines Buches, das Bernhard Adamy bei der Präsentation der Schraudolph-Fresken im Kaisersaal des Doms im Jahr 2012 in die Hand bekam, stand am Anfang eines spannenden Forschungsprojektes. Der 64-jährige promovierte Germanist und Historiker fragte sich damals, was es mit diesen Domliedern auf sich habe, noch nicht ahnend, dass er in den nächsten Jahren unzählige Stunden damit verbringen würde, über das Leben und Werk von Wilhelm Molitor (1819 bis 1880), Domkapitular, Schriftsteller und Dichter, zu forschen. Inzwischen hat er Molitors Domlieder neu aufgelegt, einen Essay über ihn geschrieben und arbeitet nun an einer Monographie über diesen bemerkenswerten Mann, die 2019 erscheinen soll. Beide Bücher gehören zu der Reihe „Schriften des Diözesanarchives Speyer“.

Molitor war einerseits Kirchenhistoriker, Theologe und Geistlicher, andererseits Schriftsteller und Dichter. „Beides hat er reichhaltig bedient“, weiß Bernhard Adamy heute. Am Anfang seiner Nachforschungen standen die Domlieder, deren erste drei Auflagen aus den Jahren 1846, 1864 und 1926 er in der Bibliothek St. Germann fand. Beim Durchsehen der Domlieder, bei denen es sich nicht, wie man vielleicht meinen könnte, um Lieder, sondern um Gedichte handelt, war er gleich fasziniert.

„Gedichte sind mein Spezialgebiet als Germanist. Ich schreibe auch selber Gedichte“, sagt Adamy. „Es gibt mit nur ganz wenigen Ausnahmen nichts den Domliedern vergleichbar Gutes über den Dom von Speyer“, schwärmt er. Die 76 Gedichte führen durch die Jahreszeiten und das Kirchenjahr. Qualitätsmäßig bemerkenswerte Gedichte, die man bewahren sollte, fand Adamy bei Molitor – auch über die Domlieder hinaus – und beschloss, Wilhelm Molitor aus seinem Schlaf zu erwecken, die Domlieder neu aufzulegen und weitere Nachforschungen anzustellen. Gleichzeitig hat er Sponsoren für die Finanzierung der geplanten Bücher gesucht und gefunden.

Er nahm Kontakt auf zum damaligen Leiter des Bistumsarchivs, Hans Ammerich, und zu dessen Nachfolger Thomas Fandel, die Adamys Idee unterstützten. Von Herbert Pohl, dem Leiter der Bibliothek St. German, bekam Adamy das Nekrologium gezeigt, das in der Diözese für jeden Priester geführt wird, und in dem die Werke jedes Priesters verzeichnet sind. Dort fand er rund 40 Werktitel Molitors aufgeführt. Er besorgte sich alle und begann zu lesen. Eine Quelle erschloss die andere. Hier ein Hinweis, dort ein Vermerk und neue Werke Molitors tauchten aus der Versunkenheit auf. Er arbeitete alle Bände des „pilger“ von 1848 bis zum Tode Molitors durch, denn auch dort fanden sich Berichte über Molitor. „Das ist reine Forschung, pures Abenteuer“, erzählt Adamy.

Letztlich hat er rund doppelt so viele Schriften gefunden, wie im Nekrologium aufgeführt waren, und ein Gesamtverzeichnis, sortiert nach Werkgruppen, angelegt. „Eine Schrift war sensationell“, erzählt Adamy und meint „Die kleine Literaturgeschichte für die höhere Töchter-Schule des Klosters St. Magdalena“. „Wenn meine Abiturienten nur ein Zehntel dieses Wissens gehabt hätten, hätte ich mich gefreut“, sagt der pensionierte Lehrer.

Nun hat er viele Mosaiksteine, die er zu einer Monografie zusammensetzen möchte. Schwerpunkte sollen unbekannte Aspekte aus Molitors Biografie sein, so zum Beispiel seine Italienreisen und seine Wirksamkeit als päpstlich bestellter Consultor beim Ersten Vatikanischen Konzil 1869/70. Es war Privatsekretär, Hausgast und Vertrauter von Bischof Nikolaus von Weis. Nach dessen Tod hätte das Bistum Speyer gerne Molitor als neuen Bischof gehabt, doch die bayerische Regierung in München hat Molitor als Ultramontanen abgelehnt. Auch darum geht es in der Monografie. Ebenso wie um das Engagement Molitors für die katholische Presse in der ganzen Pfalz. Er hatte von 1868 bis 1879 die katholische Tageszeitung „Die Rheinpfalz“ herausgegeben – nicht zu verwechseln mit der heutigen  Zeitung gleichen Namens.

Noch existiert all das erst im Kopf von Bernhard Adamy. „Geschrieben habe ich noch kein Wort, ich ordne erst das riesige Material“, erzählt er. Doch eines steht fest: Die Monografie über Molitor soll zwar ein wissenschaftliches, aber kein trockenes Werk werden. „Handlich und essayistisch verpackt, flüssig lesbar soll sie sein, zwischendurch mal ein schöner Schachtelsatz als Highlight“, sagt Adamy augenzwinkernd.

Bernhard Adamy wurde 1953 in Stuttgart geboren, er wuchs in Heilbronn auf, studierte Germanistik und Geschichte an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universiät Frankfurt a.M. und promovierte zum Dr. phil. Er  hat zahlreiche Einzelbeiträge zur Musik- und Literaturgeschichte publiziert. Bis zu seiner Pensionierung war er Gymnasiallehrer. 1998 kam er zum ersten Mal nach Speyer. Seitdem lebt er abwechselnd in Maintal bei Hanau und in Speyer. (ch.kr)

Info:
Wilhelm Molitor, Domlieder
erste erweiterte und kommentierte Auflage
Speyer 2017, 19.80 Euro
zu beziehen im Buchhandel
und über den Pilgerverlag
Hasenpfuhlstraße 33
67346 Speyer
Telefon 06232/31830
Telefax 06232/318399
E-Mail: info@pilger-speyer.de

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