Kultur

Mittwoch, 06. November 2019

Die wahre Geschichte der Rosa B.

Theaterstück über eine besondere Spurensuche und ein bewegendes Schicksal

Rosa B.‘s Enkelin Gabriele Bußmann (links) im Gespräch mit kfd-Frauen. Foto: Hirsch. Foto: Hirsch

Das Theaterstück „Rosa B. – beinah vergessen“ zeichnet ein Frauenschicksal, das nahe geht. Unter der Feder und Regie von Rosa Tritschler präsentiert die Gruppe „WeibsBilder“ des Herxheimer Dorftheaters darin eine bewegende Spurensuche, kreatives Gedenken und späte Solidarität.
Das Stück basiert auf Recherchen von Gabriele Bußmann, deren Großmutter Rosa B. nicht, wie geglaubt, in Amerika starb, sondern 1946 an Auszehrung in der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Klingenmünster. Die sehenswerte fiktive Inszenierung – alle Aufführungen in Herxheim, Osthofen und Klingenmünster waren ausverkauft – besuchten auch 42 kfd-Frauen des Bistums. Und sie tauschten sich mit der Enkelin aus.
Auf der karg ausgestatteten Bühne im Chawwerusch-Theatersaal Herxheim, wo Metallgestelle von transparenten Tüchern umhüllt sind, die die Grenzen zwischen Drinnen und Draußen aufheben und wo Räume durch Licht definiert werden, spürt man Rosa Banzers Leben nach. Per Spurensuche durch die Enkelin, die als Rita (Hildegard Jung) mit der in Amerika geglaubten bewunderten Großmutter Rosa B. (Rebecca Dambach) „kommuniziert“.
Groß ist ihr Schock, als sie im Sterbeschein der Oma ein familiäres Lügengerüst zusammenbrechen sieht und erkennen muss, dass Rosa von den eigenen Eltern in die Anstalt gedrängt wurde. Fotos, Briefe und Krankenakten sowie biografische Skizzen von Patientinnen der Heil- und Pflegeanstalt sind Grundlage für die vielen berührenden wie skurrilen Szenen im Nachzeichnen der Wegmarken von Rosa B. durch die acht herausragend spielenden Weibs-Bilder. Neben den zwei Genannten sind das Gabi Forster (als Mutter Rosina), Claudia Lehmann (Ärztin), Christel Adam (Pflegerin), Elisabeth Volz (Hebamme), Bettina Forster (Ottilie) und Christine Heger-Roos (Klara) – mehrere auch in Doppelrollen.

Unstillbarer Wissensdurst
Man erlebt die 1898 geborene begabte Rosa mit ihrem „schier unstillbaren Wissensdurst“. Sie wird Lehrerin, heiratet 1923 Gottlieb und verliert ihre Stelle, als im selben Jahr das Lehrerinnenzölibat wieder eingeführt wird. Im Jahr darauf wird Sohn Wolfram geboren, Rosa gründet eine Privatschule, ist erfolgreicher als ihr Mann, die Ehe zerbricht. Dennoch folgt sie dem 1929 nach Amerika Ausgewanderten, leidet unter dessen Zurückweisung und kommt nach einem Suizidversuch in eine dortige Psychiatrie.
Als nicht geheilt abgeschoben, kehrt sie nach Landau zurück, wo sie den strengen Eltern, die bereits ihren Jungen aufziehen, zur Last wird. Für die sensible, durch die Krisen geschwächte und depressive Tochter sehen sie nur die Heil- und Pflegeanstalt Klingenmünster als geeigneten Platz. Womit deren Schicksal in der menschenverachtenden Psychiatrie der NS-Zeit besiegelt ist.

„Heimwehtage“
Schwer verkraftbar sind Szenen im Leidensweg der Verlassenen – ihre „Heimwehtage“, die Sehnsucht nach dem Kind und besonders ihre Auszehrung, verordnet per „Hungererlass“ für „unnütze Esser“. Auf 36 Kilo abgemagert stirbt sie 1946 (wie 1 700 weitere Patienten bis 1949, denn im Mai 45 gab es dort keine „Stunde Null“). Frösteln lassen einen auch die Ärztin, die „in Volkes Wille“ handelt; die rabiate Pflegerin im Kommando-Ton; die Eltern, die sich auf die Seite der Peiniger schlagen. Dennoch ist es keine pure Opfergeschichte, kein dokumentarisches Theater. Rückblenden, fiktive und teils humorige Szenen wie der Auftritt der „Glockenhennen“, frappierende Kommentare und, nach anfänglichen Frotzeleien, der gegenseitige Trost in der Gruppe, ja, die Bewunderung für Rosa als „ä ganz G’scheidi“, lockern die Schwere des Stoffs auf.
„Sehr ergreifend“ fanden die kfd-Frauen im Bistum das Theaterstück, das im Anschluss eine Gesprächsrunde mit der Enkelin Gabriele Bußmann vorsah. Auf die Frage von Diözesanreferentin Annette Bauer-Simons, was der Auslöser ihrer Recherche war, sagte Bußmann, sie sie durch eine Fernseh-Sendung über das Auswanderer-Museum in Bremerhafen neugierig geworden. „Sieben Jahre habe ich Akten durchforstet, Briefe gelesen, Fotos studiert und Geschichtsbücher gewälzt“, erzählte sie über das akribische Zusammenfügen der Puzzleteile, unterstützt von Familie, Zeitzeugen und dem  Pfalzklinikum. Ein besonderes Geschenk sei es, Ro Tritschler kennengelernt zu haben, durch deren „visionäres Denken“ das Stück erst entstehen konnte.  Das Werk zeige die Aufarbeitung des mit Fakten belegten grauenvollen Umgangs mit psychisch Kranken in der Anstalt während des NS-Regimes; aber auch, „dass sich hinter jeder Krankenakte ein Mensch verbirgt und so das Vergessen verhindert“.

Die letzte Chance nutzen
Inwieweit die Spielerinnen das Stück beseelt hätten, war eine weitere Frage in der Runde. „Sehr“, befand Bußmann. Die „WeibsBilder“ hätten sich auf mehreren Ebenen mit der Geschichte so stark auseinandergesetzt und seien in der Darstellung so überzeugend, dass man fast von Rosas Freundinnen sprechen könne. Die Spuren der Großmutter seien nun sichtbar, „beide können wir zur Ruhe kommen“. Ro Tritschler nannte es „einen Vertrauensbeweis“, das Material mit sensiblen Daten erhalten zu haben. Es gehe auch um den Schutz der Person, die 14 Jahre ihres Lebens in der Anstalt verbrachte. „Viele biografische Leerstellen habe ich fiktiv gefüllt“, sagte Tritschler. Ein Besucher fühlte sich motiviert, nun die dunklen Seiten der eigenen Familiengeschichte zu erhellen. Bußmann bekräftigte ihn: „Es ist wichtig für Angehörige, diese letzte Chance zu nutzen, uns rennt die Zeit davon“.  

Wegen der großen Nachfrage soll es am 27. und 29. März 2020 weitere Aufführungen geben. Weitere Informationen unter Chawwerusch Theater, Herxheim, Telefon 07276/5991, E-Mail: info@chawwerusch.de

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