Kultur

Donnerstag, 08. November 2018

Können Tiere wie Menschen trauern?

Entsprechendes Verhalten wird oft beobachtet – Aber interpretieren wir da vielleicht zu viel hinein?

Jeder Mensch trauert anders. Auch große Säugetiere spüren den Verlust und zeigen, dass sie einen Toten vermissen. Foto: deric/Adobe Stock

Können Tiere trauern oder interpretieren wir Menschen ihr Verhalten als Trauer? Bei Affen und Elefanten ist in der Forschung schon länger bekannt, dass sie besondere Verhaltensweisen zeigen, wenn Angehörige ihrer Gruppe sterben. Wissenschaftler beobachteten in Elefantenherden eine Art Totenkult. Die Tiere versuchten, das tote Gruppenmitglied aufzurichten, stupsten es an, kehrten zum Kadaver zurück. Auch bei Schimpansen bemerkten Forscher ungewöhnliches Verhalten nach dem Tod von Gruppenmitgliedern. Sie hörten für einige Tage auf zu fressen. Einige Mütter trugen ihre bereits mumifizierten Babys lange mit sich herum. Wale und Delfine zeigen ebenfalls etwas, das wie Trauer aussieht. Forscher dokumentierten Fälle, in denen erwachsene Tiere tote Jungtiere mit sich trugen.

Tiere spüren den Verlust und zeigen, dass sie den Toten vermissen. Das beobachten auch viele Haustierhalter. In Internetforen beschreiben Hundebesitzer, wie ihre Tiere reagieren, wenn zum Beispiel der Zweithund stirbt: Das überlebende Tier verhalte sich apathisch, winsele immer wieder, fresse wenig.

Julia Riedel ist Biologin am MaxPlanck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass Großsäuger so etwas wie Trauer zeigen, anders kann man sich diese Verhaltensweisen nicht erklären“, sagt sie. „Aber es gibt große individuelle Unterschiede.“ Manchmal beobachteten Wissenschaftler „ganz intensive Trauererscheinungen“ wie bei der Walmutter, die ihr totes Junges lange mit sich trug. Ähnlich sei das ja beim Menschen: „Wir trauern ganz unterschiedlich.“

Die Wissenschaft ist sich uneinig über die Frage, ob Tiere wirklich trauern, oder ob wir Menschen bestimmte Verhaltensweisen nur so deuten. „Elefantenfriedhöfe“ etwa, die alte Tiere zum Sterben aufsuchten, hätten sich als Mythos herausgestellt, schreiben britische Forscherinnen.

Systematisches Trauerverhalten nachzuweisen ist schwierig. Oft handelt es sich um Zufallsbeobachtungen – „Anekdoten“, wie Biologin Julia Riedel sagt. Die Leipziger Wissenschaftlerin erforscht das Sozialverhalten westafrikanischer Schimpansen: Die Tiere leben in großen Gruppen, teilen sich tagsüber auf, kommen abends zusammen, kennen die Individuen, kämpfen eine Rangordnung aus, sie leben in komplexen sozialen System. Wie wir Menschen. Und könnten vielleicht trauern wie Menschen.

Der niederländische Verhaltensforscher Frans de Waal spricht bei Tieren klar von Trauer. Die entstehe dann, wenn Tiere Beziehungen eingingen, Freunde hätten. „Immer, wenn es persönliche Bindungen gibt – egal ob zwischen zwei Katzen, einem Hund und einem Menschen oder einer Katze und einem Menschen, ist Trauern möglich.“ Allerdings unterscheide sich Trauer bei Tieren und Menschen: „,Trauern wie Menschen‘ ist ein gewaltiger Ausdruck. Ich würde sagen, sie sind verstört und unglücklich.“ (epd)

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