Redaktion der pilger

Mittwoch, 11. März 2020

Als der Krieg schon fast zu Ende war

Erstes Fronleichnamsfest nach den Schrecken des Krieges. In den Ruinen der Kirche St. Ludwig in Ludwigshafen haben sich die Katholiken der Stadt zum Gottesdienst versammelt (Foto: Archiv)

Die letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs brachten der Pfalz und Saarpfalz schwere Verwüstungen. Vor allem im März verlieren viele Menschen ihr Leben, darunter auch mehrere Priester und Ordensleute.

75 Jahre danach. 2020 ist ein Jahr des Gedenkens. Erinnerung an die letzten blutigen und menschenfressenden Schlachten des Zweiten Weltkrieges in Europa, an den Abwurf der ersten Atombomben auf Hiroschima und Nagasaki, an den 8. Mai vor allem, der das endgültige Ende des Dritten Reiches markiert. Eines Regimes, das im Namen Deutschlands Europa mit Krieg, Vernichtung und millionenfachem Leiden überzogen hatte. So besiegelte das Ende der Kämpfe die Niederlage, bedeutete jedoch auch Befreiung.

Gerade die letzten Monate des Krieges brachten nochmals verstärkt Tod und Vernichtung, nicht nur an der Front, sondern auch in der Heimat. Im Februar 1945 formierten sich im Westen die Alliierten, um zu ihrem letzten Schlag gegen Nazideutschland auszuholen. Am Beginn der „Operation Undertone“ (Unternehmen Unterton) standen Flächenbombardements. Am 14. und 15. März brechen die Bombenhagel auf Zweibrücken und Homburg los. Schwere Bomber vernichten 80 Prozent der bebauten Fläche von Zweibrücken. Mehr als 1 000 Menschen finden dabei den Tod. Tags darauf wird Pirmasens Opfer der Luftangriffe, am 16. März geht die Hölle auf Landau nieder. Am 18. März sterben bei der Bombardierung von Bad Dürkheim 288 Menschen. Ludwigshafen war bei zahlreichen Luftangriffen bereits in den Jahren zuvor weitgehend zerstört worden; der letzte Angriff erfolgte am 15. März 1945. Insgesamt starben mehr als 1 800 Menschen.
Von Mitte Januar 1945, spätestens ab März 1945 geht es für die Pfälzer und Saarländer ums nackte Überleben. Im Grenzgebiet vom Rhein bis zur Saar beherrschten die alliierten Jagdbomber den Himmel, hinzu kommt der Artilleriebeschuss auf Städte und Dörfer.
Zwar fordern die NS-Behörden in den Grenzgebieten die Menschen auf, ihre Heimat zum zweiten Mal in diesem Krieg zu verlassen, aber diese folgen solchen Aufrufen nicht mehr. Zu den sozusagen in letzter Minute des Krieges ums Leben Gekommenen zählen im Bereich des Bistums Speyer auch mehrere Priester und Ordensleute.

In den Trümmern des Nardinihauses starben mehr als 40 Menschen

Bei einem schweren Luftangriff auf Pirmasens am 15. März starben in der Klosterstraße, wo Paul Joseph Nardini Mitte des 19. Jahrhunderts wirkte, Pfarrer August Schmitt, sein Kaplan, der Steyler Pater Aloys Finkler, neun Mallersdorfer Schwestern, auch der Vater von Pfarrer Schmitt und rund 30 Pirmasenser, die im Nardinihaus Zuflucht gesucht hatten. Die Kinder waren evakuiert.
Pfarrer Schmitt starb auf der Treppe, auf dem Weg in den Keller, Pater Finkler wurde unter den Trümmern in der Küche begraben. Die beiden Geistlichen wohnten im Nardinihaus, da bereits am 9. August 1944 bei einem Luftangriff auf Pirmasens das Pfarrhaus größtenteils zerstört wurde. Beim gleichen Angriff wurde auch die Kirche stark beschädigt. Die Bomben vom 15. März 1945 zerstörten die Kirche dann völlig.
Pfarrer Schmitt, der bereits im September 1939 seine Pfarrangehörigen bei der Evakuierung der Roten Zone nach Franken begleitet hatte, starb mit 40 Jahren. Im Morgengrauen des 20. März 1945 hält Dekan Wilhelm Schäffler (Pirmasens Sankt Anton) auf dem Waldfriedhof in Pirmasens am offenen Grab von Pfarrer Schmitt das Totenamt. Viele Pirmasenser lassen sich trotz der Gefahr durch Jagdbomber nicht abhalten, an der Beerdigungsfeier teilzunehmen. Noch am gleichen Tag werden in Pirmasens 250 Opfer des Luftangriffs vom 15. März bestattet. Drei Jahre später fand Pfarrer Schmitt seine letzte Ruhestätte hinter dem Chor der Pfarrkirche St. Pirmin.
Pater Finkler stammte aus dem saarländischen Merchweiler; er starb im Alter von 52 Jahren. Seine Leiche lag so tief unter den Trümmern des Nardinihauses, dass sie erst sechs Wochen nach dem Luftangriff geborgen werden konnte. Zunächst in Pirmasens beerdigt, wurde der Ordensmann später auf den Friedhof des Missionshauses St. Wendel umgebettet.

Erfweiler-Ehlingen: Tod nach der Sieben-Uhr-Messe

Am Morgen des 16. März 1945 hatte der 72 Jahre alte Dekan des damaligen Dekanates Blieskastel und Pfarrer von Erfweiler-Ehlingen, Johannes Haas, die Sieben-Uhr-Messe gehalten. Zwei Stunden nach der Messfeier war der Seelsorger tot. Mit ihm starben seine Schwester und eine Nichte. Bei einem Bombenangriff wurden mehrere Gebäude zerstört oder beschädigt, darunter auch die Kirche. Das Pfarrhaus erhielt einen Volltreffer. Bei dem Angriff fanden acht Menschen den Tod, eine Familie verlor drei von vier erwachsenen Töchtern.
Nach dem Einmarsch der Amerikaner konnten die Männer von Erfweiler-Ehlingen mit der Suche nach den Toten beginnen. Sie benötigten acht Tage, um den Trümmerhaufen bis zum Keller des Pfarrhauses umzugraben. Die Toten fanden ihre letzte Ruhestätte in einem Gemeinschaftsgrab neben dem Friedhofskreuz. Pfarrer Johannes Haas, 38 Jahre Pfarrer in Erfweiler Ehlingen, prägte in hohem Maße das Dorf. Die Erfweiler-Ehlinger haben zur Erinnerung eine Straße nach ihm benannt.

16. März 1945: Schwarzer Freitag für Landau

Der 16. März 1945 wurde für Landau zum schwarzen Freitag. Ein verheerender Luftangriff auf die Stadt kurz vor Kriegsende kostete 176 Menschen das Leben. Auch zuvor hatte die Stadt schon viele Opfer hinnehmen müssen, bis Kriegsende waren es 586. Ein Drittel der Stadt war zerstört. Pfarrer Jakob Knöll (45) von Landau-St. Maria hatte nach der ersten Angriffswelle am 16. März sich noch am Löschen des Brandes im stark zerstörten Vinzentiuskrankenhaus beteiligt und war dann in sein Pfarrhaus zurückgekehrt. Beim zweiten Angriff auf die Stadt sank das Gebäude, von einer Bombe voll getroffen, in Trümmer. Darin begraben wurden Pfarrer Knöll, sein Bruder, dessen Frau und Kind sowie drei weitere Personen.
Friedrich Wetter, damals Schüler in Landau (später Bischof von Speyer bzw. Erzbischof von München-Freising), brachte den Helfern im Krankenhaus die Nachricht von der Zerstörung des Pfarrhauses und von den vielen Toten. Erst bei Anbruch der Dunkelheit konnte mit den Bergungsarbeiten beim Pfarrhaus begonnen werden. Männer aus Ottersheim bei Landau halfen, den Trümmerberg abzutragen; sie konnten ihren früheren Pfarrer nur noch tot bergen. Am späten Abend konnten zwei Überlebende geborgen werden, der Gymnasiast Franz Dury und Kaplan Bischoff. Die Ottersheimer brachten unter großer Gefahr den Leichnam von Pfarrer Knöll in ihr Dorf, wo er am 20. März beigesetzt wurde.

Bierbach: Tod beim Bergen des Allerheiligsten

An einem der letzten Gefechtstage im Saarland wurde Pfarrer Valentin Krauß in Bierbach von einem Granatsplitter tödlich getroffen. Der Seelsorger war in Bierbach geblieben, obwohl sein Pfarrhaus durch Artilleriebeschuss bereits schwer beschädigt war. Am Passionssonntag, dem 18. März 1945, ging er mit der Krankenschwester und der Sakristanin um 13 Uhr in die Kirche, um angesichts der näher rückenden Kämpfe das Allerheiligste und kirchliche Gerätschaften zu bergen. Der Splitter einer in der Nähe explodierenden Granate zerfetzte ihm in diesem Moment die Halsschlagader. Der Kelch, den er in den Luftschutzraum bringen wollte und den er noch in den Händen hielt, füllte sich mit seinem Blut. Angesichts der Bedrohung durch feindliche Flugzeuge, konnten Männer aus Bierbach nicht anderes tun, als den Leichnam ihres Seelsorgers vor dem Hochaltar niederzulegen. Am 23. März 1945 wurde Pfarrer Kraus neben dem Kircheneingang beerdigt; im Jahr 1951 erhielt er seine letzte Ruhestätte auf dem Friedhof in Bierbach.

Im Chaos der letzten Gefechte angeschossen

Am 20. März, als für Landstuhl der Krieg schon fast zu Ende schien, starb hier Minoritenpater Wolfgang Fehrer an den Folgen eines Bauchschusses. Im Chaos der letzten Gefechte wurde er von einem amerikanischen Posten angeschossen. Er war auf dem Weg ins Krankenhaus, um zu schauen, ob er als Priester gebraucht würde. Zwei Stunden blieb der Ordensmann in seinem Blut liegen, bis der amerikanische Posten die Schwestern des Krankenhauses zur Hilfeleistung rief. Bevor er starb, konnte er noch die Sterbesakramente empfangen. Am folgenden Tag wurde Pater Fehrer mit neun weiteren umgekommenen Zivilpersonen auf dem Friedhof in Landstuhl beerdigt.

Mord im Pfarrhaus von Großkarlbach

2. April 1945. Auf der linken Rheinseite schwiegen die Waffen, war der Krieg schon einige Tage vorbei, als Pfarrer Hermann Wagner im Pfarrhaus von Großkarlbach zusammen mit seiner Haushälterin Anna Fernekeß ermordet wurde. Wer die Mörder waren konnte nie eindeutig ermittelt werden, vieles deutet auf amerikanische Soldaten hin. Eine Rekonstruktion der Ereignisse (nachzulesen im deutschen Martyrologium des 20. Jahrhunderts, herausgegeben von Helmut Moll) geht davon aus, dass Pfarrer Wagner, aufgeschreckt von den lärmenden Eindringlingen, seiner Haushälterin zur Hilfe eilte und sie vor einer Vergewaltigung schützen wollte. Offensichtlich nach einem Kampf erschossen die Eindringlinge Pfarrer Wagner ebenso wie seine Haushälterin.

Bistum hatte viele Opfer zu beklagen

Neben den Toten der letzten Kriegstage hatte das Bistum zahlreiche weitere Opfer zu beklagen. Von 1941 bis 1945 starben von den 70 eingezogenen Pfarrern und Kaplänen zwölf an der Front. Von den Theologiestudenten waren 170 zur Wehrmacht eingezogen; 44 von ihnen sind gefallen, 15 wurden als vermisst gemeldet. Groß waren auch die materiellen Schäden, allein 16 Kirchen wurden vollständig zerstört, viele beschädigt.

Hinweis: Beiträge des früheren Pilger-Chefredakteurs Ferdinand Schlickel (gest. 2013) dienten als Quelle für diesen Beitrag.

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