Redaktion der pilger

Donnerstag, 15. September 2016

Bekenntnisse eines Professorenpapstes

Das Interviewbuch von Peter Seewald „Benedikt XVI. – Letzte Gespräche“ ist bei Droemer erschienen und kostet 19,99 Euro. Foto: Verlag Droemer

Benedikt XVI. zieht Bilanz und übt Selbstkritik

Seit dem Mittelalter ist kein Papst zurückgetreten. Benedikt XVI. tat es 2013. Bis heute ist er mit sich im Reinen und überzeugt, damals den richtigen Schritt getan zu haben – aus gesundheitlichen Gründen. Das ist eine der Kernaussagen seiner „Letzten Gespräche“, die der heute 89-Jährige mit dem Journalisten Peter Seewald geführt hat und die nun als Buch erschienen sind.

Herausgekommen sind Bekenntnisse eines alten, geistig regen Professorenpapstes, der glaubhaft, selbstkritisch und mit Humor über sein Leben und Wirken spricht. Etwa, dass Menschenkenntnis nicht unbedingt zu seinen Stärken zähle. Schon als er 2005 mit 78 Jahren zum Papst gewählt wurde, sei ihm klar gewesen, dass er keine langfristigen Projekte mehr angehen könne. So etwas müsse man machen, wenn man noch mehr Zeit vor sich habe. Seinen Auftrag sah er darin, „vor allen Dingen versuchen zu zeigen, was Glaube in der heutigen Welt bedeutet, wieder die Zentralität des Glaubens an Gott herzustellen“.

Von persönlicher Enttäuschung oder gar von Erpressung könne in Bezug auf seinen Rücktritt keine Rede sein, versichert Benedikt XVI. „Zurücktreten darf man nicht, wenn die Dinge schiefliegen, sondern wenn sie in Frieden sind“, so seine Überzeugung. Seine am Rosenmontag 2013 verlesene Rücktrittsankündigung verfasste er in Latein. Nicht nur weil man so etwas Wichtiges einfach in der Kirchensprache machen müsse, sondern weil er Sorge gehabt habe, im Italienischen Grammatik-Fehler zu machen. Denn diese Sprache habe er immer nur „learning by doing“ praktiziert, aber nie systematisch gelernt. Ähnliches gelte für Englisch oder Französisch.

Das sagt einer, der in seiner langen wissenschaftlichen Laufbahn Vorträge in diesen Sprachen hielt und Welt-Bestseller wie „Einführung in das Christentum" verfasst hat. Und selbst als Papst noch unbedingt drei Jesus-Bücher schreiben musste, obwohl er, wie er rückblickend meint, heute selbst nicht weiß, wie er das geschafft hat. Denn eigentlich seien ihm sieben bis acht Stunden Schlaf heilig.

Geprägt hat ihn das Elternhaus. Zu Pünktlichkeit und Genauigkeit wurde er dort erzogen, zur Frömmigkeit sowieso, aber auch zu einer gewissen Widerständigkeit. Der Vater etwa hielt nichts vom Nationalsozialismus, las den „Geraden Weg“ des später von den Nazis hingerichteten Fritz Gerlich. Als eine Stofffirma, bei der die Ratzingers einkauften, enteignet wurde, bestellte man dort nicht mehr. Von einem Menschen, der einem anderen etwas weggenommen habe, wollte der Vater nichts beziehen.

Dass es in Dachau ein Lager gab, sei der Familie bekannt gewesen. „Dass es da schlimme Dinge gibt, wussten wir.“ Die Judenfrage sei aber insofern nicht so präsent gewesen, weil es weder am Wohnort der Familie in Aschau noch in Traunstein Juden gegeben habe. Seewald reflektiert mit seinem Gesprächspartner die Kinder- und Jugendzeit, aber auch die Münchner Studienjahre, die Professorenstellen in Freising, Bonn, Tübingen und Regensburg und natürlich das Zweite Vatikanische Konzi. Dessen Außenwirkung sieht er ebenso kritisch wie die heutige, materiell reiche katholische Kirche in Deutschland.

Als „progressiv“ stuft sich der emeritierte Papst in der Konzilszeit rückblickend ein, nicht im Sinne, aus dem Glauben auszubrechen, sondern „dass man ihn besser verstehen lernt und ihn richtiger, von den Ursprüngen her, lebt“. Dort traf er auch Hans Küng, der ihn nach Tübingen holen sollte. Aus manchen kurzen Antworten zu dessen Person mag der Leser seine eigenen Schlüsse ziehen.

Und da sind die persönlichen Einblicke in ein Papstleben. Die Treffen mit Staatsmännern seien stets interessant gewesen, hätten aber nicht zu seinen Lieblingsterminen gehört. Auch mit den Manschettenknöpfen habe er seine Mühe gehabt. Recht geärgert haben sie ihn, „so dass ich mir gedacht habe, der Erfinder muss tief ins Fegefeuer“. Auf die Frage, ob er sich als „Erleuchteter“ sehe, antwortet Benedikt mit Lachen und den Worten „Nein, nicht“. So elitär sei er auch wieder nicht, sondern „ein ganz normaler Christenmensch“ (red)

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