Kultur

Donnerstag, 25. August 2011

Kirrweilers großer Sohn

Florenz von Venningen war 36 Jahre lang Kanzler der Kurpfalz – Mittler zwischen den Konfessionen

Der „Edelhof“ in Kirrweiler. In der Nähe befand sich der Wohnsitz derer von Venningen, wo der Kurpfälzer Kanzler Florenz von Venningen geboren wurde. Foto: Ziegler-Schwaab

Kein anderer wirkt so lange wie er als Kanzler der Kurpfalz, nämlich 36 Jahre. In seine Amtszeit fallen die Reformation, der Bauernkrieg, und der Pfälzisch-Bayerische Erbfolgekrieg. Unter vielem, was er mit Weitsicht und politischem Instinkt meistert, ist eine herausragende Leistung die Sicherung des Reichsvikariats. Florenz von Venningen (1466 bis 1538), Kirrweilers großer Sohn, krönt sein Lebenswerk, indem er der Kurpfalz das an Bayern verlorene Privileg – die Stellvertretung des Kaisers – wieder zurückholt. Kraft seiner Persönlichkeit stiftet er Einvernehmen zwischen Hochstift und Kurpfalz und ist ein Wegbereiter zur Kaiserwahl Karls V. 

Diplomatisch gewandt und taktisch klug wirkt der zweifach promovierte Doktor der Rechte (weltliches wie kirchliches Recht) als Reformer der Universität Heidelberg ebenso wie als Schlichter und Richter. Er vermittelt beispielsweise in Speyer zwischen Domkapitel und Bürgerschaft oder wirkt als Mediator beim Katzenelnbogischen Erbfolgestreit. Der gebürtige Kirrweilerer weiß als geschickter Verhandler seinem Land Vorteile zu ziehen, zum Beispiel über den Wert der Stimme der Kurpfalz bei Kaiserwahlen. Und er vergisst auch sich selbst nicht: Verdiente Provisionen investiert er mit Geschäftssinn – nicht zuletzt in die ihm Treuen. „Florenz Florentissimus“ gilt als besonnen und abwägend. In diesem Sinne geht er seine Aufgaben, Aufträge, und Missionen an. Er verfasst Gutachten, entwickelt Strategien, wirkt als wichtiger Berater zweier Kurfürsten. Die danken dem politischen Kopf der Kurpfalz unter anderem mit einer Häufung von Lehen.

Einheit der Christen beschworen

Als die Reformation das Reich zu spalten droht, nimmt Venningen an den Verhandlungen des Schwäbischen Bundes mit Sachsen und Hessen teil. In neutraler Haltung und eindringlicher Rede soll der Kurpfälzer Kanzler in Worms Katholiken und Protestanten auf die Einheit der Christen beschworen haben, um Parteiungen im Reich und drohenden Krieg zu vermeiden. Zu Felde zieht er gegen die Türken, als die Muselmanen vor den Toren Wiens stehn und das christliche Abendland bedrohen. 

Im Speyerischen Oberamtsort Kirrweiler aufgewachsen, tritt Doktor Florenz persönlich vor das Domkapitel, und überzeugt das Hochstift – unter Hinweis auf die Schirmherrschaft der Kurpfalz – von der nach Heidelberg zu entrichtenden Türkensteuer. Als neutral auftretender Mittler zwischen den Konfessionen bleibt er jedoch selbst zeitlebens bei seinem katholischen Glauben. Sein Bruder ist Domherr in Speyer, seine Schwester Äbtissin im Kloster Rosenthal. Die Familie also gut katholisch. 

Florenz von Venningen dient seinem Souverän als Verwaltungsexperte wie als Rechtsbeistand. In den langen Jahren miteinander wird der Kanzler aus Kirrweiler dem Pfälzer Kurfürsten Ludwig V. zum Ratgeber, zum Botschafter, zum Vertrauten – und wohl auch zum Freund. Vergleicht man die lange Regierung Ludwig des Friedfertigen mit der Politik seines Kanzlers, wird der Einfluss deutlich.

Hält Venningen im Bauernkrieg einige Forderungen als gerechtfertigt, sucht Ludwig den Konsenz. Erst als das Wüten und Burgenstürmen weitergeht, greift die Kurpfalz ein – und durch. Als die Reformation die Pfalz erfasst, achtet der Kanzler die Freiheit eines Christenmenschen und der Kurfürst verhält sich neutral. Erst der Aufstand des protestantischen Ritters Franz von Sickingen wird niedergeschlagen.

Kirrweilers großer Sohn studiert im italienischen Siena. Eigens für ihn wird eine Juraprofessur an der Universität Heidelberg geschaffen. Als junger Mann von Kurfürst Philipp protegiert, macht er unter dessen Nachfolger Ludwig eine steile Karriere. Die Rechtswissenschaft seiner Zeit betrachtet ihn als ein Wunder. Zeitlebens der vielseitig glänzenden Begabung und Redekunst wegen gerühmt und geschätzt, widmet sich der Doktor der Rechte zudem auch mit Leidenschaft der Heilkunde: Er verfasst gesundheitliche Schriften, gründet in Heidelberg sogar eine eigene Apotheke. Nicht zuletzt hinterlässt er eine genaue Anleitung zur Bereitung von Edel- und Kräuterweinessigen. Die sollte einem Winzer aus dem Dorf Venningen nach Jahrhunderten zur Initialzündung werden sollte für eine clevere Geschäftsidee.

Weinlage nach ihm benannt

Florenz von Venningen, Sohn des Siegfried von Venningen und der Brigitta von Enslingen – und ein Nachkomme auch der Ritter von Kirrweiler – wird für seine Zeit immerhin 72 Jahre alt. Bis zu seinem Tod am 7. September 1538 lebt er in Heidelberg – im Monsiger Hof – und stirbt dort als amtierender Kanzler der Kurpfalz. Seine zweite Frau Veronika nimmt ihren Witwensitz in Kirrweiler, wo der Kanzler den Familienbesitz im Schlossbezirk weiter ausgebaut und arrondiert hatte. Auch Enkel Philipp Florenz findet sich hier noch begütert. Nach dem Aussterben im Mannesstamm geht das Erbe über an die Töchterlinien. 

An Florenz von Venningen erinnert die nach ihm benannte größte Einzelweinlage Deutschlands: Venninger Doktor. In seinem Geburtsort Kirrweiler, 250 Jahre lang Familiensitz und Wohnort derer von Venningen, weckt die Rückbesinnung an die große Historie des Dorfes als Oberamt und Fürstbischöfliche Sommerresidenz, verstärkt auch das Bewusstsein für den Kurpfälzer Kanzler als dieser Gemeinde größter Sohn. (Judith Ziegler-Schwaab)

Buchempfehlung: Dr. Meinhold Lurz, „Die Ritter von Venningen“. Verlag: Heimatverein Kraichgau (1996), ISBN-13: 978-3921214121.

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