Redaktion der pilger

Mittwoch, 02. Oktober 2013

Pfarrhaus Dudenhofen in Notquartier verwandelt

Am Wochenanfang: Ab der Kirche ist in Harthausen die Straße in Richtung des Explosionsorts gesperrt.

Die Explosionskatastrophe von Harthausen aus kirchlicher Sicht.

Das Wochenende am 28. und 29. September wird für die Harthausener ein denkwürdiges bleiben. Am frühen Samstagmorgen explodierten im Gewerbegebiet mehrere Gastanks. 16 Feuerwehrleute wurden zum Teil schwer verletzt. Die gesamte Ortsgemeinde – wie auch zwei Straßen im Nachbarort Hanhofen – mussten evakuiert werden. Ausnahmezustand – auch für die kirchlichen Mitarbeiter.

Eigentlich war der Samstag wie zum Feiern gemacht. Der renovierte katholische Kindergarten St. Kunigunde in Dudenhofen, das mit Harthausen, Hanhofen, Römerberg, Heiligenstein und Berghausen die Pfarreiengemeinschaft Dudenhofen-Römerberg bildet, sollte eingeweiht werden. Doch  schon am frühen Morgen schreckt eine Radiomeldung die in Speyer wohnende Pastoralreferentin Sabine Alschner auf. „Bei Speyer“ habe es eine schwere Gasexplosion gegeben. „Da habe ich mir noch nicht viel dabei gedacht“, gibt sie zu. Das ändert sich kurz darauf. Pfarrer Harald Fleck, Kooperator im Seelsorgeteam von Pfarrer Josef Metzinger, informiert sie telefonisch, dass die Explosion in „ihrer“ Pfarrei stattgefunden hat. Fleck will sich auf den Weg nach Harthausen machen. Doch die Zufahrtswege dorthin sind bereits abgesperrt.
Fleck disponiert um. Die Ganerbhalle in Dudenhofen ist sein neues Ziel. Dorthin werden die Harthausener gebracht, die  ihr Heimatdorf aufgrund der anhaltenden Explosionsgefahr verlassen müssen. Auch Sabine Alschner steuert die Halle an, nachdem sie am Kindergarten noch ein paar Dinge abgeladen hat.
Es ist die Sorge um „unsere Leute“, die sie dorthin zieht. Die trudeln dort nach und nach ein. Leute, die aus dem Bett gerissen wurden; Leute, die von den explodierenden Gasflaschen und -tanks verstört sind; Leute, die die Sorge um ihr Hab und Gut, um Familienangehörige, Feunde und Bekannte umtreibt. Mit Privatautos werden sie gebracht oder mit Fahrzeugen der Rettungsdienste. „Wie im Krieg“, bekommt sie zu hören und: „Was soll ich denn hier? Ich will nach Hause.“ Doch das geht nicht. Denn knapp drei Kilometer weiter kämpfen inzwischen Feuerwehren aus der ganzen Region darum, die Situation bei dem Gashändler in den Griff zu bekommen. Auch in der Ganerbhalle sind Helfer – Sanitäts-, Versorgungs- und Betreuungsdienste der Rettungs- und Hilfsorganisationen. „Die haben eine tolle Arbeit geleistet und innerhalb kürzester Zeit eine geordnete Struktur geschaffen“, zollt die Pastoralreferentin den Ehrenamtlichen ein dickes Lob. Hinzu kommen Notfallseelsorger aus Ludwigshafen. Auch der evangelische Gemeindediakon Werner Bücklein ist da. In Harthausen wohnhaft, ist er direkt betroffen. Dennoch kümmert auch er sich um die anderen Evakuierten.
Sabine Alschner hat die älteren Harthausener im Blick. Die, von denen sie weiß, dass sie allein sind und keine Angehörigen in den Nachbarorten haben. Sie beruhigt, spendet Trost, handelt intuitiv. Denn wie man in einer solchen Situation hilft, steht in keinem Lehrbuch. Anfangs überwiegt bei den Heimatlosen die Hoffnung, nach ein paar Stunden wieder in die eigenen Häuser zurückkehren zu dürfen. Doch am Nachmittag ist klar: Die Evakuierung dauert über Nacht.
Das ist das Startsignal für Dudenhofen. Ein ganzes Dorf hilft in einer Weise, von der die Pastoralreferentin auch Tage später noch zutiefst beeindruckt ist. Quartiere und Zimmer von privater Seite werden auch bei ihr gemeldet. Sie gibt die Daten an die zentrale Stelle weiter. Gäste, die in Hotels der Nähe untergebracht sind und von der Katastrophe erfahren, signalisieren, dass auch in ihren Zimmern zusätzliche Betten aufgestellt werden können.
Auch im mehrstöckigen Pfarrhaus können Leute untergebracht werden, entscheidet Pfarrer Metzinger, der am Vormittag noch bei den Kindergarten-Feierlichkeiten gebunden war. Hier packt die Nachbarschaft mit an: Betten werden ab- und im Pfarrhaus wieder aufgebaut, Matratzen, Decken und Kissen herbeigeschleppt. Binnen kürzester Zeit entstehen dort, zwischen Schreibtischen und Computern, im Gruppenraum unterm Dach sowie in den beiden Wohnungen des Pfarrers und der Haushälterin 18 Schlafplätze. Sie werden alle belegt, von einer bunten Mischung an entwurzelten Harthausenern: Die Tochter mit ihrer pflegebedürftigen Mutter findet sich dort ebenso wie die junge Familie mit den beiden Kindern und den zwei Hunden. Man arrangiert sich – hier wie auch in der Ganerbhalle. „Es gab in der ganzen Zeit nirgendwo ein böses Wort“, ist die Pastoralreferentin über die Disziplin der Evakuierten überrascht. Pfarrhaushälterin Annika Kröner sorgt dafür, dass am Abend jeder etwas zu essen bekommt.
Pfarrer Metzinger verzichtet in dieser Nacht auf sein Bett zugunsten eines älteren Gastes. Pfarrer Fleck bezieht mit seinem Wohnmobil an der Ganerbhalle Position – falls in der Nacht schnell ein Seelsorger benötigt wird.
Am Morgen trifft sich alles wieder in der Halle – und am frühen Nachmittag ist der Spuk dann endlich vorbei. Alle dürfen wieder nach Hause.
Erleichterung auch beim Seelsorgeteam: Die Kirche St. Johannes der Täufer in Harthausen, etwa 300 Meter von der betroffenen Firma entfernt, hat die Explosionen unbeschadet überstanden. Die Druckwellen haben allerdings durch die einen Spaltbreit geöffneten Fenster jede Menge Staub und Schmutz in die Kirche gewirbelt. Hier ist eine größere Putzaktion fällig. Die Betten im Dudenhofener Pfarrhaus waren bereits am Sonntagnachmittag von dem Mitgliedern des Gebetskreises bei deren Treffen abgebaut worden.
„Die Hilfsbereitschaft der Leute war unglaublich“, blicken die Seelsorger auf das ungewöhnliche Wochenende zurück. Auf eins ist Pfarrer Metzinger aber „stinksauer“: „Es waren alle da, vom Verbandsbürgermeister bis zur Ministerpräsidentin – und jeder hat mitgeholfen: Katholiken, Protestanten und auch de Muslime. Nur von unserer Bistumsleitung war niemand zu sehen. Es hat noch nicht mal jemand angerufen und gefragt, in welcher Form er uns unterstützen kann.“   

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