Redaktion der pilger

Montag, 05. Juli 2021

Brandaktuell

Rembrandt: Der Prophet Jeremia beklagt die Zerstörung Jerusalems (Ausschnitt). Ölgemälde von 1630, heute im Rijksmuseum Amsterdam. Jeremia hatte die Mächtigen vor dem Fall Jerusalems gewarnt – vergeblich. (Foto Wikimedia Commons)

Der Prophet gilt nichts im eigenen Land

Ich glaube, so ziemlich jeder hat sich schon mal wie der Prophet im eigenen Land gefühlt. Ein Schicksal, das auch mir nicht fremd ist. Schon gar nicht als Umweltbeauftragter des Bistums. Es ist eines der vielen geläufigen Sprichwörter, deren Ursprung wir in der Bibel finden können. Zugegeben, bei diesem Spruch fällt es leicht, die Verbindung zur Bibel herzustellen. Wenn man von Propheten spricht, dann denkt man eben zuerst an die Bibel. Und die Bibel wimmelt ja nur so von Propheten. Amos, Jona, Hosea, Jesaja, Ezechiel, Johannes und wie sie alle heißen.

Propheten sind zunächst Menschen, die eine göttliche Botschaft mitzuteilen haben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Oft geht es dabei um Umkehr. Umkehr zum Glauben an den einen Gott. Umkehr von falschem Götzendienst. Umkehr von Fehlverhalten und Schuld. Damals wie heute hört niemand gerne solche Worte. Sie können äußerst unangenehm sein, denn sie provozieren. Propheten halten der Gesellschaft einen Spiegel vor Augen und klagen Fehlverhalten an. Das hört niemand gerne. Und wenn der Prophet dann auch noch ein Bekannter ist, einer „von uns“, ein Nachbar, ein Freund, dann fällt es meist noch schwerer, das zu akzeptieren. „Müllers Liesel, die hatte ja schon immer einen Hau weg!“

Diese Erfahrung hat auch Jesus machen müssen und zieht ein fast schon deprimierend zu nennendes Fazit: „Nirgends ist ein Prophet ohne Ansehen außer in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie“ (V 4). Und schließlich endet der Abschnitt mit einer Misserfolgserzählung Jesu: „Und er konnte dort keine Machttat tun“. Dass er dann „nur einige Kranke heilte“, klingt eher etwas erbärmlich, auch wenn es an sich natürlich eine großartige Sache war – vor allem für die Geheilten. Es ist der ihm begegnende Unglaube, der dazu führt, dass Jesus dort keine Machttat tun kann. Und es ist wahr, in fast allen Wundererzählungen von Jesus ist der Glaube immer von essentieller Bedeutung.

„Der Prophet gilt nichts im eigenen Land.“ So war es damals, und so ist es bis heute. Denn auch heute gibt es sie noch, Propheten. Wenngleich sie meist nicht mit dem Selbstverständnis der biblischen Propheten auftreten. Wer heutzutage offen davon spricht, eine Botschaft von Gott mitteilen zu wollen, wird meist vom Gros der Gesellschaft nicht für voll genommen, unabhängig davon, ob er im eigenen Land ist oder nicht.
Die Propheten der heutigen Zeit haben meist ein anderes Selbstbewusstsein, andere Gesichter, andere Namen. Sie heißen Nawalny, Tichanowskaja, Greta, Neubauer, Di Caprio, Edenhofer und viele mehr Menschen, die unserer Gesellschaft einen Spiegel vorhalten und zur Umkehr aufrufen, und sie sind meist auch keine Heiligen. Aber es sind Menschen, die sich – nicht selten unter Inkaufnahme von drohender Verfolgung – mutig einsetzen für Freiheitsrechte, in Hong Kong, Belarus, Russland und überall dort, wo es nötig ist, unter Umständen auch bei uns in Deutschland. Menschen, die sich zu ihrem Glauben in zunehmend säkularer werdenden Gesellschaften bekennen. Und die vielen, die sich einsetzen für eine gerechtere, sozialere Welt und für ein ökologisches Gleichgewicht. Es sind Menschen, die die Zeichen der Zeit erkennen und uns den Spiegel vorhalten und unangenehme Wahrheiten aussprechen.

Viele dieser Propheten sehen sich vielleicht nicht als von Gott gesandt, aber sie verkünden doch eine Botschaft, deren Bezug zur biblischen Botschaft leicht herzustellen ist. Wirkt durch sie dann nicht doch der Heilige Geist? Oft werden diese Menschen im eigenen Land belächelt, verfolgt, bestraft oder schlichtweg ignoriert. Es ist eben nicht so einfach angesichts der vielen Abertausenden von Stimmen und Meinungen, die täglich auf uns eindringen. Facebook, Fernsehen, Twitter, Tik Tok und wie sie alle heißen. Wem soll man da noch glauben? Welches sind die echten Propheten, welches die Falschen? Lieber nicht entscheiden, lieber ignorieren. Das ist einfacher. Erst recht, wenn der Prophet aus dem eigenen Land kommt.

Das Evangelium von heute kann uns dazu einladen, unser eigenes Verhältnis zu den Propheten neu zu bedenken. Dabei gilt für die biblischen wie für die modernen Propheten: Wir sollten gut hinhören, was uns diese Propheten sagen. Für die biblischen gilt, dass manche ihrer Botschaften auch heute noch brandaktuell sind. Nehmen wir sie als solche noch wahr? Und für die modernen Propheten gilt: Wer sind die Propheten von heute? Auf wen sollten wir heute hören? Welche Konsequenzen ergeben sich aus deren Botschaft für mein Leben?

Und wer weiß, vielleicht erleben wir dann ja Machttaten, die uns staunen lassen. (Steffen Glombitza)
 

Artikel teilen:

Weitere Nachrichten

15.09.21
Redaktion der pilger

Von Geld und Gott

Die Bankerin Marija Kolak hat seit einem Jahr ein neues Ehrenamt: Sie ist Beraterin...
15.09.21
Redaktion der pilger

Alles soll wieder gut werden

Kita St. Martin in Kaiserslautern startete Spendenaufruf für zerstörte Kita im...
15.09.21
Redaktion der pilger
News-Feed (RSS) von der Zeitungsseite in die Webfamilie

Orientierung am Kind

Jesu Lehrstück über das Reich Gottes
15.09.21
Redaktion der pilger

Konflikt erwartet

Frankfurter Stadtdekan zu Eltz zur Debattenkultur beim Synodalen Weg
15.09.21
Redaktion der pilger

Löscht die Lunte!

Der Papst ruft in Ungarn zum Kampf gegen Antisemitismus auf
15.09.21
Redaktion der pilger

Kämpfer für Menschenrechte in Brasilien

Kardinal und Befreiungstheologe Paulo Evaristo Arns vor hundert Jahren geboren
15.09.21
Redaktion der pilger

Verfolgte Christen

Ausstellung in Neustadt zu einem aktuellen Thema
08.09.21
Redaktion der pilger
News-Feed (RSS) von der Zeitungsseite in die Webfamilie

Feier mit neuen Freunden

Maria Rosenberg: Dank Online-Angeboten wächst die Fangemeinde
08.09.21
Redaktion der pilger

Bundestagswahl: 47 Parteien dabei

Darunter befinden sich Exoten wie die HipHopper und die Gartenfreunde
08.09.21
Redaktion der pilger

Der Heilige von 9/11

Der Franziskaner Mychal Judge ist bis heute eine Symbolfigur für die Opfer des 11....
08.09.21
Redaktion der pilger

Auf nach Assisi

Diözesanwallfahrt 2022 zu den Wirkungsstätten der Heiligen Franziskus und Klara
08.09.21
Redaktion der pilger

Heilig ging es nicht immer zu

Glaubens- und Kirchenleben: Theater Kauderwelsch aus Neupotz führt Projekt auf
08.09.21
Redaktion der pilger

Heilige Orte und Menschen

In der Slowakei prägen Marienverehrung und Wallfahrten bis heute die...
07.09.21
Redaktion der pilger

Insel-Hopping beim Solilauf St. Ingbert

Am Wochenende 10. bis 12. September sind Solilauffreunde - an welchem Ort der Welt...
02.09.21
Redaktion der pilger

Pfälzer Jahresbegleiter „Unsere Heimat“ 2022

Anregungen für den Artenschutz und Erlebnisse in der Natur. „Unsere Heimat....
01.09.21
Redaktion der pilger

Schöpfungsfreundliche Kitas

Bei den Kleinsten können die größten Veränderungen beginnen. So könnte das Ziel...
01.09.21
Redaktion der pilger

Beständige Liebe feiern

Nach 25, 50 oder 60 Jahren Ehejahren bekräftigen Paare ihr Verspechen im Dom
01.09.21
Redaktion der pilger

Kolmerbergkapelle renoviert

Freude über die Wiedereröffnung der Dörrenbacher Wallfahrtsstätte nach mehrjähriger...
01.09.21
Redaktion der pilger

Jesus Christus will auch uns öffnen

Unsere Ohren und Augen, unseren Mund. Unser Herz
30.08.21
Redaktion der pilger

Sich finden lassen

Die Bibel empfand Uwe Kießling zunächst einmal als langweilig. Doch das änderte sich
27.08.21
Redaktion der pilger

Speyerer Bischof Wiesemann kehrt von Auszeit zurück

Speyer (KNA) Der Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann nimmt nach einer...
25.08.21
Redaktion der pilger

Schöpfungsgeschichte in neuem Licht

Leimersheimer Messdiener laden in die Kirche St. Gertrudis zu beeindruckender...
25.08.21
Redaktion der pilger

Die Hilfe muss weitergehen

Hilfsorganisationen wollen ihre Unterstützung für Afghanistan aufrechterhalten –...
25.08.21
Redaktion der pilger

Den Artenschutz im Blick

Ökumenische Initiative „Trendsetter Weltretter“ beginnt am 4. September
25.08.21
Redaktion der pilger

Kassen zahlen Bluttest

Kirche warnt vor vorgeburtlicher Selektion bei Down-Syndrom
25.08.21
Redaktion der pilger

Den Dingen auf den Grund gehen

Eine Teilnehmerin von „Theologie im Fernkurs“ berichtet über viele „Aha-Erlebnisse“...
25.08.21
Redaktion der pilger

Grund für ein gutes Leben

Gottes Weisung ist eine kostbare Gabe
20.08.21
Redaktion der pilger

Wir dürfen uns nicht lähmen lassen

Der Klimawandel bedroht die Erde. Wie können wir mit den Sorgen, die uns die...
20.08.21
Redaktion der pilger

Wenn Fantasiewelten im Kopf entstehen

Schon seit 15 Jahren gibt es die Erzählwerkstatt im Heinrich Pesch Haus in...
20.08.21
Redaktion der pilger

Empörende Hilflosigkeit

Bischofskonferenz und Hilfswerk Misereor zur Krise in Afghanistan
20.08.21
Redaktion der pilger

Wollt auch ihr gehen?

Eine diffuse Gläubigkeit reicht nicht für‘s Christsein
20.08.21
Redaktion der pilger
News-Feed (RSS) von der Zeitungsseite in die Webfamilie

Sein berühmtestes Orgelwerk hören

Johann Sebastian Bachs „Toccata und Fuge d-moll“ wird am 29. August vielerorts...
20.08.21
Redaktion der pilger

Ohne Bildung obsiegt die Not

Madagaskar: Herz-Jesu-Priester bauen eine „Schule gegen den Hunger“
11.08.21
Redaktion der pilger

Die Zeit verrinnt

Papst Franziskus drückt nach überstandener Operation aufs Tempo
11.08.21
Redaktion der pilger

Klima-Pilgerweg

Ökumenisches Signal für mehr Klimaschutz und Klimagerechtigkeit
11.08.21
Redaktion der pilger
News-Feed (RSS) von der Zeitungsseite in die Webfamilie

Oase und grüner Segensort

Ein Besuch im Otterberger Klostergarten – Mehr als 250 verschiedene Pflanzen
11.08.21
Redaktion der pilger

Die eigene Mitte finden

Heinrich Pesch Haus setzt mit der Methode Focusing einen neuen Schwerpunkt
11.08.21
Redaktion der pilger

Ein Saurier mit Tourette-Syndrom

Behindertenseelsorge und Kinder- und Jugendtheater Speyer präsentieren neues...
11.08.21
Redaktion der pilger

Gott handelt – mit unseren Herzen und Händen

Am Fest Mariä Aufnahme in den Himmel finden in vielen Kirchen Kräutersegnungen...
06.08.21
Redaktion der pilger

Noch mehr als Nähe

Zum Sonntag: Alle Ich-bin-Worte Jesu sprechen von der Liebe Gottes
Treffer 1 bis 40 von 4340