Redaktion der pilger

Donnerstag, 20. Oktober 2016

Gefahren des schönen Scheins

Jesus warnt alle, die selbstverliebt und selbstgerecht andere verachten – Gedanken zum Lukas-Evangelium 18, 9–14 von Pastoralreferent Thomas Stephan

In der griechischen Mythologie wird berichtet, dass der Flussgott Kephissos zusammen mit Leiriope einen wunderschönen Sohn hatte. Dieser lehnte die Liebe ab, die ihm von anderen entgegengebracht wurde. Schließlich verliebte er sich dennoch, als er sich in der Natur an einer Wasserquelle niedergelassen hatte, nämlich in sein eigenes Spiegelbild, das ihn von der Wasseroberfläche aus entgegen blickte. Doch er erkannte nicht, dass es sein eigenes Bild war, in das er sich verliebt hatte. Beim Versuch sich mit seiner Liebe zu vereinigen, nahm sein Leben schließlich ein tragisches Ende, indem er ertrank. Der Name dieses berühmten Göttersohnes war Narziss.

„Ich kam, ich sah, ich wirke!“, so war im letzten Jahr ein Artikel der Frankfurter Allgemeinen überschrieben. Melanie Mühl führte darin aus, dass der Narzissmus, also das krankhafte Ichbezogensein, das vorherrschende Krankheitsbild unserer Zeit ist, das den Burnout, also das Ausgebrannt sein, abgelöst hätte. Laut dem Artikel ist in der Politik, der Wirtschaft, dem Bildungswesen, der Kultur und dem Privaten, kurz überall, eine „Ausbreitung eines ausufernden Selbstbezogenheitstrends“ festzustellen. Beispielhaft wurde hier u.a. auf den Körperkult (z.B. mittels Tattoos), die Selfie-Sucht und den seit etlichen Jahren andauernden Boom an Selbsterfahrungskursen verwiesen.

Beim Blick auf das heutige LukasEvangelium wird deutlich, dass das beschriebene „Krankheitsbild“ weitaus ältere und tiefere Wurzeln hat. Zu Beginn des heutigen Abschnitts ist die Rede davon, wie Jesus „einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten“, ein Beispiel erzählte. In der dann folgenden berühmten Geschichte vom Pharisäer und Zöllner, die beide zum Tempel gehen, um zu beten, werden zwei Prototypen des Menscheins vorgestellt, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Einerseits ist die Rede vom Pharisäer, der Gott dankt, weil er nicht (so schlecht) wie die anderen ist und sich seiner Taten rühmt. Andererseits wird vom Zöllner berichtet, der sich still an die Brust schlägt und seine Sünden bekennt. Der Pharisäer steht in diesem Kontext für eine Gesetzesreligion, die das Entscheidende in der Erfüllung religiöser Pflichten sieht, der Zöllner für einen öffentlichen Sünder, der nichts vorzuweisen hat, außer seiner Reue und Bitte.

Als Adressaten dieser Erzählung dürfen durchaus die Jünger Jesu angesehen werden und mit ihnen wir heutige Christen. Jesus will damals wie heute die Augen für ein gottgefälliges Leben öffnen. Hierbei kommt es nicht darauf an, von wem wir uns abheben, wie wir dastehen und was wir vorzuweisen haben, sondern auf das, worum wir bitten und was wir bereuen.
Anspruch und Wirklichkeit miteinander zu vereinen fällt schwer. Ein gutes Beispiel, dem biblischen Anspruch näher zu kommen, ist die diözesane Kampagne „Gutes Leben. Für Alle!“, die in vielen Gemeinden Anklang findet. Zentrale Themen sind hierbei globale Verantwortung, Nachhaltigkeit, Schöpfung bewahren und teilen statt besitzen. Klar wird im Angesicht dieser Themen, dass es eine starke Gemeinschaft, ein „Wir“ braucht, um die Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft angehen zu können. Ein ignorantes Fürsichsein einzelner führt unweigerlich zu einem gesellschaftlichen und globalen Exitus.

Narziss hat einen hohen Preis für seine Selbstverliebtheit und die Ausblendung anderer gezahlt, indem er selbst unterging. Die bittere Wahrheit von heute ist, dass durch das narzisstische Verhalten vergleichsweise weniger es einer Masse von Unschuldigen zuerst an den Kragen geht. Es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass unser Wohlstand nicht selten auf der Ausbeutung, Ausnutzung und Unterdrückung so genannter Dritter-Welt- Länder fußt. Selbstherrlich diktieren wir ihnen unsere Bedingungen und Preise und brüsten uns im Gegenzug der ihnen geleisteten (Entwicklungs-) Hilfe, die in keinem Verhältnis zu unserem eigenen Nutzen steht. Hierzu passt, dass nicht wenige Konflikte in diesen Ländern oft eine direkte Folge einer katastrophalen (Kolonial-) Politik der Vergangenheit ist.

Doch auf dem Altar der Eigenliebe blüht auch bei uns so manche zwischenmenschliche Grausamkeit. Nehmen wir nur das Profitstreben und das Geltungsbedürfnis im beruflichen Alltag, wo nicht wenige bereit sind, andere alt aussehen zu lassen. Wer ist was wert und wen sind wir bereit zu unseren Gunsten zu opfern?

Das heutige Evangelium ist eine Warnung an alle Narzissten, die selbstgerecht und selbstverliebt andere verachten. Eine äußerlich zu sehr auf Hochglanz polierte Gesellschaft läuft Gefahr, von innen hohl zu werden. Nicht nur das ICH zählt, sondern was ist mit dem DU? Still Gott bitten und bereuen, vor lauter schönem Schein das eigentliche Sein nicht vernachlässigen wären ein guter Anfang.

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