Redaktion der pilger

Mittwoch, 10. Mai 2023

Über den Wolken

Nächste Woche ist Christi Himmelfahrt. Grund genug für Christian Feldmann, mal zu überlegen: Was genau ist der Himmel überhaupt? Was bringt es, wenn wir an ihn glauben? Und wie können wir ihm schon hier auf der Erde ein bisschen näherkommen? (Foto: Nikolay Denisov@adobestock.com)

Wenn man mit dem Flugzeug die Wolkendecke durchstoßen hat, sieht man nur noch einen endlos weiten Raum: keine Wolken mehr. Keine großen Vögel. Schon gar keine Engel. Kann das der Himmel sein?

Wenn man mit dem Flugzeug die Wolkendecke durchstoßen hat, sieht man nur noch einen endlos weiten Raum: keine Wolken mehr. Keine großen Vögel. Schon gar keine Engel. Kann das der Himmel sein?

„Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, blieben darunter verborgen.“
// Reinhard Mey

Der Himmel, der physikalische Raum zwischen Erde und All, hat immer schon als Bild gedient für das Unbeschreibliche, für all das, was wir hinter unseren eigenen Grenzen und Beschränkungen erhoffen. Gibt es den Himmel, „die Fülle des Lebens“, von der in alten liturgischen Texten die Rede ist, überhaupt? Ist er mehr als ein frommes Märchen – zu schön, um wahr zu sein?

Und kann man ohne den Himmel überhaupt leben? Muss es nicht das wahre Glück geben – auch später einmal, ein Zuhause, in dem wir immer bleiben dürfen? Oder ist das alles nur eine große Illusion? Solange die Welt sich dreht, werden Geschichten vom Himmel erzählt. Hoffnungsgeschichten, die sagen, dass es weitergeht. Wunderschöne Geschichten und komische. Eigenartigerweise reden manche Leute besonders gern vom Himmel, wenn es ihnen an den Kragen geht.

Im Gottesdienst – im katholischen regelmäßig am zweiten Weihnachtsfeiertag – ist der Bericht über Stephanus zu hören, einen der allerersten Christen, der seinen Mitbürgern eine gesalzene Predigt hielt und seine Zuhörer damit so in Wut versetzte, dass sie ihn umbrachten:

„Als sie das hörten, waren sie aufs Äußerste über ihn empört und knirschten mit den Zähnen. Er aber, erfüllt vom Heiligen Geist, blickte zum Himmel empor,

sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen und rief: ‚Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen. und rief: ‚Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen.‘ Da erhoben sie ein lautes Geschrei, hielten sich die Ohren zu, stürmten gemeinsam auf ihn los, trieben ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn.“ (Apostelgeschichte 7, 54-58)

Es sind die Tapfersten, die so sterben können. Die Überzeugung, dass dort im Himmel etwas Wunderbares wartet, kann mächtig viel Kraft zum Leben geben. Wer an den Himmel glaubt, lässt sich offenbar hier auf der Erde nicht so leicht die Courage abkaufen.

Was nicht nur für Stephanus vor bald zweitausend Jahren gilt. Vor fast siebzig Jahren lebte in Warschau die kleine Janina David in einem engen, dunklen Zimmer, das sie niemals verlassen durfte. Die Familie David musste sich vor den Nazis verstecken. In dem Buch, das sie später über ihre Erlebnisse schrieb, erinnert sich Janina David an ein winziges Fenster, durch das sie ein Stück vom blauen Himmel sehen konnte. Dieser Blick auf den Himmel war es, der ihr Mut gab und sie die lange, böse Zeit am Leben hielt.

Für das jüdische Mädchen Janina bedeutete der Himmel Freiheit, Hoffnung, Zukunft. Der Himmel ist ein Bild für so vieles, was uns glücklich macht. Und weil aus der anderen Welt noch keiner zurückgekommen ist, gibt es unter den Menschen keine einheitliche Vorstellung. Sie sagen „Himmel“ oder „Paradies“, „Jenseits“ oder „die ewigen Jagdgründe“ und meinen doch alle etwas Ähnliches. Früher hat man den Himmel gern als Wohnung der Götter oder der großen Helden beschrieben.

Inzwischen ist der Himmel für viele „nicht mehr Zeichen für die Frage, wohin wir gehören, sondern Chiffre für eine heruntergekommene Romantik, die uns nichts mehr kostet“, sagt der Theologe Hermann Häring skeptisch. Oft stellt man sich den Himmel als eine schrecklich langweilige Sonderwelt vor. Keine lebendigen Menschen, die lachen, komische Dinge treiben, sich verlieben. Stattdessen luftige Geister, die vornehm umherschweben und auf weichen Wolkenpolstern rasten. Ludwig Thoma greift diese freudlose Vorstellung mit grimmigem Sarkasmus auf und lässt seinen „Münchner im Himmel“ verdrossen auf die Erde und auf die gute Zeit im Hofbräuhaus blicken.

Menschen, die den Himmel so sehen, pflegen sich auf der Erde möglichst gut einzurichten und von keiner besseren Welt mehr zu träumen. Wie schade. Denn so verpassen sie die Chance, die Erde ein wenig freundlicher, menschlicher, glücklicher zu machen. Dazu aber sollen die Bilder vom Himmel doch eigentlich anstiften!

Die heiligen Schriften der Juden und Christen reden nicht von so einem blutleeren, faden Paradies. Die Bibel schildert den Himmel gern als großes Fest, vorzugsweise als Hochzeitsfeier. Da wird ausgelassen gefeiert, fröhlich gegessen und getrunken. In der bekannten Geschichte von der Hochzeit zu Kana geht dem Hausherrn der Wein aus, Jesus muss für Nachschub sorgen. Der Himmel: ein gewaltiges, prunkvolles Fest, bei dem sich alle rundum freuen.

Die Bibel erzählt von diesem Fest nicht so, als müssten wir bis zum Sankt-Nimmerleinstag warten, bis es losgeht. Die Feier hat schon längst begonnen. Jesus verknüpft das unverrückbar mit seiner Person: „Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Sein Himmel beginnt überall dort, wo Menschen wie er ganz Menschen sind, sich aneinander freuen, richtige Freunde werden, miteinander teilen und sich als Partner fühlen, nicht als Rivalen.

Schon der in der hebräischen Bibel dokumentierte Glaube Israels bricht die enge Vorstellung eines über den Wolken lokalisierbaren Himmels auf: Der Himmel ist kein Ort auf der Landkarte des Universums, sondern eine Beziehung. Der Himmel ist die Erfahrung der glücklich machenden – aber auch herausfordernden – Nähe Gottes. Viel später entsteht die treffsichere Geschichte von dem Rabbi, der einem Kind einen Taler verspricht, wenn es ihm sagen kann, wo Gott wohnt. Der Dreikäsehoch antwortet: „Und du bekommst einen Taler, wenn du mir sagst, wo er nicht wohnt!“

Ist der Himmel ein Paradiesgarten für die Frommen, eine Ruhmeshalle für die toten Helden, ein Forschungsobjekt für Astrophysiker oder ein Tummelplatz für Raumfahrer? Oder ist er eine Art zu leben, miteinander umzugehen? Natürlich muss jetzt der musikalische Ohrwurm aus zahllosen zeitgenössischen Jugendgottesdiensten zitiert werden, von Wolfgang Poeplau getextet und von Ludger Edelkötter vertont:

„Wenn ein Sommer
Rosen blühen lässt
und die Liebe
Menschen glühen lässt,
wenn es Frieden gibt
auf Erden
und die Waffen
verschrottet werden:
Dann gehen wir
dem Himmel entgegen
und alle, alle gehen mit.

Wenn die Wüsten
Gärten tragen
und die Toten
zu tanzen wagen,
wenn der Himmel
uns auf den Kopf fällt
und ein Mensch
mehr als alles Geld zählt:
Dann gehen wir
dem Himmel entgegen
und alle, alle gehen mit.“

Das Fest des Himmels hat begonnen. Zwar hat es noch nicht seinen Höhepunkt erreicht, aber wir sind zum Tanz aufgerufen: uns zum Reigen des Lebens einander bei den Armen und Händen zu fassen.

Aber wie geht das? Vielleicht gibt ein kleines Gebet Aufschluss, das in einem Gesangbuch zu finden war, in zierlicher Handschrift auf einen Zettel geschrieben: „Herr, gib mir ein Herz, das die Freude sucht und sie doch nicht festhalten will, das verzichten und teilen kann und das sein Glück in der Freude der anderen findet.“

Wenn wir so zu leben versuchen, leuchten schon jetzt viele kleine Stückchen Himmel wie Mosaiksteine auf, oft noch unverbunden nebeneinanderliegend wie bei einem unfertigen Puzzle. Die Bibel ist überzeugt: Gott wird am Ende der Tage diese vielen Mosaiksteinchen Himmel zu einem vollendeten Bild zusammenfügen und zu „seiner neuen Erde und seinem neuen Himmel machen“, wie es am Schluss der Heiligen Schrift heißt. Vielleicht lohnt es sich ja, bei dem Fest schon jetzt dabei zu sein. (pil)

Artikel teilen:

Weitere Nachrichten

11.05.26
Redaktion der pilger

Eucharistische Anbetung

„Gottesdienst im Dom – mal anders“ mit Domdekan em. Dr. Christoph Kohl am Sonntag,...
11.05.26
Redaktion der pilger

Bistum fördert neue Ideen

Das Bistum Speyer stellt ab sofort gezielt finanzielle Mittel für innovative...
11.05.26
Redaktion der pilger

Krankenhäuser verlieren ihre Existenzgrundlage

GKV-Sparpaket gefährdet Gesundheitsversorgung in Rheinland-Pfalz und im Saarland
11.05.26
Redaktion der pilger

Draht zur Politik - das Katholische Büro

In wenigen Tagen tritt der neue rheinland-pfälzische Landtag zusammen. Wir stellen...
08.05.26
Redaktion der pilger

Herzenskinder: Trauerfeier und Beisetzung

Die nächste Beisetzung findet am Mittwoch, 13. Mai, 14 Uhr, auf dem Ludwigshafener...
08.05.26
Redaktion der pilger

Sankt Vincentius Krankenhaus begrüßt neuen...

Prof. Kai Uwe Köhrmann verstärkt das Team
08.05.26
Redaktion der pilger

Seit 25 Jahren Pilgerwanderung für Männer über 50

Fester Bestandteil der Männerseelsorge im Bistum
07.05.26
Redaktion der pilger

Internationale Musiktage Dom zu Speyer

Vorverkauf gestartet – Hochkarätiges Festival zwischen Tradition und Gegenwart
07.05.26
Redaktion der pilger

150 Jahre Kirchenchor Bexbach

Festlicher Gottesdienst und Grußwort des Bischofs
06.05.26
Redaktion der pilger

Segen für Paare

Alle sind eingeladen, ob frisch verliebt oder schon lange gemeinsam unterwegs
06.05.26
Redaktion der pilger

Neuer Domorganist in Speyer

Bastian Fuchs wird neuer Domorganist am Dom
06.05.26
Redaktion der pilger

„Ein Stück Hoffnung“

Klausurtag zur Pfarreistrukturreform im Bistum Speyer
29.04.26
Redaktion der pilger

Katholische Priester sollen praxisnäher ausgebildet...

Überarbeitete Rahmenordnung tritt voraussichtlich am 1. Oktober in Kraft
29.04.26
Redaktion der pilger

Großes Wallfahrtsfest auf dem Rosenberg

Gottesdienste für Jung und Alt, für Neugierige und Sinnsucher
29.04.26
Redaktion der pilger

Die Umbrüche der Reformationszeit

Vor 500 Jahren wurde auf dem Reichstag in Speyer versucht, die religiösen...
29.04.26
Redaktion der pilger

„Ich bin wieder ein glücklicher Mensch“

Land fördert Projekt „Housing First“ für wohnungslose Menschen – Ministerin Dörte...
29.04.26
Redaktion der pilger

Erster Spatenstich

In Ludwigshafen entstehen in der Heinrich-Pesch-Siedlung 47 Wohnungen.
28.04.26
Redaktion der pilger

Die Pfälzerwald-Apotheke

Naturführungen mit Irene Busch im Pfälzerwald
27.04.26
Redaktion der pilger

Chancen und Grenzen im Ehrenamt

Fortbildungsreihe für Engagierte in der Flüchtlings- und Integrationsarbeit wird...
27.04.26
Redaktion der pilger

Musikalische Maiandachten im Marienmonat

Mit „Halte.Punkt.Maria“ lädt das Domkapitel am frühen Samstabend in den Dom
27.04.26
Redaktion der pilger

„Meinen Frieden gebe ich euch…“

Gottesdienst im Dom – mal anders am 3. Mai
24.04.26
Redaktion der pilger

Neuaufstellung bei der Heinrich-...

Die Heinrich-Pesch-Siedlung GmbH & Co. KG gibt eine Veränderung in der...
24.04.26
Redaktion der pilger

Bischof  beauftragt fünf Mitarbeitende

Segens- und Sendungsfeier in Pirmasens setzt Zeichen für neue Wege von Kirche
24.04.26
Redaktion der pilger

Bischof Wiesemann: Gesprächswille bringt die...

Der offene Meinungsaustausch ist nötig für eine friedliche Gesellschaft und die...
21.04.26
Redaktion der pilger

Benefizführungen zugunsten des Speyerer Doms

Angebot des Stadtführers Bernhard Bumb am 3., 10., 16. und 31. Mai
21.04.26
Redaktion der pilger

Rekord an größter Geburtsklinik in Rheinland-Pfalz

Am 17. April brachten Mütter in Speyer 20 Kinder zur Welt
21.04.26
Redaktion der pilger

Pläne zur Pflegereform

Heimbewohner sollen stärker belastet werden
16.04.26
Redaktion der pilger

„Life after Work – Loslassen, umdenken, neu beginnen“

Drei Abende für Klarheit und neue Energie im Ruhestand
16.04.26
Redaktion der pilger

Musikalische Osterfreude

Osterkonzert am 25. April im Speyerer Dom mit Musik von Johann Sebastian Bach
16.04.26
Redaktion der pilger

„Hands at work“

Gitarrenkonzert mit Markus Segschneider in der Stiftskirche in Kaiserslautern
16.04.26
Redaktion der pilger

Markuspilgergang und Wettersegen

Alte Tradition lebt in Deidesheim weiter
16.04.26
Redaktion der pilger

„Prüfungssegen für dich!“

Kerzen und Segen für Abiturienten
16.04.26
Redaktion der pilger

Den Zugang zur Bibel leicht machen

„Die Bibel muss an die frische Luft“ startet im Juni in die zweite Runde
14.04.26
Redaktion der pilger

Als Scherenschleifer in siebter Generation unterwegs

Mit seiner mobilen Scherenschleifer-Werkstatt reist der Pfälzer Romeo Weiß seit...
14.04.26
Redaktion der pilger

Erzählte Begegnungen: Vom Ankommen zum Miteinander

Über Wege gelingender Integration: Veranstaltung am 25. April im Heinrich Pesch Haus
10.04.26
Redaktion der pilger

Bewegung und Besinnung für Frauen

DJK lädt zum Wochenende nach Schönau ein
10.04.26
Redaktion der pilger

Chancen und Grenzen im Ehrenamt

Fortbildungsreihe für Engagierte in der Flüchtlings- und Integrationsarbeit
10.04.26
Redaktion der pilger

Verheißungsvoller Auftakt im Speyerer Dom

Berliner Domorganist eröffnet Internationalen Orgelzyklus
10.04.26
Redaktion der pilger

Hilfe anzunehmen, ist kein Grund für Scham

Tagespflege-Angebote entlasten Angehörige und die Gäste kommen gerne
08.04.26
Redaktion der pilger

Vor 75 Jahren: Kohle und Stahl als Instrument zum...

Robert Schumans Montanunion als Grundstein der europäischen Einigung
Treffer 1 bis 40 von 6503