Redaktion der pilger

Donnerstag, 20. Februar 2014

Einsames Genie voller Selbstzweifel

Michelangelo Buonarroti. Porträt von Jacopino del Conte, um 1535. Foto: wikipedia.de

Maler, Bildhauer, Architekt, Poet: Vor 450 Jahren starb Michelangelo Buonarroti

Als Papst Paul III. und der ganze vatikanische Hofstaat im Oktober 1541 das gewaltige, 180 Quadratmeter große „Jüngste Gericht“ an der Altarwand der Sixtinischen Kapelle in Augenschein nahmen, an dem Michelangelo fünf Jahre lang wie ein Besessener gemalt hatte, gab es einen Riesenskandal. Der Zeremonienmeister Seiner Heiligkeit, Blasius de Martinelli, empörte sich über die nackten Körper der Seligen und Verdammten: So könne man eine Taverne ausmalen, aber doch keine päpstliche Kapelle! Michelangelo war wütend und reihte den Zeremonienmeister, kaum waren die Besucher gegangen, mit einem exakten Porträt in die Schar der Höllenbewohner ein. Noch heute blickt Martinelli – als Totenrichter mit Eselsohren dargestellt – verzweifelt auf die Touristenscharen.
Michelagniolo di Lodovico di Lionardo Buonarroti-Simoni, wie das Genie mit vollem Namen hieß, erwarb sich seinen Ruf nicht nur als Maler und Bildhauer, sondern auch als Architekt und Dichter. Im toskanischen Städtchen Caprese bei Arezzo kam Michelangelo 1475 als Sohn eines Ratsherren zur Welt, aufgewachsen ist er in Florenz. Kaufmann sollte er werden, durfte aber dann beim berühmten Freskomaler Domenico Ghirlandaio in die Lehre gehen und auch die Bildhauerakademie besuchen, die der kunstsinnige Lorenzo de Medici soeben gegründet hatte. Bald holten die Medici den 15-Jährigen in ihren Palast, wo er Künstler, Poeten, Gelehrte kennenlernte und fleißig Marmorreliefs meißelte.
Er ging auf Wanderschaft nach Venedig, Bologna, Rom – und um jeden Muskel des menschlichen Körpers studieren zu können, begann er Leichen zu sezieren. Der Abt von Santo Spirito in Florenz stellte ihm dafür die Klosterkirche zur Verfügung. Michelangelo war noch keine 25 Jahre alt, da feierte man ihn bereits als besten Bildhauer Italiens. Seine gelungensten Frühwerke: die 1499 vollendete Pietà im Petersdom zu Rom, die Trauer und ruhige Ergebenheit zugleich ausstrahlt und bei der jede Gewandfalte, jedes Fingerglied unendlich exakt gemeißelt ist – und der „David“, von der Republik Florenz als Illustration der zivilen Tugenden Mut und Tapferkeit bestellt.
Als 1503 der autoritär regierende, aber mit hohem Kunstverstand gesegnete Julius II. Papst wurde, schlug endgültig die Stunde des Florentiner Universalgenies. Julius holte Michelangelo nach Rom, betraute ihn mit titanischen Projekten, drängte auf zügige Vollendung, schob neue Aufträge dazwischen, brachte jeden Zeitplan mit komplizierten Änderungswünschen durcheinander, geizte mit Gunstbeweisen ebenso wenig wie mit Demütigungen – es war eine schwierige, aber fruchtbare Beziehung.
Julius erteilte Michelangelo auch den Auftrag, die Decke der päpstlichen Hauskapelle – der Sixtina, in der heute noch die Kardinäle gekürt und die Päpste gewählt werden – auszumalen.
Vier Jahre lang arbeitete der Meister fast allein an der Decke. Die jungen Gehilfen, die man ihm schickte, verscheuchte er in der Regel bald wieder, weil sie seinen Ansprüchen nicht genügen konnten. Es war eine mörderische Aufgabe, Wochen und Monate auf dem Gerüst zu stehen und den Arm mit dem Pinsel stets über dem Kopf emporgestreckt zu halten. „A fresco“ zu arbeiten, erforderte ständige Anspannung und eine routinierte, rasche Maltechnik in höchster Konzentration – solange der Verputz noch nass war, weil so die wasserlöslichen Farben tiefer eindringen konnten und eine reinere Wirkung erzielten. Der Künstler musste mit einem sechsten Sinn für Farbnuancen ausgestattet sein, denn wie so ein Rot oder Blau endgültig aussah, ließ sich erst nach Tagen oder Wochen erkennen, wenn der Mörtel komplett getrocknet war.
Michelangelos größter Wurf bei der Ausmalung der Kapelle: die Erschaffung Adams. Die ganze spannungsgeladene Energie des Schöpfungsaktes konzentriert sich im weit ausgestreckten Finger des in gewagter perspektivischer Verkürzung in der Deckenmitte schwebenden Gottvaters, mit dem er den entspannt hingelagerten Körper Adams zärtlich, aber fordernd berührt: Mit einem hingerissenen Blick, freudig und nachdenklich zugleich, erwacht Adam zum Leben. Von diesem Moment an nannte man Michelangelo in Europa nur noch „il Divino“, den Göttlichen.
Michelangelo war ein misstrauischer, einsamer Mensch, der darunter litt, dass er bei aller Genialität von seinen Auftraggebern abhängig war, ständig ändern und umdisponieren musste und oft nicht verwirklichen durfte, was er für richtig und seriös hielt. Immer stärker zweifelte er am Wert der eigenen Arbeit – trotz seiner gefeierten Werke. Melancholisch, scheu, in seinen Gedanken oft um den Tod kreisend, „eingeschlossen wie ein Geist in der Flasche“, wie er selbst seine Abkapselung beschrieb, in einem häuslichen Chaos lebend, das sämtliche Dienstboten über kurz oder lang in die Flucht trieb, dann wieder jähzornig und aufbrausend, macht er den Eindruck eines psychisch angeschlagenen Menschen.
Er brauche keine Frau, scherzte er gegenüber einem Priester, der den alternden Junggesellen bedauerte. „Doch wer ihn genauer kannte, der wusste, dass seine eigentliche Liebe den jungen Männern galt, wenn sie nicht nur von Kraft strotzten, sondern auch geistig beweglich waren. Ein gewisser Tommaso Cavalieri, ein junger Adeliger, dem er zahllose Liebesgedichte widmete, erwiderte seine Zuneigung; die Beziehung blieb platonisch und ziemlich geheim. Sie währte bis zu Michelangelos Tod; 88-jährig starb er am 18. Februar 1564 in Rom. Der Leichnam wurde nach Florenz überführt und dort in Santa Croce beigesetzt. (Christian Feldmann)

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