Redaktion der pilger

Mittwoch, 14. Oktober 2020

Gott steht über allem

Münzen des Römer-Reiches mit dem Bild des Kaisers darauf. (Foto: Manuel Gross/AdobeStock.com)

Jesus geht es allein um das Reich Gottes

Es liegt eine Spannung in dieser Szene, die schon die Passion Jesu in den Blick kommen lässt. Die Initiative zur Begegnung mit Jesus geht von den Pharisäern aus, sie schicken ihre Schüler mit den Anhängern des Herodes vor, um dem Wanderprediger aus Nazareth mit „einer Frage eine Falle zu stellen.“

Mit einem Kompliment, mit dem sie das Wohlwollen ihres Gesprächspartners erringen und ihn zu der erwünschten Antwort auf ihre Fangfrage bewegen wollen, eröffnen sie das Gespräch. Ungewollt sagen sie selbst damit über Jesus aus, wer er ist: Ja, er ist der Meister, der Rabbi, der die Wahrheit sagt, gelegen oder ungelegen; ja, er lehrt wahrhaftig die Wege Gottes, die er kennt, weil er ganz aus der Tiefe der Liebe Gottes stammt und lebt; ja, für ihn sind alle Menschen gleich, in ihrer Würde, in ihrem Ansehen, er urteilt nicht nach Rang und sozialer Stellung, aber die Armen sind ihm wichtig, den Ausgegrenzten, Verlorenen und Verachteten gilt seine Achtsamkeit und Zuneigung.

Und nun die alles entscheidende Frage: „Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht?“ Jesus durchschaut sie: „Ihr Heuchler, warum versucht ihr mich?“ Es liegt politischer und religiöser Sprengstoff darin. Es geht um die Kopfsteuer, die seit 6 n. Chr. jeder Jude an die Römer zahlen musste. Jesus geht in die Offensive. Er fordert seine Gesprächspartner auf, ihm eine Münze zu zeigen, „mit der ihr eure Steuern bezahlt.“ Sie reichen ihm einen Denar. Jesus selbst hat kein Geld. Auf dem Denar ist das Bild des Kaisers Tiberius und die lateinische Umschrift: Tiberius Caesar Divi Augusti Filius Augustus, d.h. Tiberius Caesar, des göttlichen Augustus Sohn, Augustus (der Erhabene)“. Die Münze zeigt den Kaiser als Gott. Nach damaliger Auffassung erkannte man mit dem Münzrecht auch die Staatsordnung an, die dahinterstand. Für die Zeloten, eine politisch radikale Widerstandsbewegung der Juden gegen die Römer in Judäa, war die Zahlung der Kopfsteuer ein Bekenntnis zur römischen Fremdherrschaft. Sie glaubten, dass jeder, der Steuern zahlt, den Kaiser als Gott anerkenne, damit den eigenen, den jüdischen Glauben verleugne. Die Münze, die man Jesus hinhält, zeigt, dass sowohl die Jünger der Pharisäer als auch die Anhänger des Herodes Geschäfte mit den Römern treiben. Die Herodianer waren Kollaborateure; Herodes stützte seine Herrschaft auf das Besatzungsregime. Die Pharisäer, eine im Volk verankerte spirituelle Bewegung, standen distanziert zur Besatzung. Sie nahmen sie hin, widerwillig, aber lebenspraktisch, denn Judäa stand oft unter fremder Besatzung. Ihre Schriftgelehrten legten das mosaische Gesetz, die Thora, pragmatisch aus, so, dass der Kern des Glaubens – Jahweh allein! – und damit die Identität des jüdischen Volkes gewahrt blieb, auch unter einer fremden Staatsmacht.

Wie auch immer Jesus antwortet, so denken die Fragesteller, er wird sich verfangen und – im wahrsten Sinne des Wortes – angreifbar machen: Sagt er Ja zur Steuer, sagt er Ja zur römischen Besatzung, die verhasst war im Volk; er setzt sich ins Abseits. Sagt er Nein, wird er ein Fall für den römischen Prokurator; er gilt dann als Rebell, ihm droht der Prozess. Jesu Antwort verblüfft sie alle: „So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!“

Steuern sind für Jesus eine praktische Angelegenheit, keine theologische Frage. Er steht damit der pharisäischen Auffassung nahe. Seine Antwort ist gleichwohl theologisch. Es geht Jesus nicht darum, den Fallenstellern zu entgehen. Es geht ihm um das Reich Gottes und seine Verwirklichung. Es geht ihm um das Verhältnis des Menschen zur Welt und zu Gott. Er bringt beides zueinander in die rechte Ordnung: Ja, gebt dem Kaiser, was ihm zukommt, aber auch nicht mehr! Der Kaiser hat sein Recht, aber Gott steht über dem Kaiser! Jesus geht in seiner Antwort über die Fragestellung hinaus. Er setzt mit ihr allen politischen und staatlichen Ansprüchen Grenzen. „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apostelgeschichte 5, 29). Diese von Gott her gegebene Grenzziehung zielt auf die Freiheit des Menschen. Gott ist der Gott, der den Menschen freisetzt, ihn frei will, dass sein Leben gelinge: „Ich bin Dein Gott, der Dich befreit hat“ (Exodus 20, 2; Deuteronomium 5, 6). Das ist das Grundbekenntnis Israels. Und das Zehnwort, der Dekalog, ist Beschreibung des in Freiheit vor Gott lebenden Volkes: Du wirst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen, sonst bist du nicht Israel!

Die Grenze, die Jesus mit seiner Antwort zieht, sichert die Menschlichkeit eines Staates, sie fordert und sichert einen Freiheitsraum, damit Menschen sich in ihm entfalten und leben können. Diesen Raum hat die politische Macht zu schaffen. Dies rechtfertigt die Steuer. Und was die Freiheit, in die uns Gott ruft, ausmacht, sagt Jesus mit dem „Gebt Gott, was Gottes ist“: Öffnet euch dem Reich Gottes! Gebt dem Geist Gottes in euch Raum! Wandelt euch und erneuert euer Denken! (Römer 12, 2) Lebt und liebt als freie Menschen! (Thomas Bettinger)

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