Redaktion der pilger

Donnerstag, 20. Februar 2014

Auf die rechte Wange kommt es an

Vom Sinn des Satzes „Auge für Auge“ – Gedanken zum Matthäus-Evangelium 5, 38–48 von Pastoralreferent Dr. Thomas Stubenrauch

„Auge für Auge – und die ganze Welt wird blind sein!“ So dachte Mahatma Gandhi über eines der bekanntesten Gebote im Alten Testament. Der Satz des großen indischen Weisheitslehrers klingt für mich überzeugend. Wenn sich Menschen immer nur an die Maxime halten: „Wie Du mir, so ich Dir“, dann wird es auf unserer Welt nie friedlich zugehen. Wenn immer nur Rache geübt wird, findet das Hauen und Stechen kein Ende. Schnell fallen mir Beispiele ein für die Spirale der Vergeltung, die sich scheinbar nie zu drehen aufhört: vom Familienkonflikt, der immer wieder durch kleine Sticheleien angefacht wird, über ökumenische Zwistigkeiten, die über Generationen gepflegt werden, bis hin zu manchen Bürgerkriegen, die seit Jahrzehnten toben und bei denen kein Ende abzusehen ist.
„Auge für Auge“ – Im Studium habe ich gelernt, dass der Sinn dieses alttestamentlichen Rechtsprinzips viel positiver war, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Es war auf den Täter gerichtet und zwang ihn, für seine bösen Taten eine angemessene Wiedergutmachung zu leisten. Wer seinem Nachbarn ein Schaf stahl, musste ihm den entsprechenden Wert des Tieres wieder zurückgeben. Damit wurde eine Abgrenzung nach zwei Seiten vorgenommen. Zum einen sollten mögliche Täter abgeschreckt werden nach dem Motto: Wenn Du etwas Böses tust, musst Du mit einer Strafe rechnen. Zum anderen sollte aber auch die Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben. Denn die Strafe darf nicht ungleich größer sein als der angerichtete Schaden. Deshalb liegt der Grundsatz „Auge für Auge“ bis heute den meisten Rechtssystemen zugrunde und garantiert ein zivilisiertes Zusammenleben der Menschen.
Und doch geht Jesus im Sonntagsevangelium weit über diesen Satz hinaus: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn. Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin.“ Jesus hat eine andere Perspektive als jene, die dem Satz „Auge für Auge“ im Alten Testament zugrunde liegt. Jesus geht es nicht um die Täter, sondern er hat die Opfer im Blick. Er will, dass sie nach einem erlittenen Unrecht nicht unter Berufung auf den Satz „Auge für Auge“ reflexartig nach Vergeltung schreien. Stattdessen ruft er sie auf, die andere Wange hinzuhalten. Jesus mutet mir also zu, dass ich auf Rache und Gewalt in jeder Form verzichte – auf dem Schulhof, in der Familie, gegenüber dem Chef. Denn wenn ich mit Worten oder gar mit den Fäusten zurückschlage, begebe ich mich auf das gleiche Niveau, auf dem sich der Schlagende bewegt, und werde selbst zum Täter.
Aber Jesus geht es um noch mehr. Im Religionsunterricht habe ich an dieser Stelle immer den Schülern erlaubt, dass sie einmal in ihrem Leben ihren Lehrer schlagen dürfen. Allerdings auf die rechte Wange. Schnell merkten die Schüler, dass das nicht ohne Verrenkungen klappt – zumindest, wenn sie Rechtshänder waren. Die einzige Möglichkeit, jemanden auf die rechte Wange zu schlagen, ist der so genannte Handrückenschlag. Bei diesem geht es nicht darum, möglichst große Kraft zu entfalten und dem anderen körperlich weh zu tun. Das Ziel besteht vielmehr darin, den anderen zu demütigen. Der Schlag mit dem Handrücken gibt dem anderen zu verstehen: „Du bist nichts wert!“ Wenn Jesus mich auffordert, die andere Wange hinzuhalten, dann soll ich damit zeigen: „Du kannst zwar meinen Körper oder meine Gefühle verletzen. Aber meine Würde kannst Du mir nicht nehmen.“ Die andere Wange meint also alles andere als einen resignierten Rückzug in die Opferrolle. Sie ist ein wirklicher Akt des Widerstands, allerdings des Widerstands mit gewaltlosen Mitteln.
Jesus hat das, was er mir abverlangt, selbst vorgelebt. Als er vor dem Hohenpriester steht, schlägt ihm einer der Knechte ins Gesicht. Jesus schlägt weder zurück, noch nimmt er die Schläge widerstandslos hin. Sondern er verweist darauf, dass er nichts Unrechtes getan hat.
Große Gestalten, wie Mahatma Gandhi und Martin Luther King, haben es ihm nachgemacht. Und sie haben erfahren, dass sie dadurch nicht nur ihre Würde bewahren, sondern dass sie damit die Kreisläufe der Gewalt durchbrechen und Dinge verändern können. Oder frei nach Gandhi: Wange für Wange – und die ganze Welt wird heil werden!

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