Kultur

Donnerstag, 04. August 2011

Juwel der Gotik im Rheingau

Die Basilika St. Valentinus in Kiedrich

Das Mittelschiff der Kiedricher Wallfahrtskirche St. Valentinus mit dem Lettner, der im 19. Jahrhundert aus alten Bruchstücken wieder aufgebaut wurde. Foto: Bednorz

Kiedricher Sandgrub, Kiedricher Heiligenstock, Kiedricher Wasserros  sind berühmte und von Kennern geschätzte Weine. Kiedrich, der kleine Ort im Rheingau, hat darüber hinaus ein „Schatzkästlein der Gotik“ zu bieten, die sehenswerte Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Valentinus.

„Kiedrich gehört zu jenen zauberhaften Orten des Rheingaus, zu deren Glanz die Gunst der Natur, die fromme Gesinnung der Menschen und die Heiterkeit der Künste in gleicher Weise beitrugen. Ein heiliger Bezirk am Berghang gelegen, bildet das Herz dieser Siedlung“ – lyrische Worte von Friedrich Willhelm Fischer in seiner Doktorarbeit.

Wenig mehr als einen Steinwurf von Kloster Eberbach, einem Zentrum des jährlichen Rheingau Musikfestivals, entfernt liegt der kleine Weinort Kiedrich, wo sich eine der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten der Gotik, die Basilika St. Valentinus, befindet: „Das gilt sowohl für das Gotteshaus als auch für das ganze, von einer Mauer umfriedete Ensemble mit der Totenkapelle St. Michael und dem alten Gottesacker, dazu das Pfarrhaus und die Messnerwohnung.“

 

Ein Engländer rettet die Gotik

Auf den karolingisch-romanischen Fundamenten einer dem heiligen Dionysius geweihten Kirche wurde um 1300 eine dreischiffige Hallenkirche errichtet. Dass der gotische Stil des Baues und der überreiche Schatz  an gotischen Kunstwerken noch heute anzutreffen ist, ist dem englischen Mäzen Baronet Sir John Sutton (1820-1873) zu verdanken. Bei einem Besuch Kiedrichs im Jahre 1857 war er von dem Ort und dem Rheingau so angetan, dass er sich dort niederließ und die ihm so liebgewordene Kirche unter äußerst großem finanziellen Aufwand wieder so herrichten ließ, wie sie in ihrer Erbauungszeit ausgesehen hatte. 

Er ließ alle späteren Stilelemente  beseitigen, baute 1863/64 den Lettner unter Verwendung alter Bruchstücke wieder auf und sorgte für die Restaurierung der spätgotischen Orgel. Wohl um das Jahr 1500 erbaut,  zählt sie zu den ältesten spielbaren Orgeln Deutschlands. Kiedrich ehrte seinen großzügigen Mäzen, der in Brügge (Belgien) verstorben ist, 1974 in besonderer Weise, indem es ihn nach Kiedrich umbettete und für ihn bei der Kirche ein Grabmal errichtete. 

In der Kirche erlebt man eine wunderbare Ansammlung von wertvollen Kunstschätzen. Zu ihnen gehören der Johannesaltar (um 1500), der Marienaltar (1480), die Kiedricher Madonna (um 1330) und das Volks- und Laiengestühl, insgesamt 56 Bänke, mit der Flachschnitzerei an den seitlichen Wangen. Herausragend das Arma Christi-Bildfeld mit sämtlichen Leidenswerkzeugen, die in den Passionsberichten der Evangelisten erwähnt sind.  

 

Klingende Gotik

In Kiedrich, auch das geht wieder  auf John Sutton zurück, wird der Gregorianische Choral in der Notation und Form des „Gotisch-Germanischen Dialektes“ (in der Alt-Mainzer Fassung) gesungen. Eine musikalische Besonderheit, die nur hier anzutreffen und an jedem zweiten, dritten und vierten Sonntag im Monat im Choralhochamt in der Basilika zu hören ist. 

Zu dem von einer Mauer umgebenen Ensemble gehört auch die zwischen 1434 und 1444 erbaute Kapelle St. Michael. Sie wurde als Kapellenkarner – Karner gleich Beinhaus – errichtet und dem Erzengel Michael geweiht. Dieses einzigartige spätgotische Bauwerk hat an der Ostwand ein Chörlein. In der Kapelle befindet sich die doppelseitige Muttergottes (um 1520), getragen von einem Meisterwerk der Schmiedekunst, einem siebenarmigen Kronleuchter. Entlang der Mauer um den ehemaligen Friedhof gibt es die 14 Kreuzwegstationen, die 1877 entstanden. Eine Kuriosität: Im Zeichen des Kulturkampfes trägt in der fünften Station die Figur des Simon von Cyrene die Gesichtszüge Bismarcks.

(Walter Gauer)

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