Redaktion der pilger

Donnerstag, 05. August 2010

Immer mehr Dörfer veröden

Viele Dörfer auf dem Land veröden. Die Verkehrsanbindung ist dünn, Geschäfte und Gasstätten als Treffpunkte verschwinden, junge Familien ziehen weg – näher zu Arbeitsplatz und Schule. Foto: Dieter/www.pixelio.de

Gegen das Aussterben der Dorf-Kultur: Bürgerbus-Vereine und Kircheninitiativen wollen Infrastruktur und Leben auf dem Land erhalten.

Der zentrale Marktplatz von Volxheim ist kein besonders belebter Ort. Ein paar hübsche Fachwerkhäuser, die kleine beige-gelb gestrichene  Dorfkirche und drei Lindenbäume bilden das Dorfzentrum. Wer den morgendlichen Bus in die Kreisstadt Bad Kreuznach um 8.27 Uhr verpasst, hat an der Bushaltestelle knapp vier Stunden Zeit, um auf den nächsten zu warten. Bei Familien mit Kindern ist einer der Partner meist gut damit beschäftigt, den Nachwuchs zu Freunden und Vereinen zu kutschieren. „Nach den Hausaufgaben bin ich fast den ganzen Tag mit den Kindern unterwegs“ erzählt eine Volxheimer Mutter.

Läden, Postfilialen und Gaststätten haben vielerorts in der deutschen Provinz schon längst geschlossen. Mittlerweile gibt es in der Bundesrepublik viele Dörfer, in denen sogar der Briefkasten abgebaut wurde. Rheinhessen, das Mainzer Umland, ist weder eine Region des wirtschaftlichen Niedergangs, noch ein demografisches Krisengebiet. Im Gegenteil: Noch profitieren die Winzerdörfer von der Wirtschaftskraft des nahen Rhein-Main-Gebiets. Doch auch hier sind viele alte Dorfkerne verödet.

 

„Richtiges Problem“ 

„Wenn Sie in einer Tausend-Seelen-Gemeinde mit 70 den Führerschein abgeben, haben Sie ein richtiges Problem“, sagt der rheinland-pfälzische Wirtschaftsstaatssekretär Siegfried Englert. Die Politik könne Ärzte nicht dazu zwingen, im ländlichen Raum präsent zu bleiben oder die großen Supermarktketten anweisen, auf ihre Preisschlachten zu verzichten. Neben Landfrauen und Fastnachtsvereinen werde es zukünftig auf dem Land auch Sozialvereine geben müssen, die sich um die weniger mobilen Anwohner kümmern, glaubt Englert. 

 

Initiative aus Großbritannien

Eine neue Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche Deutschlands bemängelt  die schlechte Infrastruktur auf dem Land. Auch ärmere Menschen müssten auf dem Dorf ein Auto unterhalten, weil sie Termine bei der Arbeitsagentur oder bei Ärzten sonst nicht wahrnehmen könnten, heißt es darin. 

Die ursprünglich aus Großbritannien stammende Idee der Bürgerbusse –­ Kleinbuslinien mit festen Routen und ehrenamtlichen Fahrern ­– hat darum inzwischen auch in Deutschland Nachahmer gefunden. Vor allem in Nordrhein-Westfalen ist schon ein großes Netz entstanden: Die 92. Linie nahm dort Ende Juli den Betrieb auf, ein weiteres knappes Dutzend ist in Planung. 

 

Kirchenbusse unterwegs

Um einen Bürgerbus annähernd kostendeckend zu betreiben, müsse es mehrere hundert Menschen geben, die nicht an den öffentlichen Nahverkehr angeschlossen sind, sagt Franz Heckens, Umweltbeauftragter der Stadt Kevelaer und Vorsitzender des Vereins „Pro Bürgerbus NRW“. Trotzdem bleibe am Jahresende oft ein kleines Defizit: „Es gibt Bürgerbusse, die einen gewissen Gewinn einfahren, aber das ist nicht die Regel.“ Viele Kirchengemeinden organisieren ebenfalls Mitfahrgelegenheiten – zumindest zum Gottesdienst oder zum Seniorentreff. In der katholischen Diaspora unterstützt das Bonifatiuswerk die Pfarreien mit Kleinbussen. „Ohne sie könnten wir unsere Arbeit kaum leisten“, unterstreicht der Kuseler Dekan Rudolf Schlenkrich. Die „Logistik“ sei ein großes Problem – mit Auswirkungen bis in die Messdienerarbeit oder Vorbereitung der Kommunionkinder. „Wir müssen die Kinder in den einzelnen Orten abholen, oder die Eltern müssen sie bringen, was nicht immer möglich ist“, so der katholische Pfarrer und Dekan. Die „dünnen“ Busverbindungen seien keine wirkliche Alternative.

 

Modell „Mobiler Bürgerkoffer“

„Es gibt Dörfer, da fällt mir nichts mehr ein, da sehe ich einfach keine Lösung“, seufzt Staatssekretär Englert. „Und dabei halten wir uns für ziemlich innovativ.“ Als neueste Idee lässt das Innenministerium derzeit in 15 Kommunen einen mobilen Bürgerkoffer testen. Mitarbeiter der Ämter besuchen kleinere Gemeinden oder auch Betriebe, um vor Ort Verwaltungsangelegenheiten wie Ummeldungen oder Anträge auf ein Führungszeugnis abzuwickeln – ein Modellprojekt, das auch in Krankenhäusern und Altenwohnheimen zum Einsatz kommen könnte.

Auf den Marktplatz von Volxheim bringt die Kirche zumindest während der Sommerferien etwas Leben. Für jeweils eine Woche parkt die Evangelische Jugend einen Bauwagen in kleinen Dörfern, in denen es sonst wenig bis gar keine Ferienangebote für Kinder gibt. „Der tingelt jetzt seit zwölf Jahren durch die Gemeinden“, erzählt Sabine Göhl, Jugendreferentin im evangelischen Dekanat Wöllstein. 

Allerdings stehen die Kirchen auf dem Land selbst unter Druck. Dass ein Pfarrer gleich ein halbes Dutzend Ortschaften oder mehr betreut, ist abseits der größeren Städte längst Normalität. Entweder hetzen die Seelsorger dann am Sonntag von einem Gottesdienst zum nächsten, oder aber die Kirchen werden nur noch alle paar Wochen aufgeschlossen. Eine Entwicklung, die sich auf evangelischer wie katholischer Seite noch verschärfen wird. Karsten Packeiser (epd/Rönn)

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