Kultur

Mittwoch, 10. April 2019

„Hiwwe wie driwwe“ wird pälzisch gebabbelt

Film über Pfälzer Amerika-Auswanderer, die nach 300 Jahren noch Dialekt und Kultur pflegen

Altertümliches Pfälzisch hat sich in den USA zu einer eigenständigen Sprache entwickelt, die heute noch stark verbreitet ist. Foto: Cinewar-Filmproduktion

Knapp eine halbe Million Nordamerikaner sprechen „Pennsilfaanisch-Deitsch“ – ein Idiom, das auf altertümlichem Pfälzisch basiert und dessen Vokabular, Grammatik und Aussprache im Lauf der Zeit von seiner englischsprachigen Umgebung beeinflusst wurde.

„Pennsylvanian Dutch“, wie die Sprache auf Englisch etwas irreführend heißt (weil sie mit Holländisch nichts zu tun hat), ist ein Phänomen: Wie bei vielen deutschen Dialekten sind die meisten Sprecher schon älteren Semesters und haben ihre „Muddersprooch“ nicht an ihre Kinder und Enkel weitergegeben. Und doch ist PA Dutch (so die Kurzform) die am schnellsten wachsende Sprache der USA. Das liegt an den zumeist abgeschottet und antiquiert lebenden Gemeinschaften der Amish und Mennoniten, die an ihr festhalten und durch Kinderreichtum und Landerwerb sowohl für steigende Sprecherzahlen als auch für eine territoriale Ausbreitung sorgen.

Ihre Vorfahren waren einst aus der Schweiz zunächst an den Oberrhein geflohen. Neben zahlreichen anderen, meist evangelischen Christen aus der (Kur-)Pfalz, Baden und Rheinhessen suchten viele Mennoniten und Amischen im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert in der Neuen Welt ein besseres Leben und Zuflucht vor religiöser Verfolgung. Da die Pfälzer besonders früh und zahlreich in Pennsylvania siedelten, etablierte sich ihre Mundart nach und nach als gemeinsame Sprache der deutschen Einwanderer.

Dass die Nachfahren die Kultur und Sprache ihrer „Voreldere“ auch in über 6 000 Kilometern Entfernung noch in Ehren halten, haben die Pfälzer Filmemacher Benjamin Wagener und Christian Schega eher durch Zufall übers Internet erfahren – und beschlossen, gemeinsam eine Dokumentation darüber zu drehen. „Wir wollten einen Film machen, der unterhaltsam ist und auch beim Zuhören Spaß macht, bei dem der Zuschauer aber auch etwas mitnimmt und lernt“, erklärt Schega.

Im Mittelpunkt steht Douglas Madenford. Der 38-jährige Lutheraner setzt sich als Lehrer, Autor, Folkmusiker, Blogger und Youtuber mit viel Herzblut für die Bewahrung des Pennsilfaanisch-Deitschen ein. In dem 90-Minuten-Film erforscht er Gemeinsamkeiten „hiwwe wie driwwe“ des Atlantiks. Zunächst nimmt er die Zuschauer mit aufs „Kutztown Folk Festival“, wo einmal im Jahr bei „Grumbeerstampes“, „Brotwarscht“ und viel Musik die Sprache und Kultur der Vorfahren zelebriert wird. Man erfährt, dass man auch in Pennsylvania gern und viel Saumagen isst, das Pfälzer Sagentier „Elwetrisch“ verehrt, die alte Tradition des „Belzenickels“ (Knecht Rupprecht) hochhält, der „Murmeltiertag“ auf die deutschen Auswanderer zurückgeht und „Old MacDonald“ in der Version der PA Dutch keine Farm hat, sondern „e Bauerei“. Und dass der Glaube, der Gottesdienst und die Kirchengemeinde auch bei modern lebenden Angehörigen der Volksgruppe nach wie vor prägende Faktoren ihrer kulturellen Identität sind: „Liewer Gott im Himmel drin, loss uns Deitsche, was mir sin“, heißt es an einer Stelle. Später reist „Doug“ auf Spurensuche in die Pfalz, wo er am Hambacher Schloss den Mundart-Kabarettisten Chako Habekost trifft. Der ist entsetzt, dass man in Pennsylvania den Ausdruck „Alla hopp“ nicht kennt – zur Zeit der Auswanderung gab es im Pfälzischen so gut wie keine französischen Lehnwörter. „Des ist wohl nit iwwer de Ocean gange“, schlussfolgert Madenford. Auch die Weinkultur ist dem Biertrinker eher fremd.

Weitere Drehorte im „Alte Land“, wie es auf PA Dutch heißt, waren ein Saumagen-Restaurant in Bockenheim, ein Bauernhof in Westheim und ein Dorffest in Hördt, wo sich der Kreis schließt und zum Abschluss wieder Musik gemacht wird. (Tobias Wilhelm)

„Hiwwe wie driwwe“ läuft im Kino:
13. April, Landau (Universum, 20 Uhr, Premiere);
14. April, Germersheim (Regina-Kino, 14 Uhr), Grünstadt (Filmwelt, 18 Uhr) und Ramstein (Broadway, 20 Uhr);
15. April, Pirmasens (Walhalla, 20 Uhr);
16. April, Neustadt (Cineplex, 19 Uhr);
17. April, Kaiserslautern (Central City, 19.30 Uhr);
18. April, Mannheim (Cinemaxx, 19.30 Uhr);
19. April, Frankenthal (Lux-Kinos, 13 Uhr);
22. April,  Annweiler (Hohenstaufensaal, 20.15 Uhr);
24. April, Schifferstadt (Rex-Kinocenter, 19.30 Uhr).
Bei allen Terminen sind die Regisseure anwesend, bis zum 18. April auch der Protagonist.

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