Redaktion der pilger

Donnerstag, 08. September 2011

Barmherzigkeit Gottes ist das Maß

Eine Provokation und eine Zusage Jesu Christi – Gedanken zum Matthäus-Evangelium 18, 21–35 von Pfarrer i.R. Monsignore Ernst Roth

Was Jesus da von einer christlichen Gemeinde verlangt, ist unerhört und scheint – menschlich gesehen – unerfüllbar. Matthäus lässt mit Absicht Petrus, den erwählten Sprecher der Gemeinde, den Kyrios, den Herrn der Gemeinde, fragen: „Wie oft muss ich meinem Bruder vergeben?“ Dabei ist Petrus in seinem Vorschlag nicht engherzig; „siebenmal“, was – biblisch verstanden – in Richtung Vollkommenheit geht! Einmal muss doch der Satz gelten: „Das Maß ist voll! Ich kann nicht mehr verzeihen!“ Die Antwort Jesu: Vergeben –  uneingeschränkt und unbegrenzt! Und zur Illustration erzählt er ein Gleichnis.

Ein „Knecht“, ein hoher Beamter, schuldet seinem König eine ungeheuer hohe Summe. Er hat ein Stück Eigentum, ein Lehen des Herrn, missbraucht und das in ihn gesetzte Vertrauen enttäuscht. Er bittet um Aufschub, verspricht Rückerstattung, die er samt seiner Familie nie und nimmer leisten kann. Es ist hoffnungslos. Der Herr geht ü̈ber seine Bitte hinaus und erlässt ihm die ganze Schuld.

Der König im Gleichnis, der „Kyrios“, wie er fortan genannt wird, veranschaulicht das Erbarmen Gottes mit uns Menschen. Gott ist der Herr des Lebens. Gott hat uns Leben, Gesundheit, Talente als Lehen gegeben und setzt das Vertrauen in uns, dass wir damit verantwortlich und in seinem Sinne umgehen. Tun wir es nicht, kommen wir in Schuld vor Ihm. 

Jeder von uns häuft im Leben Sünde auf Sünde und Schuld auf Schuld und gleicht so dem ersten Knecht. Gerade als Glieder einer christlichen Gemeinde muss uns von daher bewusst sein, dass wir alle auf das ü̈bergroße Erbarmen Gottes angewiesen sind, ja die Barmherzigkeit Gottes schon gnadenhaft erfahren durften in Jesus Christus. „Durch das Blut seines geliebten Sohnes haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden nach dem Reichtum seiner Gnade“ (Epheserbrief 1,7). 

Im zweiten Teil der Parabel geht es um die „Schuld des Menschen“ gegenüber Mitmenschen, genauer: um das Miteinander und die Vergebungsbereitschaft in einer christlichen Gemeinde. Die Schuld des zweiten Knechtes ist unvergleichlich gering, eine verschwindend kleine Summe gegenüber dem, was dem ersten Knecht erlassen wurde. Er könnte diese kleine Schuld auch zurückzahlen und bittet – fast wortgleich wie der erste Knecht – um Geduld und Aufschub. Dennoch reagiert der soeben reich Beschenkte mit äußerster Härte und Unbarmherzigkeit. „Hättest nicht auch du mit jenem ... Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte?“ Damit macht Jesus deutlich, dass eine andere, eine „Neue Ordnung“ in einer christlichen Gemeinde gilt, gegenüber dem, was „in der Welt“ im Zusammenleben der Menschen weithin üblich ist und als gerechtfertigt gilt. In der Welt gibt es nach Schuld und begangenem Unrecht in der Regel nur die Forderung nach Reparation und Erstattung. Es bleibt beim „Aufrechnen“ und führt oft zu einem auf Dauer gestörten Verhältnis zueinander. 

In der Jüngergemeinde Christi darf es nicht so sein! Wie jeder in der Gemeinde aus der übergroßen Barmherzigkeit Gottes lebt, so muss jeder lernen, die Barmherzigkeit Gottes nachzuahmen und dem Bruder gegenüber unbegrenzt vergebungsbereit zu sein. Nach Matthäus knüpft der himmlische Vater seine Barmherzigkeit und die Vergebung unserer Schuld an unsere Bereitschaft, einander immer wieder Schuld und Lieblosigkeiten „aus ganzem Herzen“ zu vergeben. Diese Forderung Jesu ist nicht leicht; sie widerspricht unserem Rechtsempfinden und erscheint uns als ständige Provokation. Erfahrene Lieblosigkeiten verletzen tief, schlagen Wunden und lassen oft Narben zurück. Und dennoch „unbegrenzt vergeben”? 

Machen wir uns in der Gemeinde auf den Weg. Die „Neue Ordnung“ der Barmherzigkeit muss unser Ziel sein und unser christliches Zeugnis an die Welt! Lassen wir uns daran erinnern und dazu motivieren, immer wenn wir das Vaterunser beten: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir allen vergeben haben, die an uns schuldig geworden sind“ (Matthäus-Evangelium 6,12).

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