Redaktion der pilger

Mittwoch, 30. Oktober 2013

Unbedingte Zuwendung

Jesus lebt die Barmherzigkeit und will, dass auch wir so leben – Gedanken zum Lukas-Evangelium 19, 1–10 von Diakon Helmut Husenbeth

Die Szene ist bekannt: Jesus mit seinem Gefolge in Jericho, der mächtige, aber von Gestalt kleine Oberzöllner Zachäus auf dem Maulbeerbaum, um Jesus zu sehen. Man kann sich über Zachäus wundern, ihn vielleicht belächeln oder sogar lächerlich finden. Bei der Lektüre dieser Bibelstelle im Religionsunterricht jedoch war Zachäus für die Schüler oft so etwas wie ein Star: cool, pfiffig, clever, unerschrocken, neugierig, schließlich überraschend erfolgreich – und am Ende sogar zur Umkehr bereit. Einfach eine starke Geschichte.
Diese Geschichte folgt bei Lukas unmittelbar auf die Heilung des Blinden bei Jericho. Jericho, nach Auskunft der Archäologen die älteste Stadt der Welt, wird zum wichtigen Ort sowohl der Verkündigung wie auch des heilspendenden und barmherzigen Wirkens Jesu.  Zwei bedeutende Ereignisse spielen sich also in Jericho ab: Die Heilung eines Blinden, dem das Augenlicht geschenkt wird, und die Umkehr eines zunächst skrupellosen Zöllners, der aber von Jesus als Mensch angenommen wird und der daraufhin sein Verhalten, ja sein Leben ändert.
Jesus heilt also den Blinden, der ihn laut schreiend um Erbarmen bittet, ohne auf das Murren der Leute zu achten und ohne ihn, wie in der jüdischen Gesellschaft damals üblich, nach seiner Familien- oder Vorgeschichte zu fragen. Und er wendet sich dem von der Gesellschaft verachteten öffentlichen Sünder Zachäus zu – ja er kehrt bei ihm als Gast ein. Auch hier, ohne auf die „Empörung der Leute“ zu achten  und ohne Bedingungen zu stellen.
Jericho wird also zum Ort des Heils, wo ausgesonderte Kranke und verachtete Sünder nicht nur einen respektierten Platz in der Gesellschaft bekommen, sondern wo ihnen ganz ausdrücklich „Heil“ und „Rettung“ geschenkt wird. Ist das nicht ein starker Fingerzeig für uns Heutige, auch für die heutige Kirche, immer zunächst erst einmal den Menschen in seiner konkreten Situation, auch in seiner Not, ja in seiner schuldhaften Verstrickung zu sehen, ohne sofort den moralischen Zeigefinger zu heben und Menschen zu stigmatisieren und auszugrenzen?
Jesus jedenfalls sieht den Menschen an und er nimmt ihn ernst. Beeindruckend, ja, das Herz rührend und erschütternd ist die Formulierung des Lukas: „Als Jesus an die Stelle kam, schaute er hinauf und sagte zu ihm: Zachäus, komm schnell herunter. Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein.“ Jesus versteht den Zöllner auf den ersten Blick, und der Zöllner versteht Jesus. Da wird kein Gefälle deutlich zwischen Jesus und Zachäus, sondern Zuwendung. Jesus stellt keine Bedingung. Die beiden sprechen nicht über Religion, nicht über Moral oder über politisches Fehlverhalten, auch nicht einmal über Reue, über Nachfolge oder Bekehrung. Zachäus aber, überrascht und bewegt, zeigt Reue. Sein Handeln ist Zeichen der Freude, das Ergebnis ist Umkehr.
Jesus hat dem Oberzöllner keinen Stempel aufgedrückt. Anders als für „die Leute“, die sich anklagend empören und längst ihr Urteil gefällt haben, ist der „Sünder“ für Jesus nicht von vornherein erledigt und ausgeschlossen. Der Befund der Begegnungen Jesu in Jericho ist: Erbarmen für den Kranken und Zuwendung für den verachteten Oberzöllner.
Auf den Spuren des Jesus von Nazareth sind wir alle gemahnt, ist auch die Kirche gemahnt, auch eine Kirche der Barmherzigkeit zu sein. Zuwendung brauchen ja gerade diejenigen, die sich – aus Schuld oder Schicksal – in schwierigen Lebenssituationen befinden. Mindestens sollen – und wollen – sie in ihrer Not wahrgenommen werden. Freilich darf Schuld nicht einfach weggewischt werden, aber sie darf auch nicht als vernichtendes Etikett verwendet werden.
Der Zöllner ist in Jesus der befreienden Liebe Gottes begegnet. Jesus, auf dem Fundament der biblischen Überlieferung stehend, hat gewiss das Gebet aus dem Buch der Weisheit (1.Lesung) gekannt: „Herr, … du hast mit allen Erbarmen, weil du alles vermagst, und siehst über die Sünden der Menschen hinweg, damit sie sich bekehren.“ Jesus erlebt diese Umkehr des Sünders. Jeder Mensch ist für Jesus und für Gott, unseren Vater, wichtig. Zachäus durfte das spüren, als Jesus sich ihm zugewendet hat: „Du bist mir wichtig.“ So wird er in die Gemeinschaft herein geholt.
Das ist auch für uns wichtig.  Christ sein kann man nicht für sich allein. Wir brauchen die Gemeinschaft, in der man sich gegenseitig auf dem Weg des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe bestärkt. Der Ruf Jesu „Ich muss bei dir zu Gast sein“ ist auch für uns Heil, Erbarmen und Gnade. Denn Jesus „ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.“

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