Kultur

Donnerstag, 12. Oktober 2017

Die farbigen Schätze der Ockerbrüche von Roussillon

Der natürliche Farbstoff diente schon in der Steinzeit für Höhlenmalereien

Die Ockerbrüche von Roussillon in der Provence ziehen in jedem Jahr zahlreiche Besucher an. Foto: actionpress

Der Ocker der Provence wurde bereits in der Steinzeit für Höhlenmalereien verwendet. Lange Zeit lebten die Menschen rund um das wunderschöne Dorf Roussillon östlich von Avignon vom Abbau der Ockererde. Heute leben sie von den Touristen, die kommen, um das Farbspektakel nahe der Felsen und Steinbrüche zu bewundern.

Rot und kräftig leuchten die Felsen bei Sonnenuntergang. Früh am Morgen hingegen sind sie fast hellgrün und leuchtend gelb und blenden die Besucher, die auf dem Sentier des Ocres, dem Ockerlehrpfad, unterwegs zu den spektakulären Ockerfelsen und Ockersteinbrüchen in der Provence sind.

Ausgangspunkt für die kleine Wanderung ist das Dorf Roussillon, das selbst auf einem Ockerfelsen errichtet ist. Die farbenprächtigen Häuser, Dächer und Fassaden leuchten in den rötlichen Tönen der sie umgebenden Natur. Das Dorf liegt im Naturpark Luberon, gilt als eines der schönsten Dörfer Frankreichs und ist eines der meistbesuchten Dörfer in der Provence.

Sein Name Roussillon leitet sich vom lateinischen „vicus russulus“ (Rotes Dorf) ab. Lange Zeit lebten die Dorfbewohner vom Abbau der Ockererde. Tatsächlich wurde der Ocker der Provence bereits in der Steinzeit für Höhlenmalereien verwendet. In römischen Zeiten verwendete man das Ocker-Pigment vor allem für das Färben von Textilien und das Bemalen von Töpferwaren. Im Mittelalter aber gerieten die Brüche und ihre farbigen Schätze in Vergessenheit. Erst während der Französischen Revolution wurden sie wiederentdeckt. Ende des 18. Jahrhunderts und mit zunehmender Industrialisierung wurden Pigmente nicht mehr nur für Malfarben oder das Einfärben von Mörtel für Hausputze benutzt. Farbpigmente benötigte man auch bei der Herstellung von Lebensmitteln und Kosmetik. Hier war es natürlich erforderlich, ungiftige Pigmente zu verarbeiten. Diese Vorgaben erfüllten die Ockerpigmente. Ockerfarbe aus Roussillon wurde in die ganzeWelt exportiert. Auf dem Höhepunkt in den Jahren zwischen 1900 bis 1930 wurden in Roussillon jährlich bis zu 35000 Tonnen Gestein verarbeitet. Doch die Entwicklung synthetischer Farbstoffe verdrängte das mineralische Pigment nahezu vollständig aus den industriellen Fertigungsprozessen.

Heute feiert der Ocker als natürliches Pigment eine Wiedergeburt, dient Malern und Töpfern, aber auch als Grundstoff für das Baugewerbe. In Roussillon wird nur noch in einem kleinen Bereich Ocker abgebaut. Stattdessen leben die Bewohner von den Touristen, die die Ockerfelsen bewundern. Zum Beispiel Renate aus Hildesheim. „Die Farben ändern sich von Minute zu Minute, von Hellgrün zu Gelb bis hin zu einem dunkeln Orange“, erzählt die begeisterte Naturliebhaberin, die schon zum wiederholten Mal „ihre“ Ockerbrüche besucht. Mit einer Schar Gleichgesinnter hat sie sich früh am Morgen vom Parkplatz am Dorfrand auf den Weg gemacht.
Schon nach kurzer Zeit bietet sich ein herrlicher Überblick auf die Landschaft mit ihren bizarren Formen, Spitzen und Hügeln, die durch jahrhundertelange Erosion entstanden sind. „Morgens früh und am späten Nachmittag kurz vor Sonnenuntergang sehen sie am faszinierendsten aus“, weiß die Spezialistin in Sachen Ockerfelsen. Ein beschilderter Rundweg führt durch die Ockersteinbrüche. Die Erde ist leuchtend rot, stellenweise orange. Manchmal geht sie ins Gelbe oder sogar ins Grüne, und bei Sonnenuntergang wirkt sie dunkelviolett. Entstanden sind die bizarren Formen durch Erosion und durch den Rückzug des Meeres vor Millionen Jahren. Die Kalklagerstätten verwandelten sich unter dem Einfluss sintflutartiger Regenfälle in ockerhaltigen Sand. Fast jeder Winkel der Brüche bietet herrliche Fotomotive, und wer lieber selbst malt, findet in Roussillon zahlreiche Möglichkeiten, Ockerpigmente zu kaufen, um den Eindruck zu Hause perfekt werden zu lassen.

Glücklich, aber von oben bis unten mit Staub bedeckt, kehren die Wanderer nach einer guten Stunde zurück, vorbei an den schroffen Wänden und dem Schauspiel der sich ständig abwechselnden Farben. Der Kontrast zum inzwischen strahlend blauen Himmel und dem satten Grün der Pinien und Sträucher ist faszinierend. Zurück im Dorf Roussillon angelangt, spülen sich die Wanderer in den kleinen Cafés und Tavernen den Staub aus den Kehlen. Zugleich genießen sie den Blick auf die malerischen Stufengassen im alten Dorfkern mit seinen Gewölbegängen und Häusern aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Sehenswert: die Stufengassen im alten Dorfkern, sehenswert ist auch die romanische Kirche Saint-Michel (11. Jahrhundert) mit schöner Fassade aus dem 17. Jahrhundert.

Von der Ruhe, die einst Maler, Musiker und Schriftsteller vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg hierher zog, ist in der Ferienzeit nur noch wenig zu spüren. Wie Gordes oder Fontain de la Vaucluse zieht auch Roussillon  viele Provence-Reisende an. Trotzdem kohnt der Besuch, wegen der Ockerbrüche und der grandiosen Aussicht – bis hinüber zum Mont Ventoux, den Berg der Provence. (Ruth Bourgeois)

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