Kultur

Dienstag, 21. Mai 2019

Seelsorgekonzept bringt Touristen ins Dorf

Pfarrer Franz Senn gründet vor 150 Jahren den Deutschen Alpenverein

Der Deutsche Alpenverein unterhält mittlerweile 322 Hütten mit rund 20 000 Schlafplätzen und ein Wegenetz in fünfstelliger Kilometerzahl. Foto: DAV/Thilo Brunner

Der Deutsche Alpenverein ist heute mit 1,3 Millionen Mitgliedern eine der größten Organisationen des Landes: Er vereint Wanderer, Kletterer, Bergradler, Skifahrer und Naturschützer. Am Anfang steht der „Gletscherpfarrer“.

Was tut ein junger Priester, der freiwillig in einem abgeschiedenen Tiroler Bergdorf arbeitet? Franz Senn (1831 bis 1884), der studierte Bauernsohn aus dem Ötztal, hat ein neuartiges Seelsorgekonzept vor Augen: Er will die Berge seines Tals für die Touristen aus den Städten erschließen, um den bitterarmen Einheimischen zusätzliche Einnahmen zu verschaffen. Eine Idee mit Zukunft.

Für den Alpinismus, wie ihn Engländer und Franzosen bereits in den Westalpen praktizieren, ist das 1 900 Meter hoch gelegene 50-Seelen-Dorf, in dem Senn 1860 die Seelsorge übernimmt, nicht gerüstet: Es fehlen Bergführer, Gästezimmer und Wege. Nur ein schmaler Ziegenpfad führt in den hintersten Winkel des Ötztals nach Vent. Auf eigene Kosten baut der 29-Jährige kurzerhand sein Pfarrhaus zur Herberge um und beginnt, Bergführer auszubilden. Mit seinem besten Schüler und Freund Cyprian Granbichler gelingen ihm viele Erstbegehungen, die er genau beschreibt. Künstler beauftragt er mit Panoramabildern, die den Wanderern als Kartenmaterial dienen sollen.

Senns Kalkül geht auf; die Gäste kommen. Im ersten Sommer übernachten bei ihm schon 200 Touristen, zehn Jahre später sind es 750. Heute ist das Dorf von acht Alpenvereinshütten umgeben. Ein dichtes Wegenetz erschließt die wilde Bergwelt. Einige der schönsten Touren gehen unmittelbar auf Senn zurück, den die Einheimischen als „Gletscherpfarrer“ verehren. Der Pfarrer ist auch der erste, der einen Katalog mit Rechten, Pflichten und Tarifen für die neue Berufsgruppe der Bergführer verfasst. Die Grundsätze seiner „Ötztaler Führerordnung“ gelten immer noch.

Senn ist ein Einzelkämpfer. Weder das Ordinariat in Brixen noch die Tiroler Landesregierung unterstützen seine Projekte. Auch beim 1862 gegründeten Österreichischen Alpenverein blitzt Senn ab. Die Bergfreunde in Wien sind eher akademisch interessiert. Vergeblich versucht der Geistliche, den Club zu reformieren. Schließlich gründet er mit drei Freunden am 9. Mai 1869 im Münchner Gasthof „Zur Blauen Traube“ den Deutschen Alpenverein (DAV).

„Die Bereisung der Alpen soll erleichtert, Sektionen gebildet, Hospize gebaut, regelmäßige Bergberichte veröffentlicht werden“, heißt es in der maßgeblich von Senn formulierten Satzung. Heute ist der DAV die größte nationale Bergsteigervereinigung der Welt.

322 Hütten unterhält der Verein, dazu ein Wegenetz in fünfstelliger Kilometerzahl. Beider Pflege gehen in Zeiten des Klimawandels zunehmend ins Geld. Immer häufiger zerstören Erdrutsche ganze Wegabschnitte, fordern Behördenauflagen Nachrüstungen. Der Spagat zwischen Natursport und Umweltschutz prägt lebhafte Debatten. Manchem Mitglied ist der bisher nur aus Hotels gewohnte Komfort mit Einzelzimmer und warmer Dusche zu viel des Guten.

Mit der Gründung des DAV erreicht Senn seinen Höhepunkt als Alpenpionier. Ein Jahr zuvor hat er seinen besten Freund verloren – bei einer Bergtragödie, an der er sich mitschuldig fühlt. Es passiert am 7. November 1868 auf dem hochalpinen Übergang vom Schnalstal ins Ötztal: Obwohl Granbichler im Schneetreiben umkehren will, drängt ihn Senn zum Weitergehen, denn der Priester will die Sonntagsmesse nicht verpassen. Nach einem 30-stündigen Gewaltmarsch bricht Senns Bergführer zusammen und stirbt.

Mit Senn geht es gesundheitlich bergab. Ein letztes Aufblühen erlebt der lungenkranke Priester 1881 nach einem Wechsel in seine Wunschpfarrei Neustift im Stubaital. Drei Jahre bleiben ihm, um sich noch einmal mit vollem Einsatz um die Bergführer und weitere Schutzhäuser zu kümmern. Eines davon trägt bis heute seinen Namen. Doch Senns Passion hat auch finanziell ihren Preis. Nach seinem Tod am 31. Januar 1884 kommt sein gesamter Besitz unter den Hammer, um die Schulden für Hütten- und Wegebau zu begleichen.
Zum 150-jährigen Bestehen des DAV und zu Ehren seines Mitgründers Franz Senn lädt die Sektion Dresden am 21. September zu einem katholischen Gottesdienst bei ihrer Hütte in den Stubaier Alpen ein.
(Carola Renzikowsk)

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