Kultur

Mittwoch, 11. Dezember 2019

Medicus oder die Macht des Wissens

Historisches Museum der Pfalz zeigt Sonderschau über die Medizingeschichte. Sie schlägt einen Bogen vom Altertum bis in die Gegenwart

Blick in den Ausstellungsraum, der sich dem Apothekenwesen widmet. Dieses hat sich vor allem im Mittelalter in Klöstern entwickelt. (Foto: Carolin Breckle/Historisches Museum der Pfalz)

Die Stele mit einer Darstellung des Gottes Horus wurde mit Wasser übergossen und dieses anschließend getrunken. Das sollte, so hofften die Menschen im Alten Ägypten, heilsam sein, vor allem bei Schlangenbissen und Skorpionsstichen. Im antiken Mesopotamien sollte ein Amulett die Fieber bringende Dämonin Lamaschtu in Schach halten. Und im Mittelalter versprachen die christlichen Heiligen Genesung von Krankheit und Leiden: der heilige Blasius etwa bei Halsschmerzen, die heilige Margareta bei Geburtskomplikationen.

„Das Zusammenspiel von Glaube, Aberglaube und Medizin lässt sich überall in der Geschichte beobachten“, erklärt Johanna Kätzel vom Historischen Museum der Pfalz in Speyer. Dort eröffnete am 8. Dezember die Sonderausstellung „Medicus – Die Macht des Wissens“. Sie beleuchtet bis zum 21. Juni 2020 die Entwicklung des medizinischen Fortschritts vom Altertum bis zur Gegenwart. Wobei Heilung, Glaube und Magie eng zusammenhingen, wie Wolfgang Leitmeyer, wissenschaftlicher Kurator der Ausstellung, betont. „Ohne Religion ist die Medizin nicht denkbar.“
Ausgangspunkt der Schau ist der Bestsellerroman „Der Medicus“ von Noah Gordon. Er erzählt die Geschichte des Arztes Rob Cole, der im 11. Jahrhundert in London aufwächst und dessen medizinischer Wissensdurst ihn auf eine abenteuerliche Reise nach Persien führt.
Und die Speyerer Ausstellung beginnt dort, von wo auch Rob Cole aufbricht: bei den Badern und Quacksalbern. Neben den Klöstern, die im Mittelalter antikes Heilwissen sammelten und die medizinische Versorgung abdeckten, zogen Heilkundige durch die Dörfer, sie schnitten Bärte und Haare, brannten aber auch Wunden aus oder zogen Zähne.
Von diesem mittelalterlichen Marktplatz mit einem nachgebauten Gefährt eines Baders geht es ins Alte Ägypten und zur mesopotamischen Heilkunde. Dort berichten Tontafeln von Rezepten zur Behandlung verschiedener Krankheiten wie Migräne und Fieber – aber auch Hilfe gegen Haarausfall wird versprochen. Neben Beschwörern und Sehern waren im Alten Ägypten bereits Fachkundige aktiv, die Grundkenntnisse etwa über die Wirkung bestimmter Heilpflanzen besaßen.
Keine Ausstellung über die Medizin kommt an der griechischen Heilkunde vorbei, die als Grundlage der modernen Medizin gilt – mit dem Arzt Hippokrates als geistigem Vater. Zentrale Lehre ist hier die von den vier Säften: Blut, Schleim, gelbe Galle, schwarze Galle. Nur wenn die Zusammensetzung dieser Substanzen im Körper ausgewogen ist, bleibt der Mensch gesund, so die Vorstellung. „Dieses Konzept hat sich lange gehalten, bis weit ins 18. Jahrhundert“, erklärt Museumsdirektor Alexander Schubert.
Zu den Behandlungsmethoden gehörten daher Schröpfkuren ebenso wie Aderlässe und Einläufe, die sich im 17. Jahrhundert gar zu einer Modeerscheinung entwickelten. Blutschüsseln, dekoriert mit dem heiligen Georg als Drachentöter, sowie Einlauf-Instrumente dokumentieren diesen Teil der Medizingeschichte.
Die Objekte, die als Grabbeigaben gefunden wurden, beweisen, dass es in der Medizingeschichte aber auch immer wieder praktisch zuging: Da wurden mit Knochenhebern Brüche behandelt, Blasensteine mit Messern entfernt und mit Nadeln getrübte Linsen im Auge weggedrückt. „Aber längst nicht alle überlebten die Eingriffe“, hält Ausstellungsmacherin Kätzel fest.
Mit moderner Digitaltechnik weckt die Ausstellung derweil Persönlichkeiten der Medizingeschichte zu neuem Leben, so dass Besucher mit ihnen fiktiv ins Gespräch kommen können. Und am Ende stellt der ebenfalls digitalisierte Kabarettist und Arzt Eckart von Hirschhausen die Frage, ob nicht auch heute, allem medizinischen Fortschritt zum Trotz, immer auch ein Stück Glaube zur Heilung gehört.

Näheres zur Ausstellung
„Medicus – Die Macht des Wissens“, bis 21. Juni 2020, Historisches Museum der Pfalz, Domplatz 4, 67346 Speyer, Telefon 06232/620222. Geöffnet von Dienstag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr, der Eintritt beträgt 7 Euro.
www.medicus-ausstellung.de
www.museum.speyer.de

Zu Ausstellung ist ein Katalog für 24,90 Euro erschienen. Es gibt zudem ein Begleitprogramm mit Führungen, Vorträgen, Workhops und Lesungen.

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