Kultur

Mittwoch, 21. August 2019

„Die Schöne Seele der streitbaren Kirche“

Zum 200. Geburtstag des Speyerer Domkapitulars Wilhelm Molitor – Jurist, Theologe und Literat

Die Porträtaufnahme des Domkapitulars Wilhelm Molitor entstand vermutlich in den 1860er Jahren. Foto: Bistumsarchiv Speyer

Der meist auf Politiker bezogene Satz „Er hat sich um sein Land verdient gemacht“ darf mit Blick auf Domkapitular Wilhelm Molitor variiert werden: Er hat sich um sein Bistum verdient gemacht! Und mehr: Er hat sich um die katholische Kirche verdient gemacht, um das christliche Welt- und Selbstverständnis seiner Zeitgenossen – und um die deutsche Sprache und Literatur. Doch sind diese Verdienste Molitors gegenwärtig nahezu unbekannt.

Da ist es nun längst an der Zeit, an sie und an Molitors fast vergessene Persönlichkeit zu erinnern, die im 19. Jahrhundert die Kultur des deutschen Südwestens mitbeeinflusst hat. Anlass dazu gibt jetzt Molitors 200. Geburtstag am 24. August. Nach der Wiederauflage der berühmten „Domlieder“-Gedichtsammlung 2017 soll Ende 2019 die erste Monografie über den vielseitig begabten, einst einflussreichen Speyerer Domkapitular erscheinen; geplanter Titel: „Wilhelm Molitor oder die Schöne Seele der streitbaren Kirche“.

Anhand lange vergessener Dokumente aus dem Archiv des Bistums Speyer und aus Beständen anderer Archive und Bibliotheken wird ein ganz neues und in seiner Vielfalt faszinierendes Bild des in Zweibrücken gebürtigen Sohnes einer bekennenden katholischen Juristenfamilie aus dem mittelständischen Bildungsbürgertum gezeichnet. Dazu kommt, ebenfalls ein Novum, die Erstellung eines vollständigen Werkverzeichnisses, das Molitors Schaffen wenigstens wieder vergegenwärtigt und, soweit möglich, zugänglich macht.
Da zeigte sich denn, wie produktiv und fleißig Molitor war. Seit Jugendjahren schrieb er Zeitungsartikel (die allerdings verloren sind) und Belletristisches: Romane – so in frühen Jahren „Die schöne Zweibrückerin“ (1844), später die in ihrer literaturgeschichtlichen Bedeutung nie erkannten „Memoiren eines Todtenkopfes“ (1875) und den nicht weniger bemerkenswerten „Gast im Kyffhäuser“ (1876)). Molitor schuf fast 20 Bühnenstücke, darunter das Buch zu der Oper „Loreley“ von Ignaz Lachner (1846). Er bereicherte die deutsche Poesie mit den 76 „Domliedern“ und zahlreichen anderen, thematisch vielfältigen, stets formvollendeten Gedichten, die erst 1884 nach seinem Tod ediert wurden. Und er ist als Verfasser zahlreicher Abhandlungen, Essays, Vorworte und Ansprachen zu nennen, nicht zuletzt als Autor kirchengeschichtlicher und kirchenrechtlicher Texte sowie einer – heute noch lesenswerten – dreibändigen Predigtsammlung.

Er betätigte sich auch als Übersetzer aus dem Lateinischen, Italienischen und Französischen (Louis Veuillots „Le parfume de Rome“) – und als Reiseschriftsteller, der einige großartige Essays, 30 „Briefe“ und einen 300-seitigen kunsthistorischen „Wegweiser“ über Rom geschrieben hat. Nach Rom kam Molitor zunächst zweimal (1856 und 1862) auf quasi amtlichen Reisen als Begleiter des Speyerer Bischofs Nikolaus von Weis. Später lebte er in der Ewigen Stadt (1868 bis 1870 mit Unterbrechungen) als „Consultor“ (Vorbereiter und Berater) des Ersten Vatikanischen Konzils, auf Grund bischöflicher Protektion von Papst Pius IX., der Molitor zuvor mit dem Dr. theol.h.c. ausgezeichnet hatte, höchstpersönlich dorthin berufen.

Da war Molitor schon ein prominenter ultramontaner (papsttreu-romorientierter) Katholik, der über Deutschland hinaus diesen Ruf hatte und dem Heiligen Vater, der ihn auch in Privataudienz empfing und ihm schrieb, viel Freude machte als konservativer Hardliner. Sein Leben lang profilierte sich Molitor als Vertreter der Ecclesia militans, der streitbaren Kirche. Deshalb war er für die Regierung in München (so formulierte er das selbst) eine „bête noir“, eine schwarze Bestie – und wurde 1870 nicht der Nachfolger von Nikolaus von Weis als Bischof von Speyer, als der er für die konservativen Katholiken des Bistums bereits feststand.

„Karriere“ hatte Molitor mühelos, aber unambitioniert gemacht. Ursprünglich war er Jurist. Als Sekretär der Bezirksregierung in Speyer trat er in den bayerischen Staatsdienst, kündigte diese Stellung aber aus Protest gegen die Revolution 1848/49, als er einen neuen Amts- und Treueeid leisten sollte, studierte Theologie und wurde 1851 in Speyer zum Priester geweiht. Nikolaus von Weis holte das tüchtige Multitalent sogleich zu sich ins Bischofshaus und machte Molitor zu seinem Sekretär (und Vertrauten), zum Geistlichen Rat und zum Besorger diverser Verwaltungsaufgaben.  1857 wurde Molitor ins Domkapitel gewählt, zugleich Summus Custos des Domes. An der Freskierung der Kathedrale hatte er durch eine freundschaftliche Beziehung zu Johannes von Schraudolph und in Verbindung mit Weis längst Anteil genommen. Er beriet das Bildprogramm und war überhaupt der Erste, der über die Fresken schrieb (1849). Mitte der 1850er Jahre wirkte Molitor beratend bei der Neugestaltung des Westwerks der Kathedrale mit. 1861 verfasste er anlässlich der 800-Jahr-Feier der Domweihe sein berühmtes, auch heute noch gern gesungenes  Marienlied „O Königin voll Herrlichkeit“.
Molitors immensem kunst- und literaturgeschichtlichem Wissen verdankt sich auch die Restaurierung des Bossweilerer Altars und die Entstehung einer (nie beachteten) kleinen Literaturgeschichte „für die höhere Töchterschule des St.-Magdalenen-Klosters in Speyer“ (1876).

Der Domkapitular hatte noch manche Talente und Ambitionen, z.B. politische. Aber sowohl als Kandidat des Zentrums für den Reichstag als auch als Abgeordneter der Patriotenpartei im bayerischen Landtag (1875 bis 1877) war er ohne Fortune. Problematisch blieb auch die von ihm mitbegründete und begeistert unterstützte katholische Tageszeitung „Die Rheinpfalz“, die von 1868 bis 1879 in Speyer erschien und im Kulturkampf energisch die katholische Sache vertrat.

Molitor starb am 11. Januar 1880 – viel zu früh, unerwartet und tief betrauert, an schleichender Knochentuberkulose, die ihm die letzten eineinhalb Jahre zum Martyrium machte. Bis zuletzt geistig klar, an literarischen Texten arbeitend, schrieb er auf dem Totenbett, längst nicht mehr fähig, die Wohnung zu verlassen, noch ein schlichtes, bewegendes kurzes Gedicht, das die erwähnte Sammlung seiner Gedichte beschließt:

Grüß‘ mir des Himmels lachend Blau,
Grüß‘ mir die Berge, grüß‘ die Au,
Den Sonnenblick, der Wolken Zug
– Du kannst sie grüßen nie genug.
Grüß‘ mir die Blum‘ an duft‘ger Halde
Und jedes grüne Blatt im Walde:
Und liegt eins welk und kümmerlich,
Gedenke mein und bet‘ für mich!

„Wir verweilten“, schreibt Jacob Bisson in seinem Buch „Sieben Speyerer Bischöfe“ (1956), „etwas länger bei Molitor. Er hat es verdient. Er war eine Zierde des Speyerer Domkapitels.“ (Dr. Bernhard Adamy)

Dr. Bernhard Adamy, Germanist und Historiker, ist Herausgeber des Bandes „Domlieder“ und der demnächst erscheinenden Monografie über Molitor in der Schriftenreihe des Bistumsarchivs .

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