Redaktion der pilger

Mittwoch, 21. Juli 2021

Sogar über Jesus herrschen wollen

Bodenmosaik aus dem 6. Jahrhundert in der Brotvermehrungskirche in Tabgha am See Genezareth. (Foto: imago)

Anfrage an das Selbstverständnis der Kirche

Im Johannesevangelium zählt die Speisung der Fünftausend zu den sieben so genannten „Zeichen“. Durch sie zeigt Jesus, wer er ist und wozu er ihn in die Welt gekommen ist: der Sohn Gottes, der durch seinen Tod und seine Auferstehung allen, die an ihn glauben, ewiges Leben schenkt (Joh 3,16). Bei der wundersamen Vermehrung der fünf Brote und zwei Fische steht deshalb nicht das Wundersame und Spektakuläre im Vordergrund. Vielmehr sollen alle erkennen, dass in Jesus die Herrlichkeit Gottes erschienen ist (Joh 1,14). Dass er allein das Brot des Lebens ist, das den Hunger und alle Sehnsüchte der Menschen stillt (Joh 6,51). Die Antwort, die Jesus durch seine Zeichen in den Menschen wecken will, ist der Glaube. Der Glaube, dass in seinen Worten und Taten Gott selbst zu uns spricht und wir durch ihn das Leben in Fülle haben (Joh 10,10).

Wenn es am Ende der Erzählung heißt: „Als die Menschen das Zeichen sahen, das er getan hatte, sagten sie: Das ist wirklich der Prophet, der in die Welt kommen soll“ (Joh 6,14), dann scheint auf den ersten Blick alles richtig gelaufen zu sein. Die fünftausend Männer (und sicher auch die vielen unerwähnten Frauen und Kinder) haben erkannt, dass hier Gott selbst seine Finger im Spiel hat. Dass er Jesus gesandt hat, um die Menschen aus ihren Nöten zu befreien. Doch die Reaktion Jesu fällt ganz anders aus als erwartet: Anstatt sich zu freuen, dass die Menschen in ihm den Propheten sehen, auf den das Volk Israel seit Jahrhunderten sehnsüchtig wartet, ist er enttäuscht. Anstatt die Menschen für ein Leben in seiner Nachfolge zu begeistern, lässt er sie einfach stehen und zieht sich alleine auf den Berg zurück.

Was ist da schiefgelaufen? Die Antwort steht im letzten Vers, den es so nur im Johannesevangelium gibt, und der ganz unterschiedlich übersetzt wird: „Da erkannte Jesus, dass sie kommen würden, um ihn in ihre Gewalt zu bringen (Einheitsübersetzung) … um ihn zu ergreifen (Lutherbibel) … um ihn festzuhalten (Hoffnung für alle) … um sich seiner Person mit Gewalt zu bemächtigen (Hermann Menge) … um ihn gewaltsam zu entführen (Fridolin Stier) …“.
Immer geht es um das Gleiche: Darum, dass die Menschen in Jesus nicht den ganz Anderen, das unfassbare Geheimnis zu sehen bereit sind. Sondern dass sie ihn beherrschen wollen. Dass er sich gefälligst ihrem Wunsch nach einem machtvollen König unterzuordnen hat. Sie haben (noch) nicht verstanden, was Glauben wirklich bedeutet, nämlich: Gott anzunehmen und sein zu lassen, wie er ist: unbegreiflich, anders, stets größer als unsere Erwartungen und Sehnsüchte. Auch gegen das menschliche Grundbedürfnis, immer die Oberhand zu behalten; möglichst alles im Griff zu haben und zu beherrschen. Mit einem Satz: Der Glaube an Gott ist kein Besitz, sondern ein Wagnis und ein lebenslanger Weg!

Beim Zeichen der Speisung der Fünftausend geht es aber nicht nur um den Glauben der vielen Einzelnen. Das, was am See von Tiberias geschieht, ist ein Akt der Kirche-Werdung: Jesus sammelt die Vielen aus ihrer Vereinzelung und führt sie in seinem Namen zusammen. Er eint sie durch das gemeinsame Mahl als Zeichen für das Heil, das mit ihm angebrochen ist, und als Vorausbild für das himmlische Gastmahl. Der Satz: „Da erkannte Jesus, dass sie kommen würden, um ihn in ihre Gewalt zu bringen …“ ist deshalb nicht nur eine kritische Anfrage an die Christusbeziehung jedes/jeder einzelnen, sondern auch an das Auftreten und Selbstverständnis der Kirche.

Wo versuchen wir als Kirche, Jesus Christus zu beherrschen bzw. festzunageln? In Theologien, die auf alles eine Antwort geben und keinen Raum mehr für das göttliche Geheimnis und für menschliche Zweifel lassen? In kirchlichen Grabenkämpfen, bei denen beide Seiten genau zu wissen meinen, worin der Wille Gottes besteht? In kirchlichen (Macht-)Strukturen, die dem Heiligen Geist exakt vorschreiben, auf welche Weise er zu wirken hat? Vor allem aber in der Ausübung von Gewalt – körperlich, sexuell und geistlich – gegenüber anderen Menschen, wodurch jenes Geheimnis mit Füßen getreten wird, dass jeder Mensch ein Abbild und Kind Gottes ist und nicht zum Objekt meiner Begierden und Machtfantasien gemacht werden darf?

Die aktuellen Diskussionen um kirchliche Macht und Machtmissbrauch, um Gewaltenteilung und –kontrolle sind für mich deshalb ein dringend notwendiger Reinigungsprozess, der unserer Kirche zur Vertiefung ihrer Christusbeziehung und damit zugleich zur glaubwürdigeren Erfüllung ihrer Sendung hilft. Nicht das Beherrschen darf in der Kirche im Vordergrund stehen. Sondern die Demut vor der Unverfügbarkeit Gottes, der achtsame und geschwisterliche Umgang aller Glieder der Kirche untereinander und der unbedingte Schutz der Armen und Schwachen vor jeder Form von Gewalt. Nur so wird Kirche ihrem Auftrag gerecht, Licht der Welt zu sein. Nur so wird sie zu einem Zeichen der Gegenwart Gottes. Nur so erahnen Menschen durch sie etwas vom angebrochenen Gottesreich. (Dr. Thomas Stubenrauch)

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