Kultur

Mittwoch, 11. November 2015

Am Kreuz der Auferstandene

Zum „Triumphkreuz“ von Otto Hupp im Dom zu Speyer

Im neuromanischen Stil: Das „Triumphkreuz“ von Otto Hupp im Speyerer Dom zeigt den erhöhten Jesus Christus. Foto: conny

Wer den Dom zu Speyer betritt, ist überwältigt von der Majestät dieses Gotteshauses. Das ist der Dom ja zuallererst: Gottes Haus, Kirche. Kirche kommt vom griechischen kyriakos, das heißt: Der Dom gehört dem kyrios, dem auferstandenen Herrn; mehr noch: Er ist von ihm erfüllt, hier ist der auferstandene Herr Jesus Christus gegenwärtig. Darauf weist das mächtige Kreuz, das unmittelbar beim Hauptaltar hängt, zwischen Altarraum und Chorraum. Es wird auch „Triumphkreuz“ genannt, denn es zeigt den Sieg über den Tod, den Jesus Christus ein für allemal errungen hat. Das Kreuz wurde 1906 vom Münchener Maler, Graphiker und Ziseleur Otto Hupp (1859 bis 1949) im Stil der Neoromanik des 19./20. Jahrhunderts geschaffen. Er greift, wie seine Bezeichnung sagt, auf den Stil der Romanik zurück, in dem der Speyerer Dom im 11. Jahrhundert erbaut wurde.

Das Kreuz ist ein Kruzifix, das heißt: An ihm hängt der gekreuzigte Jesus Christus, doch nicht als der gemarterte, qualvoll Gestorbene, sondern als der bereits Auferstandene und Verherrlichte. Der Körper ist weder verkrümmt noch zusammengesunken, sondern aufrecht, und die Wunden sind zurückgenommen. Damit werden Leiden und Sterben Jesu, sein Tod am Kreuz, nicht ausgeblendet: Es bleiben ja das Kreuz selbst und das Todesurteil auf der Tafel über dem Haupt des Gekreuzigten: INRI – Iesus Nazarenus Rex Judaeorum, Jesus von Nazaret, König der Juden (Markus-Evangelium 15,26 und Parallelen). Doch der gekreuzigte Jesus Christus wird auf Sinn und Ziel seines Todes am Kreuz hin dargestellt, und das ist die Erlösung aus Schuld und Tod, die Auferstehung.

Dies zeichnet romanische Kruzifixe aus, die damit der Erhöhungs-Theologie des Apostel Paulus und des Evangelisten Johannes folgen: „Der Menschensohn (muss) erhöht werden, damit jeder, der (an ihn) glaubt, in ihm das ewige Leben hat“ (Johannes-Evangelium 3,14–15). Und: „Ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen“ (Johannes-Evangelium 12,32). Das meint die Erhöhung ans Kreuz, aber auch ins erlöste Leben. Das „Triumphkreuz“ verkündet Jesu Wort „Ich werde alle zu mir ziehen“ als Zusage für die, die gläubig unter ihm stehen: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben“ (Johannes-Evangelium 11,25–26).  

Die Erhöhungs-Theologie findet sich bei Paulus vor allem im „Philipper-Hymnus“, den er als Glaubensbekenntnis vorfand; hier sind Kreuzestod und Erhöhung miteinander verknüpft: „Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich, wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich ... Er erniedrigte sich und war gehorsam … bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: ,Jesus Christus ist der Herr‘ – zur Ehre Gottes des Vaters“ (Philipperbrief 2,6–11).

„Jesus Christus ist der Herr“ ist das älteste Glaubensbekenntnis. Es ist dem „Triumphkreuz“ eingeprägt. Nach Ostern können Kreuz und Kreuzigung Jesu nur im Licht seiner Auferstehung gedacht werden: In seinem Tod am Kreuz hat Jesus Christus den Tod besiegt (erster Korintherbrief 15,1–58). So gibt es auch Kreuze aus Gold und mit Edelsteinen reich verziert. Das zeigt auch dieses „Triumphkreuz“, auf dessen Umrandung Edelsteine im Material angedeutet sind. Im Begriff „Triumphkreuz“ steht der triumphalen Sieg Jesu Christi vor Augen: „Verschlungen ist der Tod vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? Dank sei Gott, der uns den Sieg geschenkt hat durch Jesus Christus, unseren Herrn“ (erster Korintherbrief 15,54–57).           

Diese Botschaft wird in den Evangelien zu allen Zeiten verkündet. Daher sind in den Vierecken an den Enden der beiden Balken des „Triumphkreuzes“ die Symbole der Evangelisten eingebracht: der Mensch für Matthäus, der Löwe für Markus, der Stier für Lukas, der Adler für Johannes. Seit dem vierten Jahrhundert sind diese Symbole gebräuchlich, vor allem in der Auslegung des Buches der Offenbarung durch die Kirchenväter, darin besonders der Vision des Johannes vom Himmelreich, dass „rings um den Thron vier Lebewesen waren … Das erste Lebewesen glich einem Löwen, das zweite einem Stier, das dritte sah aus wie ein Mensch, das vierte glich einem fliegenden Adler ...“ (Buch der Offenbarung 4,6–8). Dies wurde bezogen auf Eigenschaften Jesu Christi im jeweiligen Evangeliums, dessen Verfasser jetzt das entsprechdende Symbol trägt. Diese Vision des Johannes wiederum geht zurück auf das Alte Testament (Buch Ezechiel 1,4–10 und 10,14).

Auch die beiden Buchstaben, die vom Querbalken des „Triumphkreuzes“ herabhängen, verweisen auf den Gottessohn und den irreversiblen Sieg des Lebens: A für Alpha und O für Omega, erster und letzter Buchstabe des griechischen Alphabets; sie stehen für Anfang und Ende und sind Symbol für das Allumfassende, All-Ewige göttlichen Seins. So offenbart sich Gott in seinem Sohn Jesus Christus, dem Auferstandenen und Lebendigen, der wiederkommt: „Siehe, er wird kommen in den Wolken, und jedes Auge wird ihn sehen, auch alle, die ihn durchbohrt haben. … Ich bin das Alpha und Omega, spricht Gott, der Herr, der ist und der war und der kommt, der Herrscher über die ganze Schöpfung“ (Buch der Offenbarung 1,7–8). Und: „Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige: Ich war tot, doch nun lebe ich in alle Ewigkeit“ (1,17–18). Und: „Ich bin das Alpha und Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende“ (22,13).

Zuletzt spricht der „Ort“, an dem das „Triumphkreuz“ hängt – die Nahtstelle von Altarraum, in dem auf dem Altar in der Eucharistiefeier das Lebensopfer Jesu Christi am Kreuz vergegenwärtigt, seine Auferstehung gefeiert und unsere Auferweckung verkündet wird, und Chorraum, der den Blick nach Osten richtet, woher das Licht kommt, das auf den Auferstandenen und Wiederkommenden weist, der zugleich der immer Gegenwärtige ist. Dies entspricht dem in die Architektur gefassten theologischen Grundriss des Domes – das Kreuz, das nach Osten gerichtet ist. So ist der Dom selbst ein „Triumphkreuz“. Er bekennt: „Jesus Christus ist der Herr“ (Philipperbrief 2,11). (kh)

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