Kultur

Donnerstag, 24. Januar 2019

Fast auf der Liste bedrohter Arten

Handschrift kommt immer mehr aus der Mode – Welttag wirbt für ihre Rettung

Eine Handschrift ist individuell, unverwechselbar und eine alte erhaltenswerte Kulturtechnik. Foto: Pixabay

Glaubt man Bildungsexperten, stellt das Schreiben mit der Hand im Zeitalter von Computer, Tablet und Handy immer mehr Bundesbürger vor Probleme.
Stirbt die Handschrift aus? Der Welttag der Handschrift am 23. Januar soll das verhindern. Der Tag  ist der Geburtstag von John Hancock (1737 bis 1793), dem Erstunterzeichner der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776. Seine Unterschrift ist besonders markant - und gilt er sozusagen als Patron der
Handschrift.

Im Alltag ist sie immer noch wichtig: Notizen, Einkaufszettel, To-Do-Listen, die Unterschrift im Arbeitsvertrag, der Liebesbrief, das Kondolenzschreiben – all das wird noch mit Hand geschrieben, weil es  persönlicher wirkt. Denn jeder Mensch hat eine sehr individ elle Schrift.
Aber reicht das, um diese alte Kulturtechnik zu erhalten? In den USA
ist die geschwungene Handschrift schon weithin aus den Schulen verschwunden. Als 2016 die Meldung durch die Medien geisterte, dass Finnlands Schulen das Schreiben von Hand abschaffen wollten, schien das Totenglöcklein endgültig zu läuten. Die finnische Botschaft stellte klar: Nur die gebundene Schreibschrift werde aus den Lehrplänen entfernt, Druckschrift weiter unterrichtet.

Auch das allerdings beunruhigt Bildungsforscher. Marianela Diaz Meyer, Geschäftsführerin des Schreibmotorik-Instituts in Heroldsberg, ist sich sicher: Es geht nicht nur um eine schöne, aber verzichtbare Kulturtechnik – sondern um Bildungschancen. Sie verweist auf Erkenntnisse der Neurowissenschaft, dass das Schreiben mit der Hand Spuren im Gehirn hinterlässt und seine Entwicklung fördert. Auch die Bielefelder Graphologin Rosemarie Gosemärker bestätigt: „Die Erinnerungsleistung derer, die mit der Hand schreiben, ist erheblich besser. Das liegt daran, dass das Schreiben das Gehirn ganzheitlich aktiviert.“

Die Handschrift als Denkwerkzeug. Als Beispiel nennt Diaz Meyer den
Spickzettel: Wer ihn von Hand geschrieben hat, muss ihn oft nicht einmal mehr benutzen, weil er sich den Inhalt eingeprägt hat. Tippen gehe zwar schneller, hinterlasse aber im Gehirn weniger Spuren.
Früher lernten Grundschüler die Handschrift mit viel Drill. Noch vor den ersten Leseübungen wurden Tafeln und Hefte seitenweise mit geschwungenen Buchstaben gefüllt. Es gab Noten. Heute lernen Kinder meist gleichzeitig lesen und schreiben – und zwar zuerst mit Druckbuchstaben. Erst dann üben sie Schreibschrift. Zwar sieht die Kultusministerkonferenz vor, dass die Kinder nach der Grundschule eine „lesbare und flüssige Handschrift“ haben. Die Realität sieht offenbar anders aus.

2016 ermittelte das Schreibmotorik Institut bei einer Umfrage in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Lehrerverband, dass mehr als 96 Prozent der Eltern das Schreibenlernen mit der Hand für wichtig halten. Über 23 Prozent der Eltern stellten allerdings fest, dass ihre Kinder Probleme haben, mehr als 30 Minuten am Stück zu schreiben. 79 Prozent der Lehrer an weiterführenden Schulen meinten, die Handschrift ihrer Schüler habe sich verschlechtert. 83 Prozent der Grundschullehrer gaben an, dass sich die Kompetenzen der Schüler
für Handschrift verringerten.

Die Rede ist von feinmotorischer Verarmung. 2016 riefen der Didacta Verband sowie das Schreibmotorik Institut deshalb zusammen mit dem Bunde ElternRat die „Aktion Handschreiben 2020“ ins Leben. Ihr Ziel: die Forschung zu verbessern und die Erkenntnisse in der Lehrerbildung besser zu verankern. Bis 2020 soll ein  flächendeckendes Programm für Kitas und Schulen entwickelt werden. Derzeit führt das Institut eine bundesweite Umfrage unter Lehrern aus Grund- und weiterführenden Schulen durch. Ergebnisse sollen im April vorliegen. (kna)

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