Redaktion der pilger

Mittwoch, 15. Juni 2016

Der Geschichtenerzähler

Rafik Schami bei seiner Ansprache anlässlich der Verleihung der Goldenen Zeile des DJV auf Schloss Ludwigshöhe. Foto: Andreas Danner

Deutsch-syrischer Schriftsteller Rafik Schami wird 70 – Vom DJV-Bezirksverband Pfalz ausgezeichnet

Rafik Schami gehört zu den bekanntesten Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur. In Damaskus geboren, lebt er seit 1971 in Deutschland, in der Pfalz. Am 23. Juni wird er 70 Jahre alt. Wenige Tage zuvor, am 11. Juni, zeichnete ihn der Bezirksverband Pfalz des Deutschen Journalistenverbandes (DJV) bei einer Feier in der Villa Ludwigshöhe bei Edenkoben mit der 50. „Goldenen Zeile“ aus. Bezirksvorsitzender Ilja Tüchter nannte die aufrechte Haltung Schamis mit als Grund für die Auszeichnung. Und weil er an „die Regeln glaubt, auf die er sich mit seinem Gegenüber geeinigt hat. Weil er der Wahrheit und der Kraft des Wortes verpflichtet geblieben ist.“

Schami ist ein Geschichtenerzähler: Seine Veranstaltungen werden als Autorenlesungen bezeichnet, weil das hierzulande die übliche Form der Begegnung zwischen Autor und Publikum ist. Aber Rafik Schami liest nicht, er spricht frei. Er hält sich nicht an seinem Buch fest, sondern inszeniert seine Erzählungen gestenreich und mit ausdrucksvoller Mimik. Mit seinem in der deutschen Literatur einzigartigen Stil folgt Schami der Tradition orientalischer Erzähler.

Die hat er als Kind in sich aufgesogen: Vom Friseur ließ er sich freiwillig den Haarschnitt ruinieren, nur um dessen Geschichten lauschen zu können. Die spätabendlichen Radioübertragungen sämtlicher Märchen aus „1001 Nacht“ hörte er gemeinsam mit seiner Mutter. Und groß war die Verzweiflung, als die letzte Nacht gekommen und die Geschichte unwiderruflich zu Ende war.

„Eine Scheherazade im sicheren Exil“ nannte ihn „Die Zeit“. Denn der Autor hat in Deutschland zwar eine neue Heimat gefunden; seine syrische Heimat aber hat er seit seiner Ankunft in Heidelberg im Jahr 1971 nicht wiedergesehen.

Rafik Schami stammt aus einer aramäisch-christlichen Familie, zusammen mit mehreren Geschwistern wuchs er in Damaskus auf. Sein bildungsbeflissener Vater hatte es durch harte Arbeit als Bäcker zu Wohlstand gebracht. Sein Sohn sollte Pfarrer werden und besuchte deshalb eine Klosterschule im Libanon. Aber Suheil litt unter dem Internatszwang. Nach einer schweren Krankheit durfte er nach Hause zurück. In Damaskus begann er ein naturwissenschaftliches Studium. Zu dieser Zeit hatte er längst die Literatur für sich entdeckt und schrieb für eine Wandzeitung. Dadurch geriet er ins Visier der Geheimdienste; die Zensur empfand er ohnehin als unerträglich. Die politische Situation in Syrien und der bevorstehende Militärdienst waren für ihn zwei gute Gründe, das Land zu verlassen.

In Heidelberg setzte Rafik Schami sein Studium fort. Die Anfänge waren steinig, denn er sprach kein Deutsch, und der ehrgeizige Plan, täglich 50 neue Worte zu lernen, erwies sich rasch als undurchführbar. 1977 erschien sein erster Text in deutscher Sprache, seit dieser Zeit schreibt er ausschließlich auf Deutsch.Parallel dazu entwickelte er seinen spezifischen Vortragsstil. Anfangs kamen nur wenige Zuhörer. Aber Schami gab nicht auf, und im Laufe der Zeit sprach sich herum, dass da eine Art Märchenerzähler unterwegs sei. Sein zunehmender Erfolg ermöglichte ihm ein Leben als freier Schriftsteller, nachdem er in den Jahren nach seiner Promotion in der chemischen Industrie gearbeitet hatte.

Inzwischen ist Schami einer der erfolgreichsten Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur und wird auch in den meisten arabischen Ländern gelesen. 2009 kam überraschend das Angebot, in Damaskus ein Kulturinstitut zu eröffnen. Ein privater Besuch in der Heimat wurde ihm allerdings untersagt. Für Schami ein klares Indiz dafür, dass man ihn lediglich benutzen wollte: Er lehnte ab.

Politisch ist er umtriebig wie eh und je. In Interviews und Fernsehauftritten prangert er eine mafiöse Clan-Struktur der arabischen Welt an, die der Westen zum eigenen Vorteil unterstütze. Sie habe einen Assad hervorgebracht und halte „reaktionäre Systeme“ wie die arabischen Ölstaaten am Leben.

Der Flüchtlingspolitik steht er skeptisch gegenüber: Selbstverständlich hätten Menschen aus Kriegsgebieten ein Recht auf Hilfe. Die Grenzen seien aber unüberlegt geöffnet worden, Europa biete ein Bild des Chaos. Voller Bewunderung sieht er dagegen die unermüdliche Arbeit zahlloser Ehrenamtliche für Flüchtlinge. Er selbst engagiert sich in den Ländern des Nahen Ostens. Sein Verein „Schams“ hat Schulen für Flüchtlingskinder in Beirut, Jordanien und in der Türkei gegründet. In Syrien bleibt ihm persönliches Engagement verwehrt. (red)

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