Redaktion der pilger

Mittwoch, 23. Oktober 2013

Die Begegnung mit Gott verändert alles

Gerechtigkeit ist Sein in der heilenden Gemeinschaft mit Gott – Gedanken zum Lukas-Evangelium 18, 9–14 von Diplom-Theologe Thomas Bettinger

Es ist das berühmte Gleichnis gegen die Selbstgerechtigkeit, die sich erhöht über andere. Hochmut kommt vor dem Fall. „Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ Überheblichkeit – eine schlimme Sünde, gelobt wird, wer sich klein macht. Da haben wir es, das Gleichnis mit dem erhobenen (überheblichen?) Zeigefinger, Generationen von Gläubigen wurden so nieder gehalten. Das Christentum ist aber keine moralinsaure Morallehre, es ist Evangelium, „Frohe Botschaft“, es ist die Geschichte einer Begegnung, einer Begegnung von Gott und Mensch! Und in dieser Begegnung geschieht etwas Wunderbares, sie macht Gott zu Gott und den Menschen zum Menschen.
Der Pharisäer steht für ein Modell von Religion, die Leistung fordert, die glaubt, mit Leistung etwas erkaufen zu können: Gerechtigkeit oder – anders ausgedrückt – das Wohlwollen Gottes. Ja, der Pharisäer erfüllt alle Gebote, er ist kein Räuber, kein Betrüger, kein Ehebrecher, zahlt zuverlässig seine Steuern. Das ist alles sehr löblich. Aber es wird hier aufgezählt wie eine Leistung, der eine Gegenleistung – eine Gegenleistung Gottes – entspricht. „Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen bin!“ Er ist auf Anerkennung aus, im öffentlichen Raum durch die Menschen, im Binnenraum durch Gott selbst. Im Kern ist dies heidnisches, magisches Denken: Ich gebe Dir was, Du gibst mir was. Ich gebe Dir die Genugtuung, Deine Gesetze zu befolgen, Du gibst mir Wohlwollen, Anerkennung, ein gutes Leben. Kann man Gott durch Leistung manipulieren, ihn sich verfügbar machen?
Der Pharisäer distanziert sich von den Menschen. Er ist „nicht wie die anderen Menschen“. Nicht wie „dieser Zöllner dort“. Der Pharisäer ist einer, der sich stark fühlt und – gerecht. Und der Starke braucht niemanden, der Gerechte keinen, der ihn gerecht macht. Er ist sich selbst genug. Er hat sich durch eigene Leistung gerecht gemacht – selbstgerecht.
Und der Zöllner? Er steht ganz hinten, versteckt sich fast, blickt nicht auf – aus Scham? Er schlägt sich an die Brust und betet nur einen Satz: „Mein Gott, sei mir Sünder gnädig!“ Da ist einer, der sich nicht stark fühlt, ja, geradezu erbärmlich schwach ist. Er kennt seine Begrenztheit, seine Gebrochenheit, ja, wohl auch Schuld – vor den Menschen und vor Gott. Dabei macht er sich aber nicht schäbig klein. Er bittet darum, dass Gott ihm gnädig ist, dass Gott sich ihm zuwendet. Er zeigt Mut und darin einen erstaunlichen Anspruch: Gott, wende Dich mir zu! Ich brauche Dich, ich schaffe das hier nicht allein. Ich komme mit diesem Leben, mit mir, mit meiner Schuld allein nicht zu recht. Du aber kannst mir helfen. Mit Dir kriege ich mein Leben auf die Reihe. Du vermagst, mir die Schuld zu vergeben und mir neues Leben in Freiheit zu ermöglichen! Hier ist ein Mensch zutiefst hilfsbedürftig. Er ist Gottes bedürftig.
Aber dieses Wesen ist auch Gottes fähig, d.h. es kann sich Gott so öffnen, dass sein Geist in es einströmen, durchfluten und ganz prägen kann. Es ist das große Geheimnis, dass der Mensch gerade dadurch ganz zu sich selbst kommt. Es ist der Weg der Menschwerdung des Menschen. Es ist die großartigste aller Begegnungen, die täglich, im Alltag, nach außen oft ganz unscheinbar geschehen kann: Der Mensch begegnet Gott, Gott begegnet dem Menschen. Und der Mensch wird so Mensch, und Gott wird Gott. Der Gott, der liebt, der sich selbst als Gott für Welt und Mensch offenbart hat. Gott ist ein Liebhaber, und ein Liebhaber braucht einen Geliebten, er braucht den Menschen, der von seiner Art ist, ihm selbst entspricht.
Der Zöllner öffnet sich in seiner Ohnmacht Gott, er öffnet sich für seine Liebe, eine Liebe, die bleibt und nicht enttäuscht. Das ist Hingabe. Der Pharisäer verschießt sich dagegen. Der Überhebliche ist nicht gottesbedürftig. Und er verpasst die alles verändernden Begegnung mit dem „ganz Anderen“ (Karl Barth), der auch ihn zu einem anderen hätte machen können.
Der Pharisäer erfüllt alle Gebote, aber er verachtet die anderen. Selbstliebe verkümmert zum puren Egoimus, wenn sie nicht mit der Liebe zum Nächsten verbunden ist. Der Pharisäer hat diese Liebe nicht. Hier wird das Gebot, das alle anderen Gebote umfasst (Matthäus-Evangelium 22, 40), verfehlt. Paulus sagt das deutlich in seinem Hohenlied der Liebe: „Und … hätte aber die Liebe nicht, nützte es mir nichts“ (erster Korintherbrief 13, 3). Jesus lebt anders, er geht zu den Zöllnern ins Haus, d.h. er macht sich nach damaligem Verständnis kultisch unrein. Er hält sogar Mahlgemeinschaft mit Zöllnern. Und die Begegnung mit ihm vermag den Zöllner Zachäus zu verwandeln: „Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden“ (Lukas-Evangelium 19, 9). Er wird zu einem Menschen, der erfüllt ist von der Liebe Gottes, die alles neu macht. Erfüllt von der Zuwendung Gottes wendet er sich den Menschen zu. Das meint Gerechtigkeit, Gerechtfertigtsein: Gott schaut mich an, schenkt mir seine Gemeinschaft und verwandelt mich in den Menschen, der ich von Anfang an von Gott her bin. Diese Erfahrung gebe ich weiter an andere.

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