Redaktion der pilger

Mittwoch, 08. Juni 2016

Berührt werden

Unser Glaube muss anrühren und zupacken – Gedanken zum Lukas–Evangelium 7, 36–8, 3 von Pastoralreferent Thomas Stephan

Ohne Berührungen können wir Menschen nicht leben. Berührt werden, berührt sein, sich berühren lassen, selbst berühren können, gehört zu den großen menschlichen Sehnsüchten. Berührungen sind im Bereich der Seelsorge jedoch ein äußerst heikles Thema, wenn man die Fälle von Grenzverletzungen, Übergriffen bis hin zu körperlichem und seelischem Missbrauch bedenkt, die in den letzten Jahren ans Tageslicht kamen.

„Wenn er wirklich ein Prophet wäre, müsste er wissen, was das für eine Frau ist, von der er sich berühren lässt; er wüsste, dass sie eine Sünderin ist“, lautet der Vorwurf eines Pharisäers Jesus gegenüber. Im Hintergrund des heutigen Evangeliums steht somit die Frage nach den Folgen der Berührung der unreinen Sünderin für Jesus. Reinheit ist dem Alten Testament zufolge die Voraussetzung für die Nähe Gottes und die Grundvoraussetzung, mit Gott kommunizieren zu können. Ohne selbst „rein“ zu sein, ist die Begegnung mit „dem Heiligen“ nicht möglich. Gewissenmaßen sind „rein und unrein“ die entscheidenden „Ordnungskategorien“, die das zwischenmenschliche Leben und das Verhältnis zu Gott bestimmen. So kann, nach Ansicht des Pharisäers, Jesus in keinem guten Kontakt zu Gott sein, da er durch die Berührung der Sünderin unrein geworden ist.

In einer, von außen betrachtet, gern auf Hochglanz polierten Welt, geht der berufliche Trend immer mehr in Richtung einer „sauberen“ Arbeit, bei der man sich die Hände nicht schmutzig machen will und chic in einem Büro sitzen darf. Auch hat das Auftreten von immer mehr Politikern, Behördenvertretern und Vorgesetzten etwas „Teflonartiges“ an sich, denn nichts will an ihnen haften bleiben, was das Saubermannimage gefährdet. Im Privaten halten sich auch immer mehr aus allem heraus, davon können Vereine, Parteien und Kirchengemeinden ein Lied singen, wenn es um die Besetzung von (Ehren-) Ämtern und die Übernahme vermeintlich unattraktiver Aufgaben geht. Doch was wird aus einer Gesellschaft, in der das Durchlavieren einen so hohen Stellenwert zu bekommen scheint?

Sprichwörtlich ist, dass man sich die Hände schmutzig machen muss, um einen Karren, der im Dreck steckt, herauszuziehen zu können. Etepetete sein kann man sich nicht leisten, wenn man tatsächlich noch etwas verändern will. Außerdem sollte klar sein, dass der Kontakt mit dem vermeintlich Unreinen, Unangenehmen, Unliebsamen nicht automatisch abfärbt und was heißt heute denn unrein?

Klar ist, dass es selten ein strahlendes Richtig oder Falsch gibt und ein Schwarz-Weiß-Denken geht an den Realitäten des Lebens vorbei. Für die Kirche besteht in einer „Zeit der Grautöne“ die Herausforderung darin, nicht zu dogmatisch zu sein. Menschlichkeit ist gefordert, die nicht Beliebigkeit bedeutet. Der Umgang mit Sündern und Schuldbeladenen aller Schattierungen, die wir alle nebenbei bemerkt auch selbst sind, darf nicht zu Überheblichkeit oder Gleichmütigkeit führen. Diejenigen, die vermeintlich einfache Lösungen anbieten und leichtfertig mit dem Finger auf andere  zeigen, sind um keinen Deut besser als der Pharisäer aus dem Evangelium. Wenn uns etwas unrein bzw. sündig werden lässt, dann ist es eine selbstzufriedene Erlöstenmentalität mancher extremer religiöser Gruppen, die sich selbst im Licht und alle anderen im Dunkeln wähnen.

Eine Seelsorge die nicht berührt, bringt nichts. Sie darf aber nicht übergriffig sein oder zu irgendeiner Form des Missbrauchs führen. Wenn allerdings das, wovon und woraus sie lebt nicht mehr anrührt, wozu ist sie noch gut? Von Jesus beispielhaft lernen heißt, dorthin gehen, wo die Menschen am Rande stehen, abgestempelt sind und ausgegrenzt werden. Von Jesus lernen heißt, mit ihnen zusammen weinen zu können und sie so anzunehmen, wie sie gerade sind. Von Jesus lernen heißt Worte der Vergebung und nicht der Verurteilung einander zuzusprechen, denn nur so werden Herzen gewonnen und Leben in Gottes Namen verändert. 

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