Redaktion der pilger

Donnerstag, 20. Februar 2014

Hoffnung auf eine Zukunft in Deutschland

Sichtlich betroffen verfolgt Schwester Waltraud im Internet gemeinsam mit Sara, Youssef, Sabina, Selvia sowie den Eltern Iqbal und Ibrahem (von links) das Ausmaß der Zerstörungen in der Heimat der Familie. Foto: Zimmermann

Kloster St. Magdalena in Speyer gewährt koptisch-katholischer Familie Unterschlupf

Zuflucht in Deutschland: Ibrahem und Iqbal mit ihren Kindern Sara (19), Selvia (16), Sabina (8) und Youssef (5) haben Asyl beantragt. Die christliche ägyptische Familie ist glücklich über die herzliche Aufnahme im Speyerer Kloster St. Magdalena – verbunden mit der Hoffnung, dass ihrem Antrag auf ständigen Verbleib in Deutschland möglichst bald entsprochen wird. Sie haben in ihrer Heimat Ägypten den Ausbruch von Gewalt und Zerstörung miterlebt, die Wut ungezügelter Massen, den irrationalen Hass gegen Andersgläubige. Als koptisch-katholische Christen sehen sie in Ägypten keine Zukunft mehr.

Der „pilger“ besucht die ägyptische Flüchtlingsfamilie in der Gästewohnung des Klosters St. Magdalena in Speyer. Natürlich gibt es Verständigungsbarrieren, denn die Eltern beherrschen noch keine Fremdsprachen. Doch die älteste Tochter Sara übersetzt, unterstützt von ihrer Schwester Selvia, vom Englischen ins Arabische und zurück. „Christen leben in Ägypten gefährlich“, betont Sara. Die Religionsfreiheit sei ebenso eingeschränkt wie die Möglichkeit zur Ausreise. Hunderten von ägyptischen Christen sei wie ihnen die Flucht auf Umwegen gelungen. „Es ist nicht möglich, für Deutschland ein Visum zu erhalten, allerdings bekamen wir eines für Georgien unter dem Vorwand einer Urlaubsreise.“
So ging es denn mit der Lufthansa von Kairo nach Tiflis (Georgien), per Transit wieder zurück und dann direkt nach Deutschland. Dort angekommen, beantragte die Familie sofort Asyl – so wie viele Hunderte ägyptische Flüchtlinge auch. „Mein Vater ist bereits im September ausgereist, um auszukundschaften, ob wir in Deutschland unterkommen können“, erzählt Sara. Er landete zunächst in Dortmund und ließ vier Wochen später seine Familie nachkommen. Ein kurzer Stopp in München, 14 Tage in Trier, drei Wochen in Ingelheim mit Endziel in Speyer. Bürgermeisterin Monika Kapps suchte nach einer geeigneten Unterkunft und erhielt bei den Dominikanerinnen in der Hasenpfuhlstraße die spontane Zusage.
Erste Ansprechpartnerin für die Familie ist Schwester Waltraud, die sich um allerlei Belange kümmert. „Sie hilft uns sehr“, betont Sara. Die Ordensfrau unterstützt beim Kontakt zu den Schulen und dem Kindergarten, bei Behördengängen, bei Fortbildungsmaßnahmen und Freizeitaktivitäten der Kinder. „Im Kindergarten hat sich Youssef sehr gut integriert“, freut sich Schwester Waltraud. Sabina, die die Grundschule besucht, macht durch ihre schnelle Auffassungsgabe auf sich aufmerksam. Selvia geht in die neunte Klasse einer Realschule in Ganztagsform, während Sara derzeit bei der Volkshochschule Deutsch lernt, damit sie nach den Sommerferien fit für die gymnasiale Oberstufe ist. Unterstützung gibt es auch im Freizeitbereich; so dürfen die beiden großen Mädchen wöchentlich kostenlos am Jazztanz der Tanzschule Sternberger teilnehmen. Die Eltern bedauern es, hier weder lernen noch arbeiten zu können, solange der Asylantrag läuft. „Mein Vater ist ,Teacher of Music‘ und hat als Klempner gearbeitet'“, erzählt Sara. Die Ausübung seines Berufs als Musiklehrer hätten die Moslems letztlich nicht mehr toleriert, denn „die Musik sei des Teufels“. Nun mache er sich mit europäischen Instrumenten vertraut, und Schwester Ambrosia zeige ihm, wie man Gitarre spielt. Die Schwesternschaft integriert die Familie auch durch Veranstaltungen. „Ab und zu feiern wir zusammen, es gibt Klaviermusik, ich zeige Bilder von unseren Missionsstationen und die Mädchen singen arabische Lieder.“
Bisweilen kommt Trauer über das Schicksal der Heimat auf. Selvia holt ihren Laptop und zeigt auf dem Internetportal „Youtube“ Filme von der Zerstörung koptischer Kirchen, über 30 wurden im Sommer letzten Jahres alleine in Oberägypten Opfer der Flammen. Niedergebrannt wurden auch Waisenhäuser, katholische Schulen und Klöster. Ein verheerender Anschlag galt dem Campus und den Gebäuden der „Jesuit and Brothers Development Association“ (JBA), einer Partnerorganisation des Hilfswerkes Misereor in der mittelägyptischen Stadt Al-Minya. JBA engagiert sich vor allem für die Verbesserung des Bildungssystems, organisiert Aus- und Weiterbildungsprogramme sowie Alphabetisierungskurse, unterstützt Pädagogen, Schulen und Kindergärten.
Im Heimatort der Familie, Abu Kurkas (einem Vorort von Al-Minya), zeigen erschreckende Aufnahmen, wie der Mob Wohnhäuser dem Erdboden gleich macht. Es sind bewegende Momente, als der Familienvater die Tochter übersetzen lässt, dass es sich auch um direkte Nachbarhäuser handelt. Andere Bilder zeigen ein höhnisch skandierendes Volk, die Täter anspornend. Mehrere Handys werden über die Köpfe gehoben, um den vermeintlichen Triumph zu dokumentieren.  „Polizei und Militär haben nichts unternommen“, so das resignierende Fazit. Ihren Besitz in Ägypten hat die Familie vor der Ausreise veräußert. Die Familie von Mutter Iqbal ist ebenfalls nach Deutschland emigriert. Ein Bruder des Vaters bleibt als Bischof der koptisch-katholischen Kirche in der „Heimat Ägypten“ zurück. Die Familie selbst hat die Entscheidung gefällt, ihr Ursprungsland auf immer hinter sich zu lassen. Sie möchte in Deutschland heimisch werden, einen Neuanfang wagen. Vielleicht gibt es irgendwann eine Reise nach Ägypten. „Aber auch dann nur für einen Urlaub, um Angehörige und Freunde zu treffen“, fasst Sara zusammen. (red)

Zahlen und Fakten

Politischer Hintergrund
Das Jahr 2013 war in Ägypten geprägt von Unruhen – vor und nach dem Sturz von Präsident Mohammed Mursi im Juli. Die Muslimbruderschaft, Gründer der Freiheits- und Gerechtigkeitspartei, der Mursi vorstand, reagiert auf den Militärputsch mit Ausschreitungen, indem sie insbesondere wirtschaftlich-sozial schwache und bildungsferne Muslime für ihre Zwecke instrumentalisiert. Zu den Leidtragenden zählen vor allem die koptischen Christen.

Koptische Christen
Die koptische Kirche ist die christliche altorientalische Kirche Ägyptens und wird auf den Evangelisten Markus zurückgeführt, der sie laut Quellen dort im ersten Jahrhundert gegründet hat. Der Begriff „Kopten“ lässt sich, aus dem Arabischen und Griechischen hergeleitet, mit „Ägypter“ übersetzen. Rund zehn Prozent der ägyptischen Bevölkerung sind Christen. Davon gehört die größte Gruppe mit zehn Millionen der koptisch-orthodoxen Kirche an. 235000 Christen zählt die koptisch-katholische Kirche, deren Oberhaupt der Papst in Rom ist, die koptischen Bischöfe wählen jedoch autonom ihren Patriarchen

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