Redaktion der pilger

Donnerstag, 22. September 2011

Kirche von innen her erneuern

Kardinal Walter Kasper stellte in Frankfurt sein neues Buch “Katholische Kirche“ vor (Buchbesprechung siehe unten). Foto: KNA

Kardinal Walter Kasper kommt zum Domweih-Jubiläum nach Speyer – Ein Porträt

Zweifellos gehört er zu den führenden Männern der Kirche, er ist aus dem interreligiösen Gespräch, vor allem mit dem Judentum, und der Ökumene nicht wegzudenken; außerdem ist er einer der bedeutenden Theologen unserer Zeit: Kardinal Walter Kasper. Der frühere Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen ist beim großen Jubiläumsfest des Domes zu Speyer, dem 950. Jahrestag seiner Weihe,  am 2. Oktober Hauptzelebrant und Prediger im Pontifikalamt.

Geboren wurde Walter Kasper am 5. März 1933 in Heidenheim an der Brenz, in Ehingen, machte er 1952 sein Abitur; danach studierte er Philosophie und Theologie in Tübingen und München. In Rottenburg wurde Walter Kasper 1957 zum Priester geweiht. Kurz war seine Tätigkeit in der unmittelbaren Seelsorge als Vikar in der Stuttgarter Pfarrei Herz-Jesu, bevor er bereits 1958 nach Tübingen ging, als Repetent für Dogmatik an das dortige Bischöfliche Theologenkonvikt Wilhelmsstift. Wahrend dieser Zeit schrieb er seine Doktorarbeit „Die  Lehre von der Tradition in der Römischen Schule“, mit der er 1961 promovierte. 

Walter Kasper wurde wissenschaftlicher Assistent im Fachbereich Dogmatik am Katholisch-Theologischen Seminar der Universität Tübingen, 1964 habilitierte er sich mit der Arbeit „Das Absolute in der Geschichte. Philosophie und Theologie der Geschichte in der Spätphilosophie Schellings“; im selben Jahr erreichte ihn der Ruf auf den Lehrstuhl für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster; mit 31 Jahren war er einer jüngsten Professoren. 1970 ging Kasper nach Tübingen zurück und lehrte dort bis 1985 Dogmatik. Immer wieder wurde er auch in Funktionen außerhalb des akademischen Lehrbetriebs berufen oder gewählt: als Mitglied der Gemeinsamen Synode der Deutschen Bistümer („Würzburger Synode“), als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der deutschsprachigen Dogmatiker, als Konsultor des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, als Vertreter der Katholischen Kirche in der Kommission für Glaube und Kirchenverfassung des Weltrates der Kirchen, als Mitglied der Glaubenskommission der Deutschen Bischofskonferenz – er ist Hauptautor des Katholischen Erwachsenenkatechismus. 

Auch trat Walter Kasper mit wichtigen Buchveröffentlichungen hervor; vor allem „Einführung in den Glauben“ (1972),  „Jesus der Christus“ (1974), „Der Gott Jesu Christi“ (1982), die nicht nur durch ihre fundierte Darstellung der kirchlichen Lehre auffallen, sondern vor allem durch ihre seelsorgliche und spirituelle Prägung – sie sind Verkündigung im besten Sinn; das gilt auch für das jungste Buch „Katholische Kirche“, das in diesem Jahr erschien. Das gesamte theologische Werk von Walter Kasper wird derzeit in einer auf 17 Bände angelegten Reihe herausgegeben.

Das Jahr 1989 bedeutete einen radikalen Schnitt im Leben von Walter Kasper: Am 4. April wählte ihn das Domkapitel in Rottenburg zum Bischof , am 17. April erfolgte die Ernennung durch Papst Johannes Paul II. Am 17. Juni wurde Walter Kasper vom Freiburger Erzbischof Oskar Saier zum Bischof geweiht, Mitkonsekratoren waren der Mainzer Bischof Karl Lehmann und der Rottenburger Weihbischof Franz Josef Kuhnle. Als Wahlpruch wählte Kasper „Veritatem in caritate“ – „Wahrheit in Liebe“, nach dem Wort des Apostels Paulus: „Wir wollen uns, von der Liebe geleitet, an die Wahrheit halten und in allem wachsen, bis wir ihn erreicht haben: Er, Christus, ist das Haupt. Durch ihn wird der ganze Leib zusammengefügt und gefestigt in jedem einzelnen Gelenk. Jedes trägt mit der Kraft, die ihm zugemessen ist. So wächst der Lieb und wird in Liebe aufgebaut“ (Epheserbrief 4,15–16). Wie keine andere Aussage prägt dies bis heute Leben und Wirken von Walter Kasper.

Auch gilt dies für ein bewegendes Ereignis im Bischofsamt von Walter Kasper: 1993 tritt er, zusammen mit Erzbischof Saier und Bischof Lehmann, mit dem Hirtenbrief „Zur Pastoral mit Geschiedenen und Wiederverheirateten Geschiedenen“ an die Öffentlichkeit; darin  sprachen sie sich dafür aus, dass in der Seelsorge der Umgang mit der genannten Personengruppe einer Änderung bedürfe: Anstatt sie kategorisch und absolut vom Sakrament der Eucharistie auszuschließen, soll in einzelnen Fällen, nach intensiven Gesprächen und  ernster Prüfung des Gewissens eine Zulassung zur Eucharistie erfolgen können. Die Glaubenskongregation des Vatikan, damals unter Leitung von Kardinal Joseph Ratzinger, beschied diese Überlegungen mit Berufung auf die Lehre der Kirche negativ. Bis heute jedoch ist das Anliegen virulent, wie gerade jetzt ein ähnlicher Vorstoß des Freiburger Erzbischofs Robert Zollitsch, der  Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz ist, zeigt.

Zehn Jahre war Walter Kasper Bischof von Rottenburg-Stuttgart, als ihn Papst Johannes Paul II. am 16. März 1999 nach Rom berief, zunächst als Sekretär des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen und der religiösen Beziehungen zum Judentum; am 21. Februar 2001 erfolgte die Erhebung zum Kardinal, wenig später die Ernennung zum Präsidenten dieses Rates. Unermüdlich setzt sich Kardinal Kasper ein, scheute auch die Auseinandersetzung nicht; das Gespräch mit den anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften war ja immer schon eines seiner Herzensanliegen, wiederum bestimmt von dem, was sein Wahlspruch „Wahrheit in Liebe“ aussagt. Noch andere Aufgaben wuchsen ihm zu: Mitglied der Kongregation für die Glaubenslehre, der Kongregation für die orientalischen Kirchen, des Päpstlichen Rates für die Kultur.

Nach den Bestimmungen reichte Kardinal Kasper zu seinem 75. Geburtstag am 5. März 2008 Papst Benedikt XVI. sein Rücktrittsgesuch ein, der ihn zum 1. Juli 2010 emeritierte. Und prompt machte Kasper sich daran, sein Buch „Katholische Kirche“ zu schreiben: Er möchte mit all seiner Kraft zur Überwindung der derzeitigen Kirchenkrise beitragen, der er sich ehrlich und offen stellt. Aber – so Kardinal Kasper in einem Gespräch – in „Wahrheit und Liebe“: Die Kirche „muss ja nicht neu erfunden werden, wir dürfen aber auch nicht zurückgehen in eine bestimmte Zeit der Kirche und diese absolut setzen; nur ein Weg führt aus der Krise: die nach vorwärts gerichtete geistliche Erneuerung von innen her, aus der Tiefe des Glaubens, ohne die Substanz aufzugeben“. (kh)

 

Buchbesprechung:  

Katholische Kirche.
Wesen – Wirklichkeit – Sendung

Kardinal Kasper über die Kirche

Eigentlich wollte Walter Kasper ein Buch über die Kirche (Ekklesiologie) schon viel früher schreiben: als konsequente Folge seiner beiden großen theologischen Schriften „Jesus der Christus“ (Christologie, 1974) und „Der Gott Jesu Christi“ (Theologie, 1982). Die Läufe seines Lebens nahmen jedoch einen anderen Weg: Kasper wurde 1989 Bischof, dann 1999 zuerst Sekretär des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, 2001 Kardinal und Präsident dieses Rates. Als er 2010 emeritiert wurde, machte er sich sogleich daran, dieses Buch über die Kirche zu schreiben, das jetzt erschienen ist. Die fast dreißig Jahre, die dieses Vorhaben warten musste, sind – wie Kasper selbst sagt – ein großer Gewinn für das Buch, denn jetzt konnten die zahlreichen Erfahrungen innerhalb der Weltkirche einfließen. Bemerkenswert ist zunächst, dass Kasper dem Buch einen biografischen „Einstieg“ gibt. Hier fügt er sein Leben in sein theologisches Denken über die Kirche ein, verankert sein Denken in seiner Biographie; interessanter und spannender kann ein Buch über die Kirche nicht beginnen, und gerade dies gibt dem Buch einen besonderen Reiz, weil es nicht aus theoretischem Denken kommt, sondern aus dem Leben, nur zuletzt am Schreibtisch entstanden, aber im Leben „geschrieben“. Nach diesem biografischen Einstieg liest sich der umfangreiche Hauptteil „Grundzüge katholischer Ekklesiologie“ aus einem anderen Blick: die Wesensbestimmung der Kirche, ihre Wesensmerkmale als Kirche Jesu Christi, ihre konkrete Gestalt als Gemeinschaft (Communio), ihre missionarische und dialogische Sendung; das Buch schließt mit einem bewegenden Ausblick auf die Zukunft der Kirche. Sicher sind es diese Charakterzüge, die das Buch so wertvoll machen: Es bietet nicht nur einen tiefen Einblick in die Lehre von der Kirche und stellt sie ohne Abstriche dar, sondern verwurzelt sie in der Heiligen Schrift, entfaltet sie aber ebenso klar vom Zweiten Vatikanischen Konzil her; dabei verlässt es an keiner Stelle die Tradition, aber öffnet sie auf Dialog und Ökumene hin. Und außerdem ist es aus einem seelsorglichen Impetus geschrieben, gepaart mit tiefer Spiritualität. Was will und kann man von einem solchen Buch mehr sagen? Nicht nur indem der letzte Absatz über die „Hoffnung auf ein erneuertes Pfingsten“ gepaart mit „Freude an Gott und Freude an der Kirche“ endet, ist es ein wegweisendes Buch, das zu einem Standardwerk für die Theologie und die Verkündigung gleichermaßen werden muss.(kh)

Walter Kardinal Kasper, Katholische Kirche. Wesen – Wirklichkeit – Sendung. Gebunden, 586 Seiten, 29.95 Euro. ISBN 978-3-451-30499-6. Verlag Herder, Freiburg.

 

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