Redaktion der pilger

Donnerstag, 01. September 2011

So wirkt und wächst Gemeinde

Worauf unser Mut gründet, Kirche neu zu denken – Gedanken zum Matthäus-Evangelium 18, 15–20 von Professor em. Hans Kirsch

In Kürze kommt der Papst nach Deutschland. „Du aber stärke deine Brüder“ ist sein biblischer Auftrag. Wie kann er uns, seine Brüder und Schwestern, stärken in einer Situation des massiven Priestermangels, in einer Zeit, in der sich zunehmend nur noch eine alternde Minderheit zum Gottesdienst versammelt, die Zahl der Kirchenaustritte steigt und Zweifel an der Kirche bis in den Kernbereich engagierter Christen und Christinnen vorgedrungen sind?

Ein häufig übersehenes Wort des heutigen Evangeliums kann hier als Schlüsselwort dienen. Es wird mit der feierlichen Beteuerung „Amen, ich sage euch“ eingeleitet, was darauf hinweist, dass es hier um etwas Wichtiges geht, etwas, das unumstößlich zugesagt ist. Mit „euch“ wendet sich Jesus eindeutig an den Kreis von Männern und Frauen, die an ihn glauben, ihm nachfolgen. Matthäus bezieht es auf die Ekklesia, die versammelte Gemeinde.

„Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, wird auch im Himmel gelöst sein“, lautet das der Gemeinde feierlich zugesprochene Wort. Es ist der gleiche Wort, das (zwei Kapitel vorher) exklusiv an Petrus gerichtet wird, dort allerdings ohne ein feierliches „Amen, ich sage dir“ und ohne das „alles“. Daraus lässt sich ableiten, dass nach dem Matthäusevangelium die Gemeinde von Jesus die uneingeschränkte Vollmacht zu binden und zu lösen erhalten hat, und dass diese Vollmacht kein geringeres Gewicht hat als die des Petrus. 

Binden und Lösen bedeutete im jüdisch-hellenistischen Umfeld Jesu die Vollmacht, Angelegenheiten verbindlich zu klären und zu regeln, überflüssige und hinderliche Vorschriften aufzuheben und lebensförderliche, funktionstaugliche Strukturen aufzubauen. Im ersten Teil des Evangeliumsabschnitts ist als Beispiel eine Regelung für den Umgang mit Sündern dargestellt. Das beginnt unter vier Augen und endet mit einer Entscheidung der Gemeinde. Hier wird Anstehendes von unten her, aus der Nähe, dort wo man sich kennt und einander zuhören kann, besprochen und geregelt. Gott hat schließlich seinen Geist mit reichen Gaben vielfältig über die gesamte Gemeinde verteilt. Es käme einer Sünde gegen Heiligen Geist gleich, diesen Schatz links liegen zu lassen.

Das funktioniert allerdings nur unter der Bedingung, dass die Gemeinde im Namen Jesu, in seinem Geist zusammenkommt. Also nicht, um das geknickte Rohr zu brechen, sondern um es aufzurichten; nicht um die Ehebrecherin zu verurteilen, sondern um ihr auf einen guten Weg zu helfen; nicht um den Bruder, der sündigt, bloßzustellen, sondern um ihn zurückzugewinnen, und vor allem um den hungrigen Schafen nachzugehen, die sich verlaufen haben oder „außerhalb“ Nahrung suchen.

Ein Leserbrief in „der pilger“ vom 21. August ist so  überschrieben: „Den Mut aufbringen, Kirche neu zu denken“. Das heißt nicht, dass Kirche neu erfunden werden müsste. Im Evangelium haben wir schon längst die einschlägigen Richtlinien, nach denen unsere heutige, durch viel Ballast der Jahrhunderte behinderte Kirche im Sinne Jesu neu zu denken ist. „Das Problem ist, dass wir in der Umsetzung nicht voran kommen“, teilt der Leserbriefschreiber mit vielen engagierten, glaubensstarken Christen seine Sorge.

Viele haben schon angefangen, solches Neudenken in die Tat umzusetzen. Pfarrer Pirmin Spiegel gibt klares Zeugnis, wie in „der pilger“ vom 21. August zu lesen ist: „Es ist von großer Bedeutung, ernst zu nehmen, was Menschen wertvoll und heilig macht. Es ist wichtig, sich ihrer Lebenswelt, Kultur, ihren realen Bedürfnissen und existentiellen Fragen und Nöten wertschätzend zu stellen“. Dekan Felix Hirsch sagt im selben Pilger: „Offen zu sein für alle und am Leben und Schicksal aller teilzunehmen, das braucht viel Zeit.“ Und es braucht Nähe. Im selben Pilger bekennt der berühmte Amazonas-Bischof Erwin Kräutler: „Ein Bischof gehört unters Volk, er soll für das Volk da sein, mit diesen Menschen leiden, glauben, hoffen und lieben. Alles andere wäre Verrat“. Er betont auch das Recht der kleinen Gemeinden, Eucharistie zu feiern und kann sich ohne weiteres vorstellen, „dass Leute, die den Gemeinden vorstehen, auch den Auftrag und die Weihe bekommen, dass sie der Eucharistie vorstehen“. In den Gemeinden von Bischof Kräutler,  gibt es bereits Männer und Frauen, die den Gemeinden vorstehen. Unser Weihbischof Otto Georgens hat ausgiebig und mit viel Sympathie die neuen Strukturen beschrieben, mit denen Bischof Rouet seiner Diözese Poitiers in Frankreich zusehends ein neues Gesicht gibt.

Wir hoffen, dass der Papst im Vertrauen auf die Kraft und Kreativität des Heiligen Geistes in jedem Gläubigen und im Respekt vor der ihnen gegeben Vollmacht unsere Gemeinden gemeinsam mit ihren Verantwortlichen durch Wort und Tat bekräftigt, ihre Angelegenheiten im Namen und Geist Jesu zu regeln. Wie in der frühen Christenheit könnte ein neuer  Frühling aufbrechen mit vielfältiger Blütenpracht und der Aussicht auf reichliche Früchte. 

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