Redaktion der pilger

Donnerstag, 22. September 2011

Wer tötete Dag Hammarskjöld?

Dag Hammerskjöld – Opfer einer Geheimdienst-Verschwörung? Foto: UN/DPI

Vor 50 Jahren starb der UN-Generalsekretär – Ein unbequemer Visionär

Als der schwedische Wirtschaftspolitiker Dag Hammarskjöld, Schöngeist, Literaturfreund und dreifacher Doktor, 1953 zum UN-Generalsekretär gewählt wurde, nahm ihn niemand so recht ernst. Er war zwar Präsident der Schwedischen Reichsbank gewesen, hatte die Grundlagen für den legendären Sozialstaat in seinem Land gelegt. Aber die Härte, die bei der Lösung internationaler militärischer Konflikte erforderlich schien, traute man dem Feingeist nicht zu. Man wusste, dass er seine Ideale Albert Schweitzer und den Mystikern des Mittelalters verdankte und dass er die Verhandlungspausen bei politischen Gesprächen nutzte, um sich einer Gedichtsammlung zu widmen. Er konnte bezaubernd plaudern, war aber ein Einzelgänger. Er hatte keine Lebenspartnerin und nur wenige Freunde.

Doch als er 1954 die amerikanischen Kriegsgefangenen aus dem Koreakrieg durch hartnäckige Gespräche in Peking frei bekam, als er 1956 in der Suezkrise England und Frankreich mitten im Angriff zu stoppen vermochte und Israel dazu brachte, die eroberte Sinaihalbinsel und den Gazastreifen ohne Bedingungen zu räumen, da schlug die Skepsis in Respekt um. Hammarskjöld war von 1953 bis 1961, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, UN-Generalsekretär. In dieser weltpolitisch schwierigen Lage gelang es ihm, das Profil der Vereinten Nationen als einer friedensstiftenden Macht zu schärfen.

1905 in Südschweden geboren, aufgewachsen im gigantischen Schloss der Wasa in Uppsala, studiert Dag in Uppsala und Cambridge Literaturgeschichte, Philosophie, Französisch, Volkswirtschaft, Jura; nach zwei Jahren macht er die ersten Examina. Mit 28 ist er habilitiert, mit 30 Staatssekretär im schwedischen Finanzministerium, mit 35 Präsident des Direktoriums der Reichsbank und schließlich stellvertretender Außenminister.

Als Dag Hammarskjöld seine Laufbahn in den Ministerien antritt, spüren Mitarbeiter und auch politische Gegner bald, dass es diesem talentierten, höchst effektiv arbeitenden und gleichzeitig so scheuen Menschen nicht um Posten und Prestige geht, sondern um die Sache. Einer Partei hat er sich bewusst nie angeschlossen, um seine Unabhängigkeit zu wahren.

1953 wechselt er von Stockholm in die New Yorker UNO-Zentrale. Es wird immer deutlicher, wie sein politisches Denken und Handeln in seiner spirituellen Ideenwelt wurzelt. Immer in der Versuchung, ein raffinierter Ästhet zu bleiben, vor den Menschen in die Bücher oder in die Natur zu fliehen, kämpft er sich zur Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung durch. Sein Tagebuch „Vägmärken“, auf deutsch „Zeichen am Weg“, steckt voller Selbstkritik: „Der Gesellschaftshund maskierte sich als Lamm – und versuchte mit den Wölfen zu jagen.“

In sich selbst versponnen, muss er erst die mystische Erfahrung machen, Teil einer höheren Einheit zu sein, um aus sich heraustreten zu können. Er muss lernen, dass es die befreiendste Selbstverwirklichung ist, sich hinzugeben. Hammarskjöld: „Das Leben hat Wert nur durch seinen Inhalt – für andere.“ Immer stärker verwurzelt sich der umtriebige Politiker in einer spirituellen Tiefendimension – weil er begriffen hat, dass er dort den Menschen am nächsten ist.

Mitleidige Skepsis hatte den neuen Generalsekretär begleitet, als er 1953 sein Amt als oberster Konfliktmanager bei der UNO übernahm. Doch als er dann den hysterischen Kommunistenjägern vom FBI und vom amerikanischen Geheimdienst CIA Hausverbot bei der UNO erteilte, als er 1954 die amerikanischen Kriegsgefangenen in Peking frei bekam, da war Hammarskjöld plötzlich ein Star.

Generalsekretär Hammarskjöld erreichte im Suez-Konflikt nicht nur eine UNO-Resolution, um die Kämpfe zwischen Israel und Ägypten sofort einzustellen. Er griff auch die Idee des kanadischen Außenministers Lester Pearson auf, eine internationale Friedens- und Polizeitruppe zu schaffen. Innerhalb von 48 Stunden gelang es Hammarskjöld und seinen Mitarbeitern, 6000 „Blauhelmsoldaten“ aus allen Kontinenten zu rekrutieren.  

Die UN-Friedensmission im Kongo im Jahr 1961, die von Anfang an von Frankreich, Belgien, Großbritannien sabotiert wurde, geriet allerdings zum Desaster. Die Blauhelme konnten nicht verhindern, dass Söldner den kongolesischen Premierminister Patrice Lumumba entführten und ermordeten. Irische UN-Soldaten wurden nackt durch ein Spalier von Legionären getrieben und erschossen. Am 17. September 1961 flog Hammarskjöld  von Leopoldville – heute Kinshasa – nach Nordrhodesien, das heute Sambia heißt, um mit Tchombé über einen Waffenstillstand zu verhandeln. Wenige Minuten nach Mitternacht explodierte die Maschine dort in der Nähe des Zielflughafens.

Dag Hammarskjölds Tod galt jahrzehntelang als ungeklärt. Erst 1998 veröffentlichte die von Erzbischof Desmond Tutu geleitete südafrikanische Wahrheitskommission geheime Dokumente, die nur einen Schluss nahe legen: Als Hammarskjöld 1961 seine Blauhelme in Marsch setzte, um den blutigen Bürgerkrieg im Kongo zu beenden, schmiedeten die Geheimdienste Südafrikas, der USA und Großbritanniens, die ihre Interessen in der Uranregion bedroht sahen, ein raffiniertes Mordkomplott.(Christian Feldmann)

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