Kultur

Mittwoch, 11. September 2019

Plädoyer für die Königin der Instrumente

Orgelsachverständiger Christoph Keggenhoff: Orgel ist nicht langweilig oder altmodisch

Kirchenmusiker setzen auf den Klangreichtum einer Pfeifenorgel statt auf eine elektronische Orgel. Foto: Pixabay

Vielen Pfeifenorgeln im Land geht es nicht gut. Sie sind alt, kränkeln, haben oft etwas Schimmel angesetzt. Die Kirchengemeinden als Hauptbesitzer überlegen es sich genau, ob sie sich eine Sanierung oder einen Neukauf finanziell leisten können. Manche erwägen gar, ihr Riesenin-
strument durch eine kostengünstigere elektronische Orgel zu ersetzen. Dass die Zahl der digitalen Klangerzeuger in Kirchen zunehme, sei mit Blick auf die Orgelkultur ein Niedergang, sagt Christoph Keggenhoff, der Vorsitzende der Vereinigung der Orgelsachverständigen Deutschlands mit Sitz in Speyer. Am 8. September, warben sie beim „Deutschen Orgeltag“ – 2019 bereits zum neunten Mal begangen – für die „Königin der Instrumente“.
Der bundesweite Orgeltag bietet den Menschen die Chance, sich dem Instrument bei vielen niederschwelligen Angeboten anzunähern, wie etwa bei Konzerten und Orgelradtouren und Orgelspaziergängen, erläutert Keggenhoff, der zweiter Domorganist sowie Orgelsachverständiger des Bistums Speyer ist. Zudem erklärten auch mancherorts Orgelbauer ihre Kunst.
Rund 50 000 Orgeln gibt es in Deutschland, die meisten stehen in Kirchen. Rund 100 Veranstaltungen fanden am Orgeltag in allen „Postleitzahlbereichen“ statt, wie Keggenhoff sagt. In der Pfalz und Saarpfalz gab es jedoch nur zwei katholische Veranstalter, in Böhl-Iggelheim und in Bobenthal. In den vergangenen Jahren beteiligten sich auch protestantische Kirchengemeinden. Rund 300 Orgelsachverständige gibt es in Kirchen und staatlichen Denkmalschutzbehörden, 2021 feiert deren Vereinigung ihr 50-jähriges Bestehen.
Schon länger habe die Orgel ein Imageproblem, beklagt Keggenhoff. „Die Orgel ist nicht langweilig oder altmodisch“, wendet er sich gegen ein gängiges Vorurteil. Kein anderes akustisches Musikinstrument sei größer und reicher an Klangfarben. Ob geistliche oder weltliche Musik, die vor mehr als 2 000 Jahren in Griechenland erfundene Orgel „kann das alles“, sagt er. Seit 2017 sind die Orgelmusik und der Orgelbau immaterielles Kulturgut der Unesco, der Bildungsorganisation der Vereinten Nationen.  Doch viele, gerade kirchendistanzierte Menschen kämen mit der Orgelmusik heute kaum mehr in Kontakt. Kirchengemeinden könnten hingegen über die Orgelmusik ihr Profil schärfen und versuchen, Menschen anzusprechen. Durch die Anschaffung einer neuen Orgel könnten sie auch „ein mutiges Signal für die Zukunft setzen, dass es weitergeht“.
Für Keggenhoff ist der „Computer mit Spieltisch“ keine Alternative für eine gute Pfeifenorgel. Elektronische Orgeln veralteten schnell und verlören beim Verkauf stark an Wert. Und ihr Klang sei ohnehin kein Vergleich mit dem des Originals, winkt der Orgelsachverständige ab. Gebrauchte Pfeifenorgeln seien für Kirchengemeinden mit etwas Glück günstig zu bekommen. Um das nötige Geld zusammenzutragen, könnten sie Spendensammlungen organisieren oder Orgelbauvereine gründen, schlägt Keggenhoff vor. Viele Landeskirchen und Bistümer hätten Sonderbauprogramme aufgelegt.
Die pfälzische Landeskirche stellt für Orgelprojekte Zuschüsse von jährlich 80 000 bis 100 000 Euro zur Verfügung, informiert Landeskirchenmusikdirektor Jochen Steuerwald. Rund 560 Orgeln gibt es in der Landeskirche, die von 15 hauptamtlichen und etwa 600 nebenamtlichen Kirchenmusikerinnen und -musikern gespielt werden.
Die Orgelmusik dürfe sich nicht nur auf kirchliche Räume beschränken, appelliert Keggenhoff. Sie müsse hinaus in die Konzertsäle, sich auch mehr populären Musikrichtungen wie Pop und Gospel öffnen. Die Hoffnung, dass Orgeln als „Kulturdenkmal über Generationen“ weiter erklingen, hat Keggenhoff nicht aufgegeben: „Es geht aufwärts, und es ist schön.“

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