Redaktion der pilger

Mittwoch, 21. Juli 2010

Zu Gott sprechen mit den Worten Jesu

Wer meint, schon beten zu können, lerne es von Jesus neu – ein Beitrag von Pfarrer i.R. Bernhard Linvers zum Sonntagsevangelium (Lukas-Evangelium 11, 1–13).


Um das Beten ist es schlecht bestellt in unserer Zeit. Das  soll keine pessimistische Aussage sein, um daraus moralische Belehrungen zu ziehen. Es ist eine realistische Feststellung. Auch einer der Jünger sagt: „Herr, lehre uns beten.“ Die Jünger waren gläubige Juden. Sie haben von Kind an beten gelernt – wie wir. Aber sie sind unsicher geworden, ob ihre Art des Betens etwas taugt. Sie möchten die andere Weise zu beten, die sie an Jesus sehen, lernen.

Es soll hier keine Erläuterung des Vaterunser im Einzelnen gegeben werden, das würde zu weit führen. Wer dieses Gebet bewusst spricht, erkennt die wirklichen Nöte und Bedürfnisse des Menschen – also seine eigenen. Wir kennen ja dieses Gebet, doch wir „plappern” es oft nur so daher; meist beten wir das Vaterunser, ohne nachzudenken und ohne nachdenklich zu werden. 

Das „Gebet des Herrn“, ob in der Form bei Lukas oder bei Matthäus, besteht zu einem großen Teil aus Bitten. Nicht nur bei uns, sondern in allen Religionen ist das Bittgebet verpönt. Warum eigentlich?

Einen anderen Menschen bitte ich doch nur dann, wenn ich Vertrauen zu ihm habe, und ich bitte ihn um etwas, das ich mir nicht kaufen kann.  Das Bittgebet ist also nicht Ausdruck eines unüberwindlichen Autoritätsgefälles, sondern eines großen Vertrauens. 

Und noch etwas: Das Bittgebet ist das Gebet der kleinen Leute. Religiös gebildete Menschen kennen viele Formen des Gebets. Die Gebetskultur der Menschheit hat Gebete von großer sprachlicher Schönheit hervorgebracht; in den Psalmen etwa kommt sie in ganzer Breite zur Entfaltung. Warum hat Jesus uns kein schöneres Gebet hinterlassen?

Ich vermute, weil er auch beim Beten seinen Platz unter den Armen, den Kleinen nicht verlassen wollte. Er weiß sich ja zuerst zu den Armen gesandt. Ihnen zuerst gilt seine Frohe Botschaft. Er redet so, dass sie  vor allem ihn verstehen. Er betet so, dass sie mitbeten können. Wer in Not ist, macht keine großen Worte. Er kommt gleich zur Sache. Wenn ich meine Armut offenlege, gebe ich Gott die Ehre und erreiche sein Ohr. „Gib mir einen Fisch, gib mir ein Ei.“ Die Bitte eines hungrigen Kindes ist nicht ehrenrührig.          

Der Jünger, der zu Anfang dieses Evangeliums Jesus bittet, ihn beten zu lehren, kann schon beten – so wie wir alle schon beten können. Aber er ahnt auch, dass er das Entscheidende noch nicht entdeckt hat. Jesus hält ihm keinen Vortrag. Er hält ihm ein Gebet hin, wie einen Mantel, in den man hineinschlüpfen kann. Erst wenn man einen Mantel anzieht, merkt man, ob er einem passt, ob er einen schützt und wärmt.

Legen wir alles, was wir einander wünschen und was wir erbitten für die Welt, in die Gott uns gestellt hat, in die Worte, die der Herr uns zu beten gelehrt hat.                          

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