Kultur

Freitag, 09. November 2012

Bei ihnen wohnt die Kunst

Ein Besuch bei Vitus Wurmdobler, dem Restaurator der Schraudolph-Fresken

Im schönsten Raum seines Schlosses hat Vitus Wormdobler 30 Jahre lang die Schraudolph-Fresken restauriert, die nun wieder im Speyerer Dom zu sehen sind. Fotos: Lehnen

Die Wurmdoblers bewohnen ein Schloss, mitten im rheinhessischen Erbes-Büdesheim, vor den Toren Alzeys. Es heißt „Weißes Schloss“, ist aber rot angestrichen. Sie haben es gerettet, als es kurz vor dem Abriss stand. Retten, das können beide – sie, Damaris, die Malerin, und er, Vitus, der Restaurator. Sie haben ein Auge für das Wertvolle, auch wenn es verpönt ist. Und so wohnten wertvolle Fresken mit im Schloss, im besten Zimmer, seit 30 Jahren.
Die Fresken befinden sich nicht etwa an der Wand, sie breiten sich aus über Tische und Fußböden. Es sind Bilder aus dem Speyerer Dom, die hier Asyl gefunden haben und Zuwendung. Sie sind riesig und füllen das schöne Zimmer mit seinen holzgetäfelten Wänden völlig aus. Der 67 Jahre alte Restaurator Vitus Wurmdobler widmet sich ihnen seit 30 Jahren. Vor kurzem haben sie ihren neuen Platz im Kaisersaal des Doms bezogen.
Seinerzeit galten sie als Kitsch, fast als Abfall. Man hatte sie ab 1957 aus dem Kirchenbau entfernt. Die Malereien auf Putz des Nazareners Johann Baptist Schraudolph seien „leer und gewichtslos“, hieß es damals, sie störten die romanische Raumwirkung. Wurmdobler war anderer Meinung. Er arbeitete und er wartete. Seine Frau ertrug die Schraudolph-Fresken als Mitbewohner, ertrug vor allem die Chemikaliengerüche, die mit der Rettung der Fresken einhergingen.
Im Retten ist das Künstlerehepaar gut. Das gilt auch für ihr Schloss. Gekauft hatten sie 1976 eine Bruchbude. Keins der 76 Fenster war mehr heil, um das Schloss stand ein vermorschtes Gerüst, Schutthaufen lagen herum, das Treppenhaus war verkohlt, überall hat es hereingeregnet, nach einem Wolkenbruch gab es einen Wasserfall im Haus.
„Das Haus war ganz unten angekommen“, sagt Damaris Wurmdobler. „Die Feuerwehr hat hier Übungen abgehalten. Es stand kurz vor dem Abriss.“ Alle hätten gesagt, sie sollten um Himmels willen von diesem Objekt die Finger lassen. Die junge Malerin und ihr Mann ießen sich nicht abschrecken. „Pioniergeist und Innovation“ hätten das Schwere zurücktreten lassen: „Es war eine Idee da und Aufbruch“, sagt Damaris Wurmdobler, die heute 63 Jahre alt ist. Bis die Tochter des Paares geboren wurde, gab es nicht einmal eine Heizung.
Das Schloss präsentiert sich heute verwunschen schön. Vor der Außentreppe ein Wasserbecken, alles in Grün. Der Giersch darf in den Ritzen wachsen. Das herrliche Treppenhaus im Innern ist fachgerecht restauriert. Engel begrüßen die Besucher und Kunst, Kunst, Kunst. Bei Wurmdoblers hängen Gemälde nicht nur an der Wand, sie stehen auch auf Sesseln, sind an Möbel gelehnt, haben auf dem Sofa Platz genommen.
Skurriles und Feines hat nebeneinander Platz. Hier ist nichts designed, hier ist alles lebendig und nach und nach geworden: das Haus, die Austattung, die Fresken, an denen Vitus Wurmdobler arbeitet, die Engel, die seine Frau gestaltet. Wie die beiden sich um ihre Gäste bemühen, so gehen sie auch mit dem Haus und der Kunst um: Bildern soll es hier gutgehen, es wird ihnen Gutes getan. Und wenn die Kunst krank ist, gelitten hat, dann darf sie in Wurmdoblers Werkstatt auf Heilung hoffen.
Der Restaurator freut sich immer, wenn er Werke wiedersieht, an denen er gearbeitet hat. So wie die Madonna aus dem Speyerer Dom, die manche für zu bunt geraten hielten und die sogar Schlagzeilen machte als „Disco-Queen im Dom“.
Anstrengungslos ist das alles nicht. Damaris Wurmdobler hat in jahrelanger Arbeit 1800 Quadratmeter Fläche der Darmstädter Ludwigskirche ausgemalt: „Ich habe da in der Kuppel gehangen wie eine Fliege an der Decke“, sagt sie. Nach der Arbeit steht oft große Erschöpfung. Und die ist nicht nur körperlich. Damaris Wurmdobler, der stillere, introvertierte Teil des Paars, setzt sich dem immer wieder aus. Erst spürt sie nach, was ein (Kirchen-)Raum ihr sagt, dann präsentiert sie ihre Idee. Oft ist es von da bis zur Realisierung ein weiter Weg: „Die innere Passion, die Überzeugung, bringt die Geduld hervor.“
Und während ihr Mann auf Stadtentdeckungstouren ist oder auch mal Fußball guckt, liebt sie die Natur, streift mit den beiden Hunden umher oder freut sich an ihrer zahmen Dohle. Auch diese Dohle ist bei Wurmdoblers dauerhaft zu Gast. Von den 17 Zimmern im Schloss hat sie eins unter dem Dach bezogen. (Ruth Lehnen)

 

Neben den Fresken im Dom hat Vitus Wurmdobler in den letzten Jahren viele andere Kirchen im Bistum Speyer künstlerisch gestaltet. Seine Arbeiten sind zu sehen in:

- Eisenberg
- Hütschenhausen
- Bruchweiler-Bärenbach
- Bundenthal
- Bobenthal
- Frankenthal
- Heßheim
- Carlsberg
- Waldsee
- Kirchmohr
- Obermohr
- Rockenhausen

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