Redaktion der pilger

Donnerstag, 29. September 2011

Viel Stoff für zukünftige Debatten

Papst Benedikt hat bei seinem Besuch in Deutschland zahlreiche Grundsatzthemen angesprochen. Foto: KNA

Mit seinem Besuch in Deutschland hat der Papst Pflöcke eingeschlagen, die auch „Aneckpotential“ bieten

Als Manuel Herder, Verleger Dutzender Bücher von Joseph Ratzinger und Papst Benedikt XVI., vor dem Papstbesuch um eine Prognose gebeten wurde, antwortete er lakonisch: „Der Besuch wird die Debatte beflügeln.“

Wie Recht Herder hatte, zeigte sich bereits beim ungewöhnlichsten Auftritt des Papstes während seiner viertägigen Deutschlandreise, die am 25. September endete. In seiner Rede vor dem Bundestag strafte er alle Kritiker Lügen, die geargwöhnt hatten, er werde das Rednerpult im Reichstag zur Kanzel machen und die Abgeordneten zu missionieren versuchen. Stattdessen hielt er eine Vorlesung über die Entwicklung des abendländischen Rechtsdenkens und die philosophischen Grundlagen der Menschenrechte, der alle anwesenden Politiker erstaunt lauschten und die sie mit langem Beifall quittierten.

Schon bald danach begann in den Feuilletons der Zeitungen eine Debatte über die Rede, die ein ganz anderes, vor allem aber höheres Niveau hatte als alles, was vorher über diese Rede gesagt worden war. Auf einen Überraschungseffekt ganz anderer Art setzte der Papst bei der Begegnung mit der Spitze der deutschen Protestanten in Luthers Kloster in Erfurt.

Das im Vorfeld mit Erwartungen überfrachtete Treffen nutzte er, um Bestrebungen nach einer „Ökumene der Diplomatie“ eine unerwartet klare Absage zu erteilen. Der immer wieder vorgebrachten Forderung, in der katholisch-protestantischen Ökumene müssten sich zwei Kirchen „auf Augenhöhe“ begegnen, setzte er das Bild entgegen, das Ringen der Christen um den gemeinsamen Glauben könne gerade nicht so funktionieren wie Verhandlungen zwischen zwei Staaten. Indem er am Tag danach den orthodoxen Kirchen sagte, wie nahe die katholische ihnen auf theologischem, aber auch auf ethisch-moralischem Gebiet stehe, wurde unausgesprochen nochmals unterstrichen, wie vergleichsweise groß und tief die Kluft zu den Protestanten derzeit noch ist. Verständlich die Enttäuschung der Protestanten, die diese jedoch überaus höflich zumAusdruck brachten.

An den Pflöcken, die der Papst mit diesen beiden Ansprachen eingeschlagen hat, werden die Theologen und „Kirchenpolitiker“ so bald nicht vorbeikommen. Deutlich und sperrig waren auch die Worte, die der Papst bei seinen innerkatholischen Reden und Predigten sagte. Im Berliner Olympiastadion warnte er davor, die Kirche als eine Organisation unter vielen im demokratischen Staat misszuverstehen. Die Kirche sei nicht mehr und nicht weniger als ein Werkzeug des Wirkens Gottes in der Welt.

Die Forderung nach Strukturreformen erledigt sich damit in den Augen des Papstes fast von selbst. In Freiburg mahnte Benedikt XVI. in der größten Messe der Reise die Einheit der Katholiken mit dem Papst und der Weltkirche an – eine implizite Absage an Spekulationen über „deutsche Sonderwege“. Bei zwei internen Begegnungen, erst mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken und dann zum Abschluss der Reise mit einigen Hundert Vertretern aus Kirche, öffentlichem Leben, Politik und Religion wurde er noch deutlicher. Zwar lobte er das große Engagement vieler haupt- und nebenamtlicher Katholiken, warnte aber vor der Gefahr, die Bedeutung des kirchlichen Apparats zu überschätzen oder sich auf die in Deutschland reichlich vorhandene Unterstützung durch den Staat zu verlassen.

Auch ganz am Schluss kleidete der Papst seine Denkanstöße in allgemeine, zum Teil historische Überlegungen, die dadurch nicht weniger provokativ waren. So überraschte er seine Zuhörer mit der Erkenntnis, dass die Kirche in der Geschichte durch Säkularisierungen und materielle Enteignungen immer wieder gereinigt und innerlich gestärkt worden sei. Er ermunterte sie, eine „Ent-Weltlichung“, die freilich keine Flucht vor der Welt sein solle, als Chance zu begreifen, um aus einer Position der materiellen Armut umso überzeugender ihrem Auftrag gerecht zu werden.

Für die Kirche in Deutschland, die dank Kirchensteuern und staatlichen Zuwendungen zu den materiell reichsten Ortskirchen der Welt zählt, eine Aussage, die dazu angetan ist, eine lange und lebhafte Debatte auszulösen. (Ludwig Ring-Eifel)

 

Ermutigung auch für das Bistum Speyer

Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann würdigt den Besuch Papst Benedikts 

Nach Ansicht des Speyerer Bischofs Dr. Karl-Heinz Wiesemann verdankt die katholische Kirche in Deutschland dem viertägigen Besuch des Papstes „deutliche Orientierungen für ihren Weg in die Zukunft“. Benedikt XVI. habe heraus gestellt, dass weder die Anpassung an die Welt noch der Rückzug aus ihr zur Erneuerung der Kirche führe, sondern nur die Besinnung auf das Eigentliche ihrer Botschaft und die Rückbindung an Gott als ihre Kraftquelle.

Der Papst habe dabei keineswegs die Notwendigkeit von Veränderungen in der Kirche in Abrede gestellt. Gerade in seiner Rede am Sonntag im Freiburger Konzerthaus habe er deutlich gemacht, dass die Kirche immer in Bewegung sei. „Und wer in Bewegung ist, verändert sich“, so Bischof Wiesemann. Eine kirchliche Reform dürfe sich aber nicht allein an Organisation und Strukturen festmachen, sondern sei als geistlicher Prozess zu sehen. Nur so könne sich die Kirche auch „wieder neu den Sorgen der Welt öffnen“ und den Menschen „die Lebenskraft des christlichen Glaubens vermitteln“, wie es Papst Benedikt formuliert habe. Der Bischof sieht sich deshalb darin bestärkt, den eingeschlagenen Weg des Dialogs und der gemeinsamen Vergewisserung des Auftrags, die Botschaft Christi in die Welt von heute zu tragen, weiterzugehen.

Ausdrücklich würdigte Bischof Wiesemann die vielen ermutigenden Aspekte des Papstbesuches: die großen Gottesdienste und frohen Glaubensfeste sowie die tiefgründigen und immer auf die Heilige Schrift bezogenen Ansprachen des Papstes. So habe er bei dem Abendgebet mit 30000 Jugendlichen in Freiburg in sehr einfühlsamer Weise die jungen Leute bestärkt, das Licht des Glaubens in sich aufzunehmen, auf Gott zu vertrauen und „Leuchten der Hoffnung“ in einer Welt voller Dunkelheiten zu werden. Ebenso habe er bei der großen  Heiligen Messe am Sonntag den vielen ehrenamtlich in der Caritas und anderen kirchlichen Organisationen Engagierten gedankt und ihnen seine Wertschätzung bekundet. Positive Zeichen habe Benedikt XVI. auch durch die Begegnungen mit Politikern, den Repräsentanten der jüdischen und muslimischen Gemeinde sowie den anderen christlichen Kirchen gesetzt. 

Gerade seine Begegnung mit dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland, bei der er ausdrücklich Martin Luther und seine innersten Anliegen würdigte, sei ein wichtiges ökumenisches Signal gewesen. „Sie ist auch für uns im Bistum Speyer eine konkrete Ermutigung, den ökumenischen Weg konsequent fortzusetzen“, erklärte Bischof Wiesemann. (is)

 

Großer Respekt vor Papst Benedikt

Katholikenrats-Vorsitzende Maria Faßnacht: Enttäuschung jedoch über das, was nicht angesprochen wurde

„Das war eine beeindruckende Erfahrung“, so die Vorsitzende des Speyerer Diözesan-Katholikenrates, Maria Faßnacht. „Hunderttausende von Menschen aus Deutschland und auch teilweise aus dem Ausland haben zusammen mit dem Papst in begeisternden Gottesdiensten ihren Glauben gefeiert. Sie wurden in Ihrem Glauben bestärkt und konnten hautnah ein Stück Weltkirche erleben.“ 

Mit großem Respekt habe sie erlebt, dass der Papst  in einem wahren „Mammutprogramm“ viele Gespräche geführt und allein 17 Ansprachen gehalten hat. „Er traf sich mit den unterschiedlichsten politischen und gesellschaftlichen Gruppen, mit anderen Konfessionen und Religionen.“ Auch wenn sich sicher manche seiner Gesprächspartner und viele der Vertreterinnen und Vertreter aus dem Zentralkomtee der deutschen Katholiken (ZdK) und der diözesanen Räte deutlichere Signale gewünscht haben, „durften doch alle die Wertschätzung des Papstes erfahren, und der Dank dafür wurde an vielen Stellen deutlich“.

Enttäuscht zeigte sich Frau Faßnacht darüber, dass der Papst mit keinem Wort den Dialog, zu dem der Vorsitzende der Bischofskonferenz aufgerufen hat, ausdrücklich erwähnt habe. „Dieser Dialog wurde initiiert, damit das nicht zuletzt durch die aufgedeckten Missbrauchsfälle verloren gegangene Vertrauen in die Kirche wieder gewonnen wird. Gerade deshalb hätte ich mir gewünscht, dass der Papst die Bischöfe aufgerufen hätte, angstfrei und ermutigend diesen gerade erst begonnenen Dialog fortzusetzen – den Dialog, bei dem es auch um die sogenannten strittigen Fragen in der Kirche gehen muss.“ Etwa der Umgang mit geschiedenen Wiederverheirateten, die Stellung der Frau in der Kirche oder das Verhältnis von Pries­tern und Laien. Auf all diese Fragen sei der Papst nicht eingegangen. 

Vor allem bei seiner letzten Rede im Freiburger Konzerthaus vor engagierten Katholiken Deutschlands – an der auch sechs Vertreterinnen und Vertreter aus dem Bistum Speyer teilnahmen – habe sie Mut machende Worte für alle Ehrenamtlichen, die sich unermüdlich für die Belange der Kirche einsetzen, vermisst, so Maria Faßnacht. „Ich kann nicht verhehlen, dass mich Einiges am Papstbesuch enttäuscht hat, besonders bei dem, was Benedikt XVI. nicht gesagt hat. Trotzdem hoffe ich, dass es mit der Kirche – besonders auch im Bistum Speyer – gut weitergeht.“ So seien sich Bischof und Katholikenrat einig, den eingeschlagenen Weg des Dialogprozesses konsequent weiter zu gehen. (pil)

 

 

 

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