Redaktion der pilger

Donnerstag, 29. September 2011

Vom Liebeskummer Gottes

Aber sein letztes Wort ist Vergebung und Liebe – Gedanken zum Matthäus-Evangelium 21, 33–44 von Pastoralreferentin Regina Mettlach

Es ist Herbst- und Weinlesefest in Jerusalem. Fröhlich und ausgelassen feiern die Menschen Sukkot, das Laubhüttenfest. Es erinnert an die vierzig-jährige Wüstenwanderzeit des Volkes zwischen dem Auszug aus Ägypten und dem Einzug in das Gelobte Land. Dankbar feiert Israel seinen Gott, der mitgeht in allen Stürmen und Gefahren, zwischen Aufbruch, Ankommen und neuem Aufbruch.

Die Leute sitzen in Gruppen beiei-nander, der Prophet Jesaja mittendrin. Etwa um das Jahr 736 vor Christus ist er zum Propheten berufen worden, es sind erst wenige Jahre seitdem vergangen. Nun nimmt er seine Harfe zur Hand. Er besingt einen Weinberg, der eifrig gepflegt wird und doch nur saure Beeren bringt. Die Zuhörer merken schnell, dass Jesaja ein Liebeslied angestimmt hat: Die erfolglose Arbeit im Weinberg beschreibt die enttäuschte Liebe eines Bräutigams, der nur Untreue und Ablehnung von seiner Braut erfährt. Die Leute hören gebannt zu, wie wird die Geschichte wohl ausgehen? „Was soll man mit einem solchen Weinberg machen?“, fragt der Sänger in die Runde. Alle sind sich einig, so einen Weinberg kann man nur aufgeben. Da plötzlich erschrecken sie. Auf einmal verstehen sie den tieferen Sinn dieses Liedes: Gott ist der Weinbergbesitzer und Bräutigam, das Volk Israel ist der unfruchtbare Weinberg und die untreue Braut. Sie haben sich selbst verurteilt, denn sie alle gehören zu diesem Volk, das immer wieder nach anderen Göttern schaut, das sich zu wenig um Gerechtigkeit müht und das die Fürsorge für die Armen vernachlässigt. Sie selbst sind die Undankbaren, um die Gott oft vergeblich wirbt. Als der Prophet den Platz verlässt, bleibt eine betroffene Runde zurück. Das Lied vom Liebeskummer Gottes hat die Menschen nachdenklich gemacht. Sie erinnern sich: Gott erwartet als Früchte seiner Zuwendung nicht außergewöhnliche religiöse Leistungen, nicht Umzüge und Opferfeste, sondern das Elementare: den Schutz der Armen und Schwachen in der Gesellschaft, der Kinder, der Fremden, der Kranken und Alten.

Diese Liebesgeschichte Jahwes mit seinem Volk ist eine unendliche Geschichte. Sie durchzieht das ganze Alte Testament. Jahwe ringt und wirbt um sein Volk, doch es scheint vergebliche Liebesmüh zu sein. Im Neuen Testament wird diese Geschichte weitergeschrieben und neu erzählt. Im heutigen Evangelium „singt“ Jesus dieses Lied vor den Hohenpriestern und Ältesten. 

Das Lied vom Liebeskummer Gottes gilt auch mir: Ich bin der Weinberg. Der fruchtbare Boden, die Reben, der Turm, die Kelter, die schützende Hecke, die Mauer: das alles bin ich. Da war Gott am Werk. Er hat mich gemacht. Er hat den Acker bereitet, mich gepflanzt, mir das Leben geschenkt, mich umzäunt, mir das Leben bewahrt – wieder und wieder. Er lässt es regnen, stillt meinen Durst. Und wartet auf Frucht. Doch die Trauben sind faul, ungenießbar. „Stinkzeug“ sagt der hebräische Text. Warum? Weil ich nichts von mir geben will? Weil ich die Ernte verwahre, verschließe, vergrabe, bis sie verfault? Weil ich unfähig oder unwillig bin, mich mitzuteilen, mein Leben mit anderen zu teilen?

Vielleicht kann ich aber auch selbst zum Sänger werden, der dieses Lied nachsingt. Vielleicht kann ich so von der Liebe Gottes erzählen, dass andere nachdenklich werden und fragen: Wie könnte denn meine Antwort sein auf Gottes Wort, mit dem er um mich wirbt?

Im Weinberglied erlebt die Liebesgeschichte Jahwes mit seinem Volk einen Tiefpunkt. Gott scheint die Geduld zu verlieren. In den kommenden Jahrhunderten erleidet das Volk Israel durch die Assyrer und Babylonier das Schicksal des Weinbergs hautnah. Jerusalem und der Tempel werden zerstört, das Volk geht in die Verbannung. Es weiß noch nichts von der späteren Heimkehr und dem Neubeginn.

Doch ein Blick in die weitere Geschichte Israels verrät: Das zornige Urteil über sein Volk war nicht Gottes letztes Wort. Sein letztes Wort war das der Vergebung und Liebe. Dieses Wort ist Mensch geworden in Jesus Christus, gesandt nicht nur zum Volk Israel, sondern zu allen Menschen. Er war und ist Ausweg in auswegloser Situation. Durch ihn erfahren wir: Gott bleibt, auch wenn er geht. Er bleibt der Menschenliebende, auch wenn sein Weinberg wieder einmal verfällt.

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