Redaktion der pilger

Mittwoch, 13. Mai 2020

Der andere Beistand

Gott ist auch jetzt an unserer Seite

Im Evangelium zum sechsten Ostersonntag verheißt Jesus seinen Jüngern den Parakleten, der für immer bei ihnen bleiben soll. In den vielen Bibelübertragungen wird das griechische Wort „parakletos“ unterschiedlich übersetzt: „Beistand“ (Einheitsübersetzung), „Tröster“ (Lutherbibel), aber auch „Helfer“, „Anwalt“ oder „Stellvertreter“. Der Grundgedanke dahinter ist derselbe: Jesus lässt seine Jünger auch nach seiner Himmelfahrt nicht im Stich: „Ich lasse euch nicht als Waisen zurück“. Er verspricht, ihnen nahe zu bleiben: „Ihr seid in mir und ich bin in euch“. Als der Auferstandene verheißt er auch ihnen das Leben in Fülle: „Ich lebe und auch ihr werdet leben“. Was für eine großartige Zusage!

Im ersten Johannesbrief wird Jesus selbst als „Paraklet“, als göttlicher Beistand, bezeichnet (2,1). Er selbst hat uns mit Gott versöhnt und tritt für uns beim Vater ein. Erst von daher erschließt sich, was Jesus mit dem „anderen“ Beistand meint. Die irdische Zeitspanne Jesu war begrenzt. Nach seiner Rückkehr zum Vater braucht es deshalb nicht einfach nur eine andere Person und danach wieder eine, sondern eine ganz andere Weise, wie die Jünger die Nähe Gottes erfahren können: Einen Tröster, der nicht mehr den Begrenzungen von Raum und Zeit unterliegt. Einen Beistand für alle Menschen zu allen Zeiten und an allen Orten: Gottes Heiligen Geist.
Spätestens ab dem zweiten Jahrtausend ist die westliche Kirche, so das Urteil vieler Theologen, in eine Phase der „Geistvergessenheit“ eingetreten. In der katholischen Theologie, Liturgie und Frömmigkeit spielte (und spielt zum Teil bis heute) der Heilige Geist kaum eine Rolle – anders als in der Orthodoxie oder in den so genannten Pfingstkirchen, die dem Wirken des Gottesgeistes viel Raum geben. Ein Grund für diese Geistvergessenheit ist, dass das westliche Denken bestrebt war, das unverfügbare Wirken des Heiligen Geistes greifbarer zu machen: in Strukturen, Ritualen und Wahrheiten. Seine Aufgabe ging gewissermaßen auf die Kirche über. Sie wurde als „Christus prolongatus“ verstanden, als der fortlebende Christus auf Erden, und der Heilige Geist als „Seele der Kirche“. Besonders greifbar wird dies in einer der Bezeichnungen für den Papst: „Stellvertreter Christi“ – als wäre der Papst an die Stelle des abwesenden Christus getreten, der sein Werk weiterführt.
Doch diese Sichtweise überhöht nicht nur das Wesen der Kirche, sie engt zugleich das Wirken des Heiligen Geistes ein. Jesus hingegen spricht von einem „anderen“ Beistand – einem Beistand, den „die Welt“ nicht erkennt. Einem Beistand, dessen Wirken sich nicht in historisch greifbaren, konkreten Zeichen erschöpft oder der nur einer oder wenigen bestimmten Personen verheißen ist. Einem Beistand, der „ganz anders“ ist – unverfügbar, auch und gerade dort am Werk, wo wir ihn am wenigsten vermuten. Mit anderen Worten: Gottes Geist weht, wo er will (Joh 3,8) – auch, aber eben nicht nur innerhalb der Grenzen der sichtbaren Kirche.
Die aktuelle Corona-Krise – sie ist ein Testfall für unseren Glauben an das Anders-Sein und die Wirkmächtigkeit des von Gott verheißenen Beistands. Gerade dann, wenn wir beginnen, an der Güte und Menschenliebe Gottes zu zweifeln – weil er es nicht verhindert, dass weltweit hunderttausende Menschen an Corona sterben, dass Millionen Menschen um ihre Existenz fürchten, dass gerade die Schwächsten in der Gesellschaft am stärksten unter der Pandemie leiden müssen. Gerade dann, wenn die gewohnten Glaubensrituale aus Sicherheitsgründen unterbleiben müssen oder nur unter strengen Auflagen gefeiert werden können: der gemeinschaftliche Gottesdienst, die Feier der Sakramente, das gemeinsame Singen, der herzliche Friedensgruß und das Zusammenbleiben nach dem Gottesdienst. Gerade dann gilt es Gott zuzutrauen, dass er auch in dieser Situation bei uns ist und uns beisteht – wenn auch auf ganz andere Weise.
Für den Evangelisten Johannes ist der Schlüssel, um den „anderen Beistand“ zu erkennen, die Liebe. Und wieviel Liebe ist in den vergangenen Wochen in unserer Welt sichtbar worden: im selbstlosen Einsatz so vieler Menschen in der Pflege, in der Forschung und in all den anderen systemrelevanten Berufen; in vielfältigen und uneigennützigen Formen der Nachbarschaftshilfe und gegenseitigen Aufmunterung; in neuen (meist digitalen) Formen, den Glauben miteinander zu teilen und zu feiern! In all dem war und ist Gottes anderer Beistand am Werk. Darauf dürfen wir auch und gerade jetzt, wo so vieles anders ist als sonst, vertrauen.

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