Redaktion der pilger

Donnerstag, 08. September 2011

„Nur die Liebe zählt“

Genießt hohes Ansehen: Weihbischof em. Ernst Gutting. Foto: Archiv

Vor vierzig Jahren wurde Ernst Gutting zum Bischof geweiht

Er ist inzwischen 92 Jahre alt, gesundheitlich angeschlagen, aber die Entwicklungen in Gesellschaft und Kirche verfolgt er immer noch mit großem Interesse. Vor vierig Jahren, am 12. September 1971, wurde Ernst Gutting im Speyerer Dom zum Bischof geweiht. Vor dreißig Jahren, ebenfalls im September, erschien das Schreiben der deutschen Bischöfe zu „Fragen der Stellung der Frau in Kirche und Gesellschaft“, das die Handschrift von Weihbischof Gutting trägt.

„Jesus kam, um Männern das Dienen beizubringen. Sie haben das dann an die Frauen delegiert.“ Nicht eine Feministin äußerte sich so, sondern der Speyerer Weihbischof Ernst Gutting. In der Deutschen Bischofskonferenz war Gutting viele Jahre für die Frauenseelsorge zuständig. Er hatte maßgeblichen Anteil am Grundsatzpapier der deutschen Bischöfe zu „Fragen der Stellung der Frau in Kirche und Gesellschaft“. Spätestens seit seinem 1987 erschienenen Buch „Offensive gegen den Patriarchalismus“ findet Guttings Eintreten für die Frauen weithin Beachtung. 

Seine unmissverständliche Parteinahme für die Rechte der Frauen verschlug – es war bei einer Podiumsdiskussion in Bonn – selbst „Emma“-Herausgeberin Alice Schwarzer die Sprache. In ihrem Blatt wurde Guttings Buch „Offensive gegen den Patriarchalismus“ wohlwollend kritisch besprochen. Doch ein sehr wichtiger Akzent wurde nicht beachtet. Er kommt in dem Untertitel „Für eine menschlichere Welt“ zum Ausdruck: Eine falsch verstandene Emanzipation, die Mann und Frau einfach gleich macht, führt nach Guttings Ansicht nicht dazu, beide zu ihrem vollen Menschsein zu befreien. Erst echte Partnerschaft zwischen den Geschlechtern und eine neue „Geschwisterlichkeit“ ermöglichten die Emanzipation von Frauen und Männern. Neben der Frauenseelsorge galt und gilt Guttings besonderes Interesse der Arbeitswelt. Als der Verlust zahlreicher Arbeitsplätze in einem Ludwigshafener Industriewerk drohte, wählte ihn die Betriebsversammlung in die Verhandlungskommission.

Wird Weihbischof Gutting gefragt, wer ihn in seinem Denken am meisten beeinflusst habe, so verweist er auf die heilige Theresia von Lisieux. „Nur die Liebe zählt“ – das Wort, das Theresia auf dem Sterbebett sprach, wurde zu seinem Wahlspruch als Bischof. Unter diesem Leitwort hatte er schon 1965 ein Büchlein veröffentlicht, das zu den bekanntesten Einführungen in die Spiritualität der „Kleinen Therese“ in deutscher Sprache zählt. Im Leben und in der Lehre dieser Heiligen sieht Gutting, wie er im Vorwort zu dem Büchlein formulierte, „eine revolutionäre Botschaft für eine Gesellschaft, deren Götzen Leistung, Erfolg und Macht heißen, in der deshalb mehr Konkurrenz als Liebe das Zusammenleben der Menschen beherrscht“. Eine Erfahrung, die nichts an Brisanz verloren hat. 

Vater war Gewerkschaftssekretär

Ernst Gutting stammt aus Ludwigshafen, wo er am 30. Januar 1919 geboren wurde. Sein Vater war christlicher Gewerkschaftssekretär, was die Familie nach 1933 ins Blickfeld der Nationalsozialisten brachte. Nach seiner Priesterweihe 1949 war Ernst Gutting Kaplan in Pirmasens, Landau und Kaiserslautern. 1956 wurde er Diözesanseelsorger für die Frauenjugend, bis ihm Bischof Isidor Markus Emanuel 1959 das Amt des Diözesanfrauenseelsorgers übertrug. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit in der Frauenseelsorge war der Aufbau eines Diözesanverbandes der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd), die sich sehr bald zum mitgliederstärksten Verband im Bistum entwickelte. Die Weggefährtinnen und Weggefährten aus dieser Zeit – zum Beispiel Annelies Ulrich, Aloisia Schwarzmüller, Maria Nicola und Hubert Schuler – fühlen sich in ihrem Glauben „ganz tief geprägt“ von Ernst Gutting. (Siehe auch Beitrag in der kommenden Ausgabe 37/2011 des „pilger“.)

Am Fronleichnamsfest 1971 gab Bischof Friedrich Wetter bekannt, dass Papst Paul VI. seiner Bitte nach einem Weihbischof entsprochen habe. Mit dem 52-jährigen Gutting hatte die Wahl des Papstes einen Speyerer Diözesanpriester getroffen, dessen Wirkungsbereich schon längst über die Grenzen des Bistums hinausgegangen war: Bereits 1968 war der damalige Speyerer Diözesan-Frauenseelsorger zum Generalpräses des Zentralverbandes der Katholischen Frauen- und Müttergemeinschaften Deutschlands gewählt worden; ein Jahr später hatte er auch die Leitung der Bischöflichen Hauptstelle für Frauenseelsorge in Düsseldorf übernommen. 1971 erhielt er dort die Bischofsweihe. 

Als Bischofsvikar für die Seelsorge hat Gutting, der seit 1974 auch das Amt des Dompropstes inne hatte, manche neue Entwicklung in der Gemeindepastoral angestoßen und gefördert. Beispielsweise suchten unter seiner Leitung seit 1981 eine ganze Reihe von Pfarreien im Bistum ihre seelsorgliche Arbeit nach dem von der „Bewegung für eine bessere Welt“ entwickelten Modell der „Pfarrerneuerung“ auszurichten. Auch für die Umsetzung der Strukturreform in den siebziger Jahren hat er sich stark engagiert. Tiefstes Anliegen war ihm dabei immer der Aufbau einer Kirche, die in einer von Hass, Ungerechtigkeit und Krieg zerrissenen Welt zu einem Ort wirklicher Gemeinschaft und der heilenden Gegenwart Christi wird.

Mit Vollendung des 75. Lebensjahres hatte Gutting 1994 entsprechend dem Kirchenrecht den Papst um Amtsentpflichtung gebeten, zwei Monate später nahm Johannes Paul II. das Rücktrittsgesuch an. Damals bescheinigte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Mainzer Bischof Karl Lehmann, dem Weihbischof, er habe für die Anliegen der Frauen in Kirche und Gesellschaft „viele weiterführende Anregungen gegeben und bleibende Akzente gesetzt“. (Redaktion)

 

Weihbischof Ernst Gutting –
ein Segen für das Bistum

Ernst Gutting als mein Weihbischof war für mich ein Glücksfall. Die Berufung zum Bischof von Speyer kam für mich völlig überraschend. Die Diözese Speyer war mir unbekannt. Ernst Gutting hat mich mehr als sonst jemand in den bischöflichen Dienst und in das Bistum Speyer eingeführt. Er hat mich einfühlsam begleitet, kompetent beraten, mich auch vor mancher Fehlleistung bewahrt. Eine einzigartige Hilfe.

Unvergesslich bleibt mir die erste Begegnung mit ihm. Es war der 29. August 1983. Weihbischof Gutting war beim Ständigen Rat der Deutschen Bischofskonferenz in Würzburg, wo ich Generalvikar war. Um 12.00 Uhr wurde meine Ernennung zum Bischof von Speyer im Rundfunk bekannt gegeben. Am späten Nachmittag trafen wir uns im Würzburger Bischofshaus. Obwohl er mich überhaupt nicht kannte, lachte er strahlend über das ganze Gesicht, kam mit offenen Armen auf mich zu, streckte mir beide Hände entgegen und hieß mich als neuen Bischof von Speyer, auch betont als seinen Bischof herzlich willkommen. Ich atmete auf. „Du hast einen herzlichen, herzhaft lachenden Weihbischof als engsten Mitarbeiter. Das ist ein gutes Omen“ sagte ich mir.

Mein erster Eindruck bestätigte und verstärkte sich immer mehr. Sein Frohsinn, sein kluger Optimismus, sein weiser Humor bewirkten, dass mir sein Vorname „Ernst“ nur schwer über die Lippen ging. Ich nannte ihn deshalb bald und bis heute „Ernesto“.

„Nur die Liebe zählt“. Dieser sein bischöflicher Wahlspruch bringt sein Wesen und Wirken auf den Punkt. Weihbischof Gutting ist ein Mensch, der sich für die Liebe entschieden hat. Diese Entscheidung gründet in seiner Glaubensüberzeugung, Glaubenseinsicht und Glaubenserfahrung: Gott ist die Liebe. Er hat sich in Jesus Christus für die Liebe zu jedem Menschen entschieden. – Weihbischof Gutting war und ist ein Segen für das Bistum Speyer und weit darüber hinaus. Nicht zuletzt auch für mich. Vergelt's Gott! 
(Bischof em. Dr. Anton Schlembach)

 

Sympathischer Zeuge des Glaubens

Weihbischof Ernst Gutting gehört zu den ältesten Bischöfen im deutschen Sprachgebiet. Vier Bischöfen hat er im Bistum Speyer als Priester (seit 1949) und als Weihbischof (seit 1971) vorbehaltlos gedient. Aber auch in der Deutschen Bischofskonferenz hat er immer das Ohr am Puls der Zeit und war auf vielen oft schwierigen Feldern ein angesehener und hervorragender Vertreter: in der Jugendseelsorge, besonders in der Frauenjugend; er hatte einen wachen Sinn für die jüngeren Menschen in der Arbeitswelt (CAJ); über viele Jahre war er der geradezu ideale Vertreter der Bischöfe bei den Frauenverbänden und in der Frauenseelsorge; er kümmerte sich auch vorbildlich um die Pfarrhaushälterinnen. Stets war Ernst Gutting ein fröhlicher Mensch, ein ungewöhnlich sympathischer Zeuge des Glaubens. Er hat einen festen Platz in der Geschichte der Seelsorge unseres Landes in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. 
(Karl Kardinal Lehmann, Bischof von Mainz)


Mit Kraft und Leidenschaft

Von Mitte der 1970er bis Mitte der 1990er Jahre durften wir oft Weihbischof Ernst Gutting mit  Kamera und Notizblock begleiten. Höhepunkt dabei war „sein“ Thema: „Kirche hat Zukunft – Das Konzil leben!“ (ein Buchtitel). In dem Jesuitenpater Riccardo Lombardi sah Gutting einen prophetischen Wegbereiter: „Eine bessere Kirche für eine bessere Welt!“ Bereits am 12. Februar 1952 rief Lombardi aus: „Es gilt eine ganze Welt von Grund auf zu erneuern, sie aus einer unmenschlichen in eine menschliche, aus einer menschlichen in eine göttliche, nach dem Herzen Gottes gestaltete Welt umzuwandeln.“  

Mit seiner ganzen Kraft und Leidenschaft war und ist Ernst Gutting  in seinem bischöflichen Dienst verfügbar für die Erneuerung der Kirche. Die Pfarrgemeinde der Zukunft als Gemeinschaft von Gemeinschaften wurde immer mehr zu „seinem“ Thema.
(Rita und Hans Paqué, Ramstein)

 

In Brennpunkten

Wenn ich an Weihbischof Ernst Gutting denke, fällt mir zuerst seine liebenswerte, freundliche, offene und gewinnende Art ein: wie er auf Menschen zugehen und sich auf Gespräche einlassen konnte. Ich erinnere mich an viele lange und tiefe Gespräche mit ihm. In Ernst Gutting begegnete mir ein „Mann der Kirche“ mit  hoher seelsorglicher, geistlicher und theologischer Kompetenz. Ich denke an sein unermüdliches Engagement in Brennpunkten kirchlicher Gegenwart und Zukunft. Ich bin dankbar, dass ich über fast drei Jahrzehnte zu seinen Mitarbeitern gehören durfte.  
(Diplom-Theologe Klaus Haarlammert)

 

 

Bilanz nach dreißig Jahren

 

Im September 1981 veröffentlichten die deutschen Bischöfe ein Schreiben zu „Fragen der Stellung der Frau in Kirche und Gesellschaft“, das die Handschrift von Weihbischof Ernst Gutting trägt. 30 Jahre später zieht die Diplom-Theologin Wiltrud Huml (56), Leiterin der Frauenseelsorge in der Erzdiözese München-Freising, eine Bilanz: 

Schon dass das Papier in einem partnerschaftlichen Dialog entstand, war etwas Besonderes. Der damals in der Deutschen Bischofskonferenz für die Frauen zuständige Speyerer Weihbischof Ernst Gutting sprach mit den katholischen Frauenverbänden und auch mit der bundesweit tätigen Frauenseelsorge.

Die Frauen sollten ermutigt werden ihre Talente und Kompetenzen in der Kirche einzubringen. Es ging um ihre Sichtweise. Die Kirche hatte wahrgenommen, wie die Rolle der Frau sich in der Gesellschaft wandelte. Erstmals wurde formuliert, dass Frauen nicht nur in der Familie tätig sind, sondern auch in der Erwerbsarbeit.

Völlig neu war, dass die Bischöfe der alleinstehenden, berufstätigen Frau eine wichtige Funktion in der Gesellschaft zuschrieben. Im früheren katholischen Denken gab es, überspitzt gesagt, für die Frau nur die ihr zugedachte Rolle der Ehefrau und Mutter. Frauen haben aber auch andere Lebensentwürfe und verstehen sich dennoch als katholisch. Diese Vielfalt von Lebensformen wurde anerkannt.

Mittlerweile gibt es Bemühungen, eine familienfreundlichere Arbeitswelt zu schaffen. Die Elternzeit mit den Vätermonaten gehört dazu. Doch Ökonomisierung und Globalisierung wirken solchen positiven Anstrengungen entgegen. Das geht zu Lasten einer humanen Gesellschaft, wie Kardinal Reinhard Marx moniert. Nicht zu vergessen, Frauen verdienen meist weniger als Männer, und gerade Alleinerziehende haben besonders zu kämpfen. 

In dem Schreiben der Bischöfe hieß es,  Männer und Frauen müssten gemeinsam teilhaben am Propheten-, Priester- und Hirtenamt Jesu Christi. Das hätte Konsequenzen in der Struktur erfordert. Solange keine Veränderungen passieren, wird die Frage nach den Ämtern für Frauen massiver werden, weil Gleichberechtigung in der Gesellschaft selbstverständlich ist. Die Gefahr ist groß, dass eine kirchliche Sondernische entsteht, in der nur eine kleine Minderheit die vom Kirchenamt vorgetragenen Argumente teilt, die für die große Mehrheit nicht nachvollziehbar sind. (red)

 

 

 

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