Redaktion der pilger

Mittwoch, 02. Oktober 2013

Wo die Christen ihren Namen bekamen

Bizarre Tuffstein-Felsen prägen die Landschaft in Kappadokien.

Die heutige Türkei beherbergt viele frühere christliche Pilgerstätten.

Die Mittagshitze liegt über dem entlegenen Devrent-Tal. In dem zentral-anatolischen Ort Göreme stoppen zwei Touristenbusse. Ihre Insassen stören nur kurz die Mittagsruhe, dann machen sie sich auf zu den berümten Felsen-Kapellen aus dem 10. und 13. Jahrhundert, die ganz in der Nähe zu finden sind.
In die zerklüftete Berglandschaft hatten sich vor mehr als tausend Jahren zuvor Eremiten und orthodoxe Christen zurückgezogen und Klosteranlagen in den weichen Tuffstein gehauen. Ihre bunten Fresken mit Apostel- und Heiligen-Geschichten sind bis heute erhalten – während die Christen nach der Vertreibung der Griechen 1923 durch Atatürk nahezu verschwunden sind.

Frühe christliche Gemeinden

„Faith-Tours“ – religiöse Reisen – bringen heute die modernen Pilger in die entlegene Region, in der Moderne und Tradition eng beieinander liegen. Beides gibt es huer, die modernen Hotels und den Bauer mit Esel, die Ehefrau drei Meter hinter ihm.
Die Türkei kann auf eine lange christliche Geschichte zurückblicken. Der Apostel Paulus wurde auf dem Gebiet der heutigen Türkei geboren, östlich der Mittelmeerstadt Mersin in Tarsus. In Antakya, nahe der syrischen Grenze, einer römischen Provinzstadt, soll der Apostel Petrus die erste Gemeinde begründet und betreut haben. Dort wurden die Anhänger der neuen Lehre auch erstmals „Christen“ genannt. Das frühere Antiochien entwickelte sich zu einer wichtigen Basis für die Christianisierung des Orients. Zehn Konzile und kirchliche Versammlungen fanden hier statt. Paulus startete von dort seine Missionsreisen.

Die vermutlich erste Kirche der Christenheit

Auch die vermutlich erste Kirche der Christenheit, die Petrusgrotte, eine natürlich gewachsene Felsenhöhle, liegt in Antakya und kann besichtigt werden. Allerdings ist in der sieben Meter hohen und neuneinhalb Meter breiten Grotte nichts mehr aus dem ersten Jahrhundert erhalten. Mosaike sind im Archäologischen Museum zu sehen.Nach der Eroberung der Stadt durch die Kreuzfahrer wurde die Grotte im elften Jahrhundert ausgebaut. Die Fassade aus Steinquadern mit sternförmigen durchbrochenen Fenstern im byzantinischen Stil wurde erst 1863 angefügt. An Sonn- und Feiertagen werden bis heute heilige Messen gehalten. Meist von Touristen, denn unter den 75 Millionen Einwohnern, von denen offiziell 99,5 Prozent Muslime sind, leben heute nur noch rund 125000 Christen verschiedenster Konfessionen in der Türkei.

Ort zahlreicher Konzilien

Ein weiterer geschichtlich bedeutender Ort des Christentums ist das heutige Iznik: Dort wurde im Jahr 325 das erste Ökumenische Konzil von Nizäa durch Kaiser Konstantin eröffnet. Damals stritten die Bischöfe über Dreifaltigkeit, über göttliche und menschliche Natur Jesu. In der kleinen, südöstlich von Istanbul gelegenen Stadt ist noch die Ruine der byzantinischen Kirche St. Sophia aus dieser Zeit erhalten. Sie wurde allerdings in der osmanischen Periode 1331 in eine Moschee umgewandelt. Manche Historiker vermuten, daß in der Kirche die Gebeine des Areios begraben sind. Dessen Thesen, die arianischen Irrlehren, waren in Nizäa als häretisch verworfen worden. Noch einmal fand in Nizäa ein wichtiges Konzil statt, das im Jahre 787 mit der Verurteilung der Bilderstürmer endete und so wieder den Weg für die Bilderverehrung in der Kirche ebnete.

Verfolgung trieb Christen unter die Erde

Um der Christenverfolgung zunächst durch die Römer, im Mittelalter durch die Araber, Perser und Seldschuken zu entkommen, lebten die Christen in Kappadokien in unterirdischen „Städten“, die bis zu 120 Meter in die Tiefe gingen. Die Christen nutzten zunächst bereits bestehende Anlagen aus vorchristlichen Jahrhunderten, der Zeit der Hethiter, und bauten sie aus. In Derinkuyu etwa fanden Archäologen unter Tage rund 20 Stockwerke mit je fünf bis sieben Meter Tiefe. Einige davon sind zu besichtigen. Offenbar lebten die Menschen ständig in diesen dunklen und kalten Felshöhlen. Bisher wurden Kammern für Vieh, Küche, eine Weinkellerei mit steinernem Becken zur Traubenpresse, eine Kapelle und eine Missionsschule entdeckt. Der Preis für die zwar sichere, aber aufgrund des naßkalten Klimas unter der Erde ungesunde Lebensweise war hoch: Rheuma, Staublunge und Bronchialerkrankungen waren weit verbreitet. Die engen, oft nur gebückt begehbaren Verbindungsgänge dienten gleichzeitig als Falle für Angreifer. Für Touristen wurden mittlerweile Treppenstufen in das Areal eingelassen, in dem zeitweilig bis zu 20000 Menschen gelebt haben sollen. Versteckte Luftschächte versorgten diese unterirdischen Labyrinthe mit Sauerstoff. Manche Gänge der teilweise miteinander verbundenen Dörfer hatten eine Länge von zwölf Kilometern.

Bizarre Felsen prägen die Landschaft

Bekannt ist Kappadokien aber vor allem durch die bizarre Felslandschaft und die christlichen Felsenklöster und Kirchen. Rund 600 Kapellen wurden nach Schätzungen in das Gestein aus Lava-Asche geschlagen. In Göreme sind allein 15 Kapellen mit Fresken über Apostel- und Heiligen-Geschichten erhalten. Bemerkenswert ist die androgyne Abbildung von Onuphrios in der Yidanli-Kirche im Göremer Freilicht-Museem. Nach einer umstrittenen lokalen Überlieferung hatte sich die Heilige zum Christentum bekehrt und wollte Nonne werden. Sie sollte aber verheiratet werden. Da geschah ein Wunder und Onuphrios wuchs ein Bart, die Ehe kam nicht zustande.
Trotz laufender Restaurierungsarbeiten sind viele der jahrhundertealten Bildwerke unzureichend gegen Zerstörung und Erosion gesichert. Einige der Fresken sind bis zur Unkenntlichkeit zerkratzt und mit Graffiti beschmiert.

Christen und Muslime lebten friedlich nebeneinander

Das jüngste in die Felsen geschlagene Dorf Zelve war noch bis 1956 bewohnt. Dort hatten Christen mit Muslimen bis 1923 über Jahrhunderte friedlich nebeneinander gelebt. Wie alt die Kapellen und Moscheen sind, kann nicht mehr festgestellt werden. Die stark zerstörten Wandbilder und Kreuzmotive, die in der traditionellen eisenhaltigen roten Farbe aufgemalt wurden, hatten sich über Jahrhunderte stilistisch kaum verändert. Doch das poröse, ockergelbe Gestein verwitterte dermaßen schnell, daß die Bewohner gezwungen waren, ihre Behausungen immer tiefer in das Gestein, oft in schon vorhandene Kammern zu graben, während die alten Gebäude durch Erosion abgetragen wurden und langsam verschwanden. Um eine zwölf Quadratmeter große Öffnung in das weiche Gestein zu hauen, brauchten zwei Männer nur rund drei bis vier Tage.

Die tanzenden Derwische von Konya

Tourismus ist für die laizistische Türkei, in der Religion und Staat offiziell strikt getrennt sind, ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Im Zeitalter des Massentourimus sind sogar die Derwische aus Konya oder Istanbul wieder auferstanden. Diese islamischen, mystischen Gemeinschaften aus der Sufi-Tradition wurden in den 30er Jahren dieses Jahrhunderts vom türkischen Staatspräsidenten Kemal Atatürk verboten und sind jetzt wieder bei Veranstaltungen zu bewundern.    

Das Bayerische Pilgerbüro in München bietet unterschiedliche Reisen in die Türkei an. Kontakt: Telefon 089/5458110, E-Mail info@pilgerreisen.de. Internet www.pilgerreisen.de.

 

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